Emma Becker: La Maison © rowohlt
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Roman - Emma Becker: "La Maison"

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Am Ende kommen noch Janus, Olaf und Gerd zu Justine ins "La Maison", wie das Wilmersdorfer Bordell in Emma Beckers gleichnamigen Roman heißt. Sie bevorzugen SM-Praktiken, sind im sogenannten Studio des Freudenhauses der Dominus, der fesselt, peitscht und würgt, während Justine die Sklavin darstellt, die gefesselt, gepeitscht und gewürgt wird. "La Maison" ist Beckers dritten Roman, der in Frankreich für einiges Aufsehen sorgte.

Janus "hat keinen anderen Wunsch, als seine kleine Phantasie von einem widerstrebenden Mädchen zu verwirklichen", schreibt Emma Becker, Olaf ist "der Spezialist des Leerlaufs". Und Gerd derjenige, "dessen bloßer Name 'La Maison' auf den Kopf stellt", den Justines Kolleginnen alle großartig finden, "denn Gerd kennt sein Geschäft. Jede der glücklichen Auserwählten wird es bestätigen."

Emma Becker hat selbst in zwei Berliner Bordellen gearbeitet

Justine ist die Ich-Erzählerin in Emma Beckers dritten Roman, der in Frankreich für einiges Aufsehen sorgte und der jungen, 1988 in Paris als Emma Durand geborenen und seit vielen Jahren in Berlin lebenden Schriftstellerin zahlreiche Literaturpreise bescherte. Emma Becker hat selbst über zwei Jahre lang in zwei Berliner Bordellen gearbeitet, eben weil sie drüber schreiben wollte. Weil diese Idee, wie es am Anfang des Buches heißt "mehr oder weniger bewusst – immer da" gewesen sei: "Ich habe meine Karriere und dieses Buch also im Coco’s begonnen, im warmen Nest des extravaganten Luxus einer riesigen Wohnung, ohne je das Gefühl loszuwerden, dass langsam eine Falle über mir zugeht."

"La Maison" - das Bordell als ein Ort des Zusammenhalts

Das "Coco’s" liegt in der Schlüterstraße in Charlottenburg. Hier hält es Justine, wie Becker sich nennt, "weil es einfach ist und wegen de Sade", gerade einmal zwei Wochen aus, dieses Bordell ist ein brutaler, von Zuhältern und gestreng-unfreundlichen Hausdamen dominierter Ort, an dem die fast alle irgendwo aus Osteuropa stammenden Prostituierten wie Gefangene gehalten werden. Im "La Maison", in dem sie kurz darauf anheuert, geht es freundlicher zu, familiärer. Es ist ein Ort des Zusammenhalts, so wie Becker ihn beschreibt, ein Ort, um den sie richtiggehend trauert, als das Haus aus welchen Gründen auch immer schließen muss.

Becker erzählt, wie es dort aussieht, wie die Aufteilung der Zimmer ist, was in den Zimmer mit den "Freiern" passiert, wie sie und ihre Kolleginnen warten und sich die Zeit vertreiben. Natürlich geht es viel um Sex und um Sexpraktiken, auch die Gründe der Männer, "La Maison" aufzusuchen, schimmern durch, die Beweggründe der Frauen, hier zu arbeiten, ihre Einstellung zu Liebe und Sex.

Von einer stringenten Geschichte kann kaum die Rede sein

Zuvor beschreibt Becker jedoch recht ausführlich, wie sie zu ihrem Thema gekommen ist. Da geht es um Begegnungen mit einem gewissen Stéphane, der viele Jahrzehnte älter ist und einer ihrer besten Freunde. Oder um einen Dreier, den Justine, dem gleichaltigen Joseph schenkt. Joseph ist ihre große Liebe in Paris in jungen Jahren, und das Date mit Larissa, einem russischstämmigen Pariser Escort-Girl, wird zu einem Reinfall.

Vermutlich will Becker der eigenen Psyche, der ihrer Erzählerin damit näher kommen, auch an den in diesem Fall einschlägigen literarischen Verweisen spart sie nicht, von Bataille über Zola und Miller bis Louis Calaferte. Nur bekommt ihr Buch in der Folge doch etwas arg Mäanderndes, auch Langatmiges. Von einer stringenten Geschichte kann kaum die Rede sein, mehr von einer Abfolge von Szenen, die mit Songtiteln von großartigen Bands wie Gun Club, White Stripes, Velvet Underground, T. Rex, Télephone und vielen anderen überschrieben sind (vor allem der Underground-Blues scheint es Emma Becker angetan zu haben, tolle Playlist jedenfalls). "Juwelen" nennt Becker diese Art von Nummernprogramm, "beliebig aneinandergereiht", gesteht sie.

Becker verliert sich in Reflexionen über den Job als Prostituierte

Es gibt also hier den Chefarzt, der Justine zuhause aufsucht, als sie krank ist, der sich in sie verliebt hat - und der einmal kurz selbst als Ich-Erzähler die Perspektive übernimmt (warum bloß?). Dann gibt es dort einen gewissen Mark, der Justine im Bordell an eine alte Liebe erinnert hat und ebenfalls irgendwann zu Justine nach Hause kommt, privat, aber eben auch, um Sex zu haben (den sie ihm gewährt, er meint zahlt zu müssen). Und es gibt hier Lorna, eine Icke-Berliner, die einen Monolog über ihre Arbeit hält, und dort Svetlana, die eines Tages einfach weg ist, was in diesem Gewerbe gang und gäbe ist.

Ja, und im letzten Viertel des Buches, da ist "La Maison" schon geschlossen, da verliert sich Becker mehr und mehr in Reflexionen über ihren Job als Prostituierte ("Irgendwann wird unweigerlich eine Zeit kommen, in der einem die Argumente gegen die glückliche Hure ausgehen."), tauchen urplötzlich noch eben jene eingangs erwähnten SM–Liebhaber auf und werden kurz beschrieben.

Ewige Tabuzone

"Was mich hier festhält, sind die Mädchen, ihre Geschichten", sagt Justine einmal zu ihren Tagen im "Coco’s". Diese Geschichten jedoch erzählt sie kaum, noch weniger als die der Männer. Es sind halt nurmehr Bruchstücke, die Emma Becker privat von ihren Kolleginnen erfährt, bei aller spürbaren gegenseitigen Sympathie, bei aller Wehmut über die vergangene Zeit im "La Maison".

Für ganze, geschlossene Lebenserzählungen sind die Welt im Bordell und die Welt draußen halt zu klar voneinander abgegrenzt. Wie es drinnen jedoch zugeht, in dieser ewigen Tabuzone, dafür verschafft Emma Beckers Buch viele Einblicke.

Gerrit Bartels, rbbKultur

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