Ian McEwan: Erkenntnis und Schönheit; Montage: rbbKultur
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Essay-Band - Ian McEwan: "Erkenntnis und Schönheit. Über Wissenschaft, Literatur und Religion"

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Seine Bücher sind Weltbestseller und die Verfilmungen seiner Romane werden - wie "Abbitte" mit Keira Knightley oder "Kindeswohl" mit Emma Thompson in den Hauptrollen - zu großen Kinoerfolgen. Jetzt hat der britische Autor Ian McEwan, der immer wieder auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, ein Buch mit dem Titel "Erkenntnis und Schönheit. Über Wissenschaft, Literatur und Religion" veröffentlicht.

Der etwas blumig klingende Titel zielt wohl wohl darauf, Hoffnungen zu wecken, der Autor möge "Wissenschaft, Literatur und Religion" möglichst unterhaltsam verhandeln und poetisch ausbreiten. Aber McEwan kann nichts für den deutschen Titel: im englischen Original heißt das Buch schlicht und einfach "Science", also Wissenschaft.

Die fünf Essays basieren auf Vorträgen, die McEwan zwischen 2003 und 2019 bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat. Dabei geht es nie darum, seine eigenen Romane in einen wissenschaftlichen, politischen, religiösen, literaturgeschichtlichen Kontext zu stellen oder zu interpretieren. McEwan will zeigen, dass Erkenntnis schön und Schönheit erkenntnisreich sein kann; dass Wissenschaft sich viel schneller als neue Wahrheit in der Gesellschaft verbreitet, wenn sie schön, elegant und verständlich formuliert ist; dass Neues in Literatur und Wissenschaft vor allem eines braucht: intellektuelle Neugier, Risikobereitschaft, den Mut zum Scheitern.

Essays, in denen man McEwan beim Nachdenken beobachten kann

Wissenschaft und Literatur haben für McEwan vieles gemein, Erkenntnis ist für ihn ein geistiges Abenteuer voller schöner Momente, genau daraus formt er fesselnde literarische Erzählungen. Kaum jemand wäre besser dafür geeignet, einen Blick in die Geschichte der Wissenschaft zu werfen, ihre Triumphe und Verirrungen zu beschreiben und ein Plädoyer für Vernunft und Neugier zu halten, als McEwan. Neben dem amerikanischen Autor Richard Powers gibt es keinen Autor, der sich so brennend für Naturwissenschaften interessiert, für juristische Probleme, politische Konzepte, religiöse Abgründe wie Ian McEwan.

Nehmen wir einen Roman wie "Solar": da verhandelt McEwan nicht nur das Schicksal eines abgehalfterten Nobelpreisträgers, sondern auch noch Grundfragen der Physik, der Umweltpolitik und Klimawissenschaft. Oder "Kindeswohl": der Roman über einen an Leukämie erkrankten Jungen, den McEwan zu einem poetischen Traktat über Vernunft und Religion, juristische Weitsicht macht. Oder zuletzt "Maschinen wie ich": da geht es ja nicht nur um Liebe und Eifersucht, Leben und Tod von Mensch und Maschine, sondern da werden moralische Fragen und ethische Probleme der künstlichen Intelligenz und Neurologie verhandelt und in eine spannende Romanhandlung eingeflochten.

In den Essays können wir den Autor beim Nachdenken beobachten, sehen, was ihn umtreibt, was er alles im Kopf hat, bevor er sich hinsetzt und einen neuen Roman schreibt.

Von Einstein und Darwin zu Literatur

In einem Aufsatz verhandelt er die Frage, was Literatur und Wissenschaft verbindet und was sie über die menschliche Natur aussagen. Am Beispiel von Einsteins Essay über die "Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie" sowie Darwins Bericht "Über die Entstehung der Arten" und Darwins Buch über den "Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und den Tieren" beschreibt McEwan, wie zwei Wissenschaftler nicht nur den Mut haben, das Welt- und Menschenbild ihrer Zeit zu revolutionieren, sondern auch in der Lage sind, ihre neuen Erkenntnisse in schöne und elegante Literatur zu verwandeln.

Wie Einstein Gott vom Thron gestoßen und unser Universum aus den Wirkungsweisen von Raum und Zeit neu definiert hat, so hat Darwin den Menschen nicht als Krönung der göttlichen Schöpfung, sondern Ergebnis einer natürlichen Auslese und Teil einer Evolution neu definiert, die uns mit unseren direkten Verwandten verbindet, den Tieren, die uns auch in Mimik und Gestik ähneln und Scham und Schmerz, Angst und Freude auf ganz ähnliche Weise ausdrücken wie der Mensch - über Generationen und Gesellschaften hinweg, so wie auch die Literatur, über Generationen und Gesellschaften hinweg, auf einen zeitlosen Fundus von Verständnis, Emotion und Intellekt zurückgreifen kann: wie sonst könnte man erklären, dass die "Odyssee" oder "Anna Karenina" überall und immer verstanden und genoßen wird?

In einem anderen Aufsatz beschreibt McEwan, warum es - als Wissenschaftler - so wichtig ist, der Erste zu sein, warum Einstein und Darwin erst jahrelang herumtrödelten, mit ihren Büchern nicht vorankamen und erst einen Gang zulegten, als Konkurrenten am Horizont auftauchten, die zu ganz ähnlichen Ergebnissen zu kommen schienen. Nur der Erste heimst allen Erfolg ein, nur über ihn wird geredet, nur er bekommt den Nobelpreis: Da haben es Schriftsteller etwas einfacher: Zwar gibt es auch da ein Copyright und ein Plagiatsverbot, aber jeder weiß, dass er auf den Schultern von Riesen steht und mit seinem neuen Gedicht oder neuen Roman meistens nur die Tradition fortschreibt, es sei denn, man heißt James Joyce und erfindet mit einem tausendseitigen Roman, der an einem einzigen Tag spielt und Erlebtes und Erdachtes sprachlich durch den Fleischwolf dreht, die Literatur völlig neu.

Niemand wird uns retten, wenn wir es nicht tun

Der letzte Aufsatz des Bandes heißt "Endzeitstimmung". McEwan versucht zu verstehen, warum - obwohl die Wissenschaft ständig Fortschritte macht, Gott längst entzaubert ist und die Welt wie ein offenes Buch vor uns liegt - immer noch Menschen an übernatürliche Kräfte und strafende Götter glauben. Wie kann es sein, dass 350 Jahre nach Galileo Galilei ein saudischer Mufti 1975 in einer Fatwa verkündet: "Diejenigen, die da glauben, die Erde sei rund und bewege sich um die Sonne, sind Abtrünnige, ihr Blut kann vergossen werden"?

Und wie kann es sein, dass in den USA, einem Land, das "weltweit für mehr als 4/5 der wissenschaftlichen Forschung verantwortlich" ist und die meisten Nobelpreisträger stellt, "nur zwölf Prozent der Bevölkerung" glauben, "das Leben auf der Erde habe sich durch natürlich Selektion ohne Intervention einer übernatürlichen Instanz entwickelt"?

Die monotheistischen Religionen, meint McEwan, basieren auf Endzeit-Visionen und der Lust auf die Apokalypse, die wir, um Gott zu gefallen, auch gern selbst bewirken wollen: McEwan schüttelt da nur den Kopf: "Wir haben keinen Grund zu der Annahme, das irgendwelche Daten im Himmel oder in der Hölle vorgemerkt sind. Vielleicht vernichten wir uns selbst; vielleicht kommen wir davon. Uns dieser Ungewissheit zu stellen ist ein Gebot der Reife und unser einziger Ansporn zu klugem Handeln. (…) Niemand wird uns retten, wenn wir es nicht tun."

Frank Dietschreit, rbbKultur

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