Clarice Lispector: Aber es wird regnen; Montage: rbbKultur
Penguin Verlag
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Sämtliche Erzählungen in zwei Bänden - Clarice Lispector: "Aber es wird regnen"

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In Lateinamerika war sie schon zu Lebzeiten eine Legende, im Rückblick gilt sie als die Ikone der brasilianischen Moderne schlechthin: die 1977 verstorbene brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector. In Europa sind ihre Romane und Erzählungen hauptsächlich in feministischen Insider-Kreisen bekannt. Der Penguin Verlag macht sich seit ein paar Jahren daran, ihr Werk neu zu übersetzen – jetzt sind ihre sämtlichen Erzählungen erstmals alle auf Deutsch erschienen.

Jahrzehntelang galt sie als unübersetzbar. Sie, Clarice Lispector, die Sprachschöpferin, die Wörter hinwirft, als wären sie Köder. Köder, um etwas einzufangen, das viel tiefer zwischen den Zeilen oder gar zwischen den einzelnen Buchstaben liegt. Ihre Erzählungen sind sprachliche Reisen, die oft mit einer simplen Beobachtung beginnen. So etwa die Kurzgeschichte "Die Henne und das Ei":

"Morgens in der Küche sehe ich auf dem Tisch das Ei. Ich erblicke das Ei mit einem einzigen Blick. Auf der Stelle merke ich, dass man ein Ei nicht dauerhaft ansehen kann. Ein Ei anzusehen, hält nie bis in die Gegenwart: Kaum sehe ich ein Ei an, wird daraus, dass man ein Ei schon vor drei Jahrtausenden angesehen hat. – Sobald man das Ei ansieht, ist es die Erinnerung an ein Ei. […] Das Ei zu sehen, ist das Versprechen, eines Tages endlich das Ei zu sehen. […] Der Blick ist das notwendige Werkzeug, das ich nach der Benutzung wegwerfen werde. Das Ei werde ich behalten."

Das Rätselhafte unserer Wirklichkeit

So entspinnt sich eine Abhandlung über das Ei und seine Beziehung zur Henne, zur Erzählerin und schließlich zur gesamten Menschheit. Das Ei wird zum Symbol für das Rätselhafte unserer Wirklichkeit – eine Wirklichkeit, die sich vielleicht momenthaft erahnen lässt, auf die wir letztlich aber niemals wirklich Zugriff bekommen.

Oft ist es so bei Lispector: Ihr Antrieb ist metaphysisch, doch mit Intellekt allein kommt man nicht weit in ihren Geschichten. Sie selbst sagte kurz vor ihrem Tod 1977 in dem einzigen Interview, das sie einem brasilianischen TV-Sender einmal gegeben hat, folgendes über ihre Erzählungen:

"Entweder sie berühren Menschen oder sie berühren nicht. Ich vermute, die Frage des Verstehens geht nicht über Intelligenz. Sie geht über das Fühlen, darüber, in Kontakt zu kommen. […] Ich schreibe sehr simpel. Ich bausche Dinge nicht auf."

Der Schrecken des Lebendigen

Und dennoch sind ihre Geschichten unheimlich komplex. Hinter jeder der 84 Erzählungen verbirgt sich eine ganze Welt. Meist sind es weibliche Innenwelten: von Frauen – jungen und alten –, die am Gefühl der Entzweiung von der Welt fast zugrunde gehen. Von Figuren, die, wie sie schreibt, "ohne Narkose den Schrecken des Lebendigen" erleben.

Manche – nicht alle – ihrer Geschichten haben einen Plot – wenn Carmen und Beatriz etwa ihren gemeinsamen Ehemann umbringen und danach in tiefe Trauer verfallen. Eine besonders zarte Geschichte ist die eines jungen Mädchens, dessen einziger Wunsch es ist, einmal an Karneval verkleidet zu sein und mitzufeiern. Allerdings kommt es aus einfachen Verhältnissen und seine Mutter ist schwer krank – und ausgerechnet in dem Jahr, als das Mädchen einmal ein Rosenkostüm von der Mutter einer Freundin gebastelt bekommt und es voll kindlicher Vorfreude schon im Kostüm steckt, hat die Mutter wieder einen Krankheitsschub und das Kind wird zur Apotheke geschickt:

"Als Stunden später im Haus wieder Ruhe einkehrte, frisierte mich meine Schwester und schminkte mich. Aber in mir war etwas gestorben. Und wie in den Geschichten, die ich gelesen hatte, in denen Feen Menschen ver- und wieder entzauberten, so war auch ich entzaubert worden; ich war keine Rose mehr, ich war wieder ein Kind. Ich ging hinunter auf die Straße, und wie ich da stand, war ich keine Blume, ich war ein gedankenverlorener Clown mit roten Lippen. In meinem Hunger nach Ekstase fing ich immer wieder an, mich zu freuen, doch dann dachte ich reuig an den schlimmen Zustand meiner Mutter und starb ein weiteres Mal."

Eine körperliche Erfahrung

So zart, so poetisch schreibt nur Lispector über unser Geworfensein in die Welt. Ihre Erzählungen zeigen die pure Verletzlichkeit. Selbst wenn sie über freudige oder ganz alltägliche Momente berichtet – es ist, als befänden sich ihre Figuren im freien Fall. Ihre Sprache ist dabei durchdrungen von dem Wunsch, das Nicht-Sagbare zu greifen, irgendwie in Worte zu fassen. Dafür erfindet sie Wörter, spinnt Sätze, die sich manchmal mitten im Lauf noch für eine Kehrtwende entscheiden, und immer und immer wieder thematisiert sie, wie begrenzt unsere Sprache eigentlich ist:

"Ich muss sprechen, weil Sprechen rettet. Aber ich habe nicht ein Wort zu sagen. Die Worte, die schon gesagt wurden, haben mich geknebelt. Was sagt ein Mensch zu einem anderen? Außer: 'Wie geht's?'"

Lispector zu lesen, ist wie ein Sog, der nur schwer auszuhalten ist, weil er das Allerverletzlichste in einem berührt. Und das macht die Lektüre zu einer fast körperlichen Erfahrung.

Sarah Murrenhoff, rbbKultur

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