Der legendäre Musiker wäre 80 Jahre alt geworden - John Lennon: Zwei neue Biografien

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Eigentlich könnte der 9. Oktober 2020 ein Tag der Freude sein: Denn der legendäre Song-Writer und Friedensaktivist John Lennon hätte seinen 80. Geburtstag gefeiert. Doch ein psychisch verwirrter Attentäter feuerte am 8. Dezember 1980 in New York mehrere Kugeln auf den ehemaligen Beatle, der gerade sein Comeback plante. Nun sind gleich zwei neue Biografien erschienen.

Wirklich Neues und Überraschendes gibt es nicht zu berichten - wie auch, über kaum einen Menschen ist so viel nachgedacht und geschrieben, gesungen und gefilmt worden, wie über John Lennon. Aber alle Biografen sind sich einig: er war Genie und Rebell, der lebende Widerspruch, freundlich und komisch, fies und sympathisch, unbeholfen und selbstbewusst: ein Romantiker und Zyniker. Als er behauptete, die Beatles seien populärer als Jesus, wurden seine Platten in den USA aus dem Radio verbannt und öffentlich verbrannt.

Ein Rollen-Virtuose

Lennon war ein aggressiver Jugendlicher aus der Arbeiterklasse, der nie überwunden hat, dass seine Mutter ihn als Kind ihrer Schwester übergab und er bei Tante Mimi und Onkel George aufwachsen musste. Er hat darunter gelitten, dass Menschen, die er liebte, so für starben: seine alkoholkranke Mutter Julia, sein herzensguter Onkel George, seine Geliebte Alma Cogan, sein bester Freund, Stu Sutcliffe, der anfangs bei den Beatles mitspielen durfte, obwohl er völlig unmusikalisch war.

Alle hinterließen eine große Leere in John, der zeitlebens glaubte, durch einen falschen Film zu taumeln, der trotzdem aber versuchte, sich mithilfe von Musik, Gedichten und Zeichnungen zu einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts zu entwickeln: ein Rollen-Virtuose, der alles spielen konnte, den dreisten Rocker in Ledermontur, den sanften Friedensapostel, den genialen Musiker und surrealen Dichter, den verlotterten Heroinsüchtigen und den zufriedenen Hausmann.

Zwei Biografien, die unterschiedlicher nicht sein könnten

Ob als Komponist oder Gitarrist, Sänger oder Philosoph: sein Name steht in jeder Rang-Liste, die aufgestellt wird, ganz oben. Alles wird immer wieder neu erzählt, neu bewertet, auf den aktuellsten Stand gebracht: Dass ein Update nötig ist, beweist Nicola Bardola: denn sein Buch ist die komplett Neu-Version einer Biografie, die er vor zehn Jahren veröffentlich hat. Trotzdem könnten seine und die Biografie von Lesley-Ann Jones unterschiedlicher kaum sein.

Bardola schreibt für Lennonisten und solche, die es werden wollen

Bardola schreibt für Lennonisten und solche, die es werden wollen. Wer die legendären die Alben der Beatles und des späteren Solo-Künstlers nicht kennt, wird nur Bahnhof verstehen. Bardola sortiert das Material und bereitet die Dokumente auf, er lotet Quellen aus und endet mit einer Liste von Webseiten, auf denen man Links zu Leben und Tod, Werk und Wirken von John Lennon finden kann. Fotos gibt es bei ihm nicht.

Jones schreitet alle Stationen noch einmal ab - von der Reeperbahn bin hin zu Yoko Ono

Bei Lesley-Ann Jones dagegen wimmelt es von Fotos, ihr geht es viel mehr um den Menschen als um das Phänomen, sie ist Lennon ganz nah, redet mit ehemaligen Weggefährten und Freunden, denkt sich in John hinein, schreitet mit ihm zusammen noch einmal alles ab, die Kindheit und Jugend in Liverpool, die Flegel- und Lehrjahre als Live-Musiker auf der Hamburger Reeperbahn, der Starrummel und die Selbstzweifel, die Suche nach Frieden, die Lust an der Selbstzerstörung. Sie wirft ein neues Licht auf die Frauen, die Johns Leben bestimmten, ein faires Licht auch auf Yoko Ono, die von Beatles-Fans als böse Hexe verteufelt wird, und doch die große Liebe seines Lebens war, eine international erfolgreiche Performance-Künstlerin, die Johns Kreativität erst richtig freisetzte: Nicht Yoko Ono hat die Beatles zerstört, sondern John Lennon, der das Gefühl hatte, die Geschichte der von ihm gegründeten Band sei auserzählt, es sei Zeit, den Stecker zu ziehen.

Statt einer Liste mit Webseiten schließt sie mit einem Katalog ihrer Lieblingslieder: Darin vor allem Songs, die John allein geschrieben hat. Denn nicht überall, wo Lennon/McCartney draufsteht, ist auch Lennon/McCartney drin: am Anfang haben die beiden noch vieles gemeinsam ausgeheckt, aber später, nachdem die Beatles aufgehört haben, live aufzutreten und nur noch im Studio herum bosselten, haben sie nur noch selten gemeinsam komponiert. Vereinfacht könnte man sagen, die schlager-artigen, melodiösen Lieder sind von Paul, die schrägen und surrealen Songs von John: "Nowhere Man", "Rain", "A Day In The Life", "Across The Universe" - typische Lennon-Songs, in denen das Leben als absurdes und auswegloses Theater besungen und beschrieben wird.

Wie verschieden Lennon und McCartney tickten, sieht man an "Strawberry Fields Forever" und "Penny Lane", zwei Lieder, die mit ähnlichen Gedanken spielen - und als Single mit doppelter A-Seite regelrecht verschwendet wurden.

"Strawberry Fields" - der beste Lennon-Song

Beide Songs sind bei den Aufnahmen zu "Sgt. Pepper´s Lonley Hearts Club Band" entstanden, dem vielleicht wichtigsten und besten Pop-Alben aller Zeiten. Um die Fans bis zum Erscheinen von "Sgt. Pepper" bei Laune zu halten, hat die Plattenfirma die beiden bereits fertigen Lieder als Single herausgebracht, und weil die Beatles das Dogma hatten, auf ihren Alben keine Songs zu veröffentlichen, die vorher schon ein Hit waren, durften diese beiden Lieder dann nicht mehr auf dem Album erscheinen. Beide, Paul und John, erinnern sich an Kinder- und Jugendtage in Liverpool: Doch während Paul nostalgisch verträumt und musikalisch munter durch die "Penny Lane" läuft, beim Friseur vorbeischaut und auf den Bus wartet, der ihn vom Vorort in die City bringt, sind Johns Erinnerungen poetisch rätselhaft und musikalisch avantgardistisch.

John erinnert sich an das Mädchenheim, das er von seinem Kinderzimmer aus sehen konnte und wie er nachtsüber die Mauer geklettert ist, um durch den Garten von "Strawberry Fields" zu schleichen und die nackten Mädchen zu sehen: Geigen quietschen, das Cello knarzt, mehrspurige Aufnahme-Bänder werden vor und zurück gespult. Es geht um reale und eingebildete Orte, alles ist voller religiöser und philosphischer Bezüge, Interpretation des Gefühls, anders zu sein als alle anderen, musikalisch gewordene Psychoanalyse: das beste Lied, das John Lennon je geschaffen hat.

John Lennon ruht nicht

Yoko Ono hat nie verraten, was aus der Asche von John Lennon geworden ist, es gibt keinen Friedhof, kein Grab, an das man pilgern kann: aber die von Fans eingerichtete Gedenkstätte, ein kleiner Garten im New Yorker Central Park, ist nach diesem Song, "Strawberry Fields", benannt. Es stimmt, wenn Nicola Bardola sagt: "Es ist kein Frieden um den Rockpoeten, der uns Frieden gibt mit seinen Songs. John Lennon ruht nicht."

Frank Dietschreit, rbbKultur

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