Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit; Montage: rbbKultur
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Sachbuch - Wolfram Eilenberger: "Feuer der Freiheit"

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Dass ein Philosoph dem Denken von Frauen ein ganzes Buch widmet, ist noch immer selten. Für den Berliner Autor Wolfram Eilenberger sind Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil sogar "Prophetinnen": so wollte er sein neues Buch ursprünglich nennen. Dass es nun unter dem Titel "Feuer der Freiheit" erschienen ist, passt gut zu Eilenbergers Weltbestseller "Zeit der Zauberer" (2018) und markiert eine Fortsetzung.

Tatsächlich führt der Berliner Philosoph sein ungemein packendes Erzählen der schrittweisen Verfertigung der Gedanken besonderer Charaktere in bewegten Zeiten konsequent fort. In "Zeit der Zauberer" zeigt er, wie zwischen 1919 und 1929 die philosophischen Welten von Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger entstehen. "Feuer der Freiheit" nimmt das Jahrzehnt zwischen 1933 und 1943 ins Visier, die "Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten". Wer hätte gedacht, dass es Frauen waren, die das von alters her Männern obliegende "Denken ohne Geländer" gerettet haben?

Denken als Heimat

Zumal sich diese vier Frauen gar nicht als Philosophinnen im akademischen Sinn betrachteten. In Eilenbergers Darstellung konnten sie nicht anders: den Zeitläuften ausgesetzt, mussten sie sich ihnen denkend widersetzen. Hannah Arendt, die Schülerin von Martin Heidegger und Karl Jaspers, musste als Jüdin aus Deutschland fliehen, erfuhr in Frankreich entsetzt vom Selbstmord ihres Freundes Walter Benjamin, zweifelte am Zionismus, wurde in den USA zur scharfzüngigsten "public intellectual": wahrheitssuchendes Denken als Heimat.

Freiheit als Anerkennung

Simone de Beauvoir und ihrem Lebens- und Geistesgefährten Jean Paul Sartre folgt Eilenberger in die Pariser Cafés und die Hotelzimmer der geteilten und getauschten erotischen Begegnungen, von der Studentenzeit über die ersten Lehrerjahre in der französischen Provinz bis zu Sartres Erfolg als Begründer des "Existentialismus". Nach der Besetzung von Paris wird ihr Spielraum deutlich enger, und während sich auch Sartres Blick auf "das Sein und das Nichts" verengt, entdeckt Beauvoir die Möglichkeit einer Freiheit in wechselseitiger Anerkennung: "Sich zur Ameise unter Ameisen zu machen oder freies Bewusstsein angesichts von Bewusstseinen".

Freiheit als Egoismus

Verblüffend ähnlich sind die Zeitdiagnosen der fast gleichaltrigen Denkerinnen, erstaunlich verschieden die Haltungen, die sie daraus ableiten. Jede für sich verteidigt die Freiheit des eigenen Urteils gegen die Versuchungen der Ideologien, sei es Kommunismus, Nazismus oder Konsumkapitalismus. Ayn Rand, als Alissa Rosenbaum in St. Petersburg geboren, emigriert mit 21 Jahren ohne ihre Familie aus der Sowjetunion in die USA und erkennt hier wie da die Gefahr, "dass die Herde zählt, aber der Mensch nichts ist". Ihre Antwort: radikaler Egoismus, gestützt allein auf die eigene Urteilskraft. Das hat sie in den USA zu einer Kultfigur der Silicon-Valley-Eliten werden lassen, während ihre Wirkung hierzulande kaum bekannt ist.

Freiheit als Liebe

Mit größter Sympathie behandelt Eilenberger die französische Gewerkschaftsaktivistin Simone Weil, die Simone de Beauvoir dafür bewunderte, über die Nachricht einer Hungersnot in China in Tränen ausbrechen zu können. Eilenberger beschreibt Weil als erstaunlich selbstlosen, Denken und Handeln bis zur Selbstaufopferung verbindenden Menschen. Ihre totale Nächstenliebe galt den Schwächsten der Gesellschaft. Schon 1934 beschreibt sie das Paradox "eines unendlichen Wachstumsglaubens in einer Welt endlicher Ressourcen".

Das Lachen der Prophetinnen

Auf einem Foto sieht man Simone Weil, sehr dünn, in einer viel zu großen Kampfuniform der Internationalen Brigaden, denen sie sich 1936 in Spanien anzuschließen versuchte. Mehr Kind als Frau, lächelt sie versonnen. Die Kunst, noch den widrigsten Umständen ein Lächeln entgegenzusetzen, ist allen vier Frauen eigen, und auch das macht Eilenbergers Buch zu einer erhellenden Lektüre. "Wenn die Weltgeschichte nicht so beschissen wäre, wäre es eine Lust zu leben", zitiert er Hannah Arendt. Hier kann diese Lust zu leben und zu denken neu entdeckt werden.

 

Natascha Freundel, rbbKultur

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