Alice Schwarzer: Lebenswerk © Kiepenheuer & Witsch
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Autobiografie - Alice Schwarzer: "Lebenswerk"

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Nach "Lebenslauf" folgt "Lebenswerk": Im zweiten Teil ihrer Autobiografie nimmt sich Alice Schwarzer ihre Arbeit der letzten 50 Jahre vor. Die großen Debatten und Themen, von Abtreibung über Prostitution, Pornografie und Sexismus bis zum Islamismus und der #MeToo-Debatte. Selbstkritik liegt der Ikone des Feminismus dabei fern.

Im zweiten Teil ihrer Autobiografie nimmt sich Alice Schwarzer ihre Arbeit vor – wofür hat sie gekämpft, was hat sie erreicht und: was bleibt eigentlich? "Wo bei anderen Menschen der Beruf steht, ist bei mir häufig zu lesen: Alice Schwarzer, Feministin“, schreibt sie. "Als sei meine politische Haltung mein Beruf. (…) Nein, von Beruf bin ich Journalistin, von Überzeugung Humanistin, Pazifistin und Feministin."

"Ich war naiv und nicht darauf gefasst"

Sie lässt Debatten, Kämpfe, Artikel und Auftritte Revue passieren, so wie das berühmte Streitgespräch mit Esther Vilar im WDR 1975 zu deren Buch "Der dressierte Mann", in dem Vilar behauptet, nicht die Männer beuteten die Frauen aus, sondern umgekehrt. Seit diesem TV-Auftritt sei sie eine öffentliche Person gewesen, so Schwarzer in ihrer Autobiografie. Das wurde sie erst recht mit ihrem Interview-Buch zur Frauen-Sexualität: "Der Kleine Unterschied und die großen Folgen", das in den 70ern zum weltweiten Bestseller avancierte.

"Frustrierte Tucke", männerhassende Emanze – Alice Schwarzer musste in der Folge einiges einstecken. Das gehe nicht spurlos an einem Menschen vorüber, schreibt sie, "aber ich war naiv, ich war damals tatsächlich nicht darauf gefasst".

Burka, Kopftuch und der politische Islam

"Lebenswerk" durchschreitet die verschiedenen Lebensthemen von Alice Schwarzer. Den Kampf gegen den Abtreibungsparagrafen 218 mitsamt der Aktion "Ich habe abgetrieben!" auf dem Stern-Titel. Den Kampf gegen Prostitution, Sexismus, für gleichberechtigte Arbeitsverhältnisse und gegen Burka und Kopftuch - für Alice Schwarzer Instrumente der Unterdrückung.

Gerade ihre Positionen zum Islam brachten Alice Schwarzer in den letzten Jahren immer wieder scharfe Kritik ein. Sie sei Rassistin und vertrete rechte Positionen, hieß es. Schwarzer mahnt: "Wie wir es auch drehen und wenden: Auch die leiseste Kritik an den oft grotesken Exzessen des politischen Islam wird heute als "Rassismus" gegen "den Islam" gegeißelt (wobei der übrigens gar keine Rasse, sondern eine Religion ist). Die Kritisierten sind stark eingeschüchtert."

Nur wenige wagten es, gegenzuhalten, sagt sie. "Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn nicht nur die Ideologen der AfD, sondern immer mehr auch eigentlich aufgeschlossene BürgerInnen ebenfalls "den Islam" mit dem Islamismus gleichsetzen – und allmählich zu einem echten Rassismus neigen".

Vorsicht vor neuen Geschlechter-Stereotypen

Angst vor Konfrontation hatte Alice Schwarzer jedenfalls noch nie. Vom "fatalen Trans-Hype" schreibt sie nun in "Lebenswerk" im Kapitel "Sexuelle Identitäten – neue Freiheiten?" und warnt vor einer erneuten Fixierung auf Geschlechterrollen – welche auch immer. "So manche Mann-zu-Frau-Transsexuelle – (…) – reproduzieren ein hart klischeehaftes Bild von Weiblichkeit“, schreibt sie.“Aus Amerika kommt die Kunde, dass organisierte Mann-zu-Frau-Communitys Feministinnen sogar verbieten wollen, weiterhin im Namen der Frauen zu argumentieren -denn das diskriminiere sie, die Transfrauen."

Viele Schlüsseltexte aus den Jahren 1971 bis 2020 sind angehängt, was dem Buch gut tut. Der "Wir haben abgetrieben!"-Aufruf im Stern. Auszüge aus anderen Büchern, Zeitungsartikel aus der FAZ und EMMA – der politischen Frauenzeitschrift, die Alice Schwarzer bis heute als Chefredakteurin leitet. Ein ganzes Kapitel widmet sie Angela Merkel, in dem sie – nicht uneitel – über Begegnungen mit ihr vor und während der Kanzlerschaft berichtet und mit Merkels Frauenpolitik ins Gericht geht.

Selbstgerecht – nicht selbstkritisch

Selbstkritik ist Alice Schwarzers Sache sicher nicht. So reflektiert sie zwar viele bekannte Positionen der letzten Jahrzehnte, bleibt aber uneingeschränkt bei ihrer Haltung. Sie hat recht – das strömt aus jeder Zeile und ist an vielen Stellen eben doch selbstgerecht. Allerdings ist das, was sie erreicht hat, tatsächlich bemerkenswert und vieles, wofür sie gekämpft hat, ist heute – leider - immer noch aktuell. Gegen das Etikett "Alt-Feministin" wehrt sich die 77-jährige Alice Schwarzer deshalb zurecht.

Nadine Kreuzahler, rbbKultur

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