Richard Ford: Irische Passagiere; Montage: rbbKultur
Hanser Verlag
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Kurzgeschichten - Richard Ford: "Irische Passagiere"

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Sie alle haben irgendwie einen Knacks abbekommen, einen Bruch im Leben: Die Protagonisten aus Richard Fords neuen Kurzgeschichten werden älter und müssen diese Brüche irgendwie verarbeiten. "Irische Passagiere" heißt das neue Buch des Pulitzerpreisträgers, denn Irland ist der rote Faden in diesen verschiedenen Biografien.

Ein Mann trifft eine ehemalige Geliebte wieder, sie gehen spazieren, erinnern sich an früher, küssen sich und gehen wieder auseinander. Ein Mann, frisch geschieden, nimmt eine Fähre nach Irland und unterhält sich mit drei Amerikanerinnen. Eine Immobilienmaklerin heiratet einen Mann, dem sie ein Apartment verkauft hat, es ist ihre jeweils zweite Ehe und sie geht schon nach kurzer Zeit wieder zu Ende.

Dem vermeintlich Kleinen und Unbedeutendem Aufmerksamkeit schenken

Vordergründig passiert in den Geschichten von Richard Ford gar nicht so viel. Aber da sind diese Figuren, die Ford persönlich zu kennen scheint, lebendige Figuren, die ihr Vorleben mitbringen, ihre Versehrtheiten und Verletztheiten. Diese Geschichten sind wie eine literarisch gewordene Illustration der sogenannten Eisbergtheorie: Als Leserin und Leser erfährt man nur ein Bruchstück einer Biografie, manchmal nur wenige Stunden im Leben einer Figur, aber dass es sich dabei um echt, wahre Menschenleben handelt, bezweifelt man keinen Moment.

Richard Ford ist einer, der nicht nur unterhalten möchte, sondern der mit seinem Schreiben auch etwas bewegen will, man könnte ihn einen Transzendentalisten nennen. Er hat einen Art moralischen Kompass. Literatur, sagt er, kann einen dazu bringen, sich mehr für das eigene Leben zu interessieren. Und genau das wünscht er sich als Reaktion auf seine Texte: Dass man sich das Leben ganz genau ansieht, und dem auch vermeintlich Kleinen und Unbedeutendem seine ganze Aufmerksamkeit schenkt.

Die Größe kleiner Texte

Der Titel "Irische Passagiere" bezieht sich darauf, dass es eine Art losen roten Faden gibt, der sich durch alle Erzählungen zieht, immer wieder kommen irische Wurzeln vor, einige spielen auch in Irland. Richard Fords Vater war aus Irland. Aber das Irischsein ist kein aufdringliches Leitthema, es schwingt einfach nur mit. Der deutsche Übersetzer Frank Heibert hat statt "Sorry for your trouble", wie der Erzählungsband im Original heißt, "Irische Passagiere" vorgeschlagen, und auch Richard Ford ist mit dieser Übersetzung einverstanden. Der deutsche Titel transportiert auch viel mehr als der Amerikanische eine der wichtigen Grunderfahrungen der Figuren: Sie sind Passagier im eigenen Leben, nicht immer in der Lage, vorherzusehen, wo sie landen, wenn sie irgendwo einsteigen.

Ein wunderbarer Band, der einem wieder einmal vor Augen führen kann, wie groß kleine Geschichten sein können, und wie lange Kurzgeschichten nachhallen können.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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