Michael Kleeberg: Glücksritter © Galiani-Berlin
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Biografie - Michael Kleeberg: "Glücksritter. Recherche über meinen Vater"

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Bücher über den eigenen Vater haben Konjunktur. Andreas Meier wäre da zu nennen oder aktuell Kurt Drawert mit "Dresden. Die zweite Zeit". In Deutschland geht es dabei meist um die Rolle der Väter im Nationalsozialismus oder in der DDR, doch es sind immer auch Erkundungen der eigenen Herkunft, der Familiengeschichte, Bücher, die, indem sie von Vätern handeln, der Frage nachgehen, wie man der geworden ist, der man ist.

Michael Kleeberg spricht deshalb von einer "Recherche über meinen Vater", so der Untertitel des Buches, das eben kein Roman, sondern eher ein Sachbuch in eigener Sache ist. Über die eigenen Erinnerungen hinaus versucht er, das Leben des Vaters zu rekonstruieren, eines durchaus typischen Vertreters der Generation der um 1930 Geborenen.

Er stammt aus eher ärmlichen, prekären Verhältnissen, kam zu nicht mehr als einem Hauptschulabschluss, war aber, nach NS-Zeit und Krieg, vielleicht gerade deshalb von einem gewaltigen wirtschaftlichen Aufstiegswillen in der Versicherungsbranche angetrieben. Er verdiente meistens gut, hat es aber trotzdem, wohl eher aus sozialen Gründen, nie wirklich nach oben geschafft.

Ein Einzelkämpfer ohne Netz und Absicherung

Kleebergs Vater-Recherche setzt mit einem Betrugsfall ein, dem der Vater im Alter, wenige Jahre vor seinem Tod 2014, aufgesessen ist. Per Mail erhielt er das Angebot, 15.000 Euro einzuzahlen und eine Million zurückzubekommen. Der Vater fiel auf diese billige Masche herein, weil er sich nicht etwa fragte, warum gerade ihm das angeboten wird, sondern dies in einer seltsamen Form von Auserwähltheitsdünkel für naheliegend hielt. Kleeberg erkennt darin ein Lebensmuster, auch bei sich selbst: Einzelkämpfer ohne Netz und Absicherung und im Zweifelsfall lieber mit dem Kopf durch die Wand.

Der Vater - eine "schizophrene Persönlichkeit"

Mit dem Vater verbindet Kleeberg aber noch mehr, vor allem, dass er offenbar ein begnadeter Geschichtenerzähler war. Auch wenn er dem Beruf des Sohnes misstraute, weil ein Schriftsteller nichts verdient, hat er zumindest dessen Talent vorgeformt. Er konnte Kindergeschichten aus dem Stegreif erfinden, zeichnete auch Comics, Jules Vernes-hafte Welterkundungen, die bei einem Spaziergang immer genau so lange dauerten wie der Weg bis zurück zur Haustür. Als Erzähler wird aus dem verschlossenen, unnahbaren, an den Mitmenschen nahezu interesselosen und manchmal auch gewalttätigen Vater ein ganz anderer Mensch. Kleeberg diagnostiziert eine "schizophrene Persönlichkeit": auf der einen Seite Hass, Verachtung, Herablassung, auf der anderen Zärtlichkeit, Liebe, Geborgenheit. Auch da sieht er sich durchaus als Erbe des Vaters.

Erklärungsversuche

"Glücksritter" kreist um die Frage, wie man der geworden ist, der man ist, und ob es ein zentrales Ereignis gibt, das die Ursache dafür sein könnte. Kleeberg findet eine Spur in den Jahren 1943/44, als der Vater im Rahmen der "Kinderlandverschickung" in ein Lager kam, weg von der Familie, bis das Lager dann plötzlich aufgelöst wurde und die Jugendlichen sich ganz alleine nach Hause durchschlagen mussten - wo immer das auch war. Vielleicht ist diese traumatische Erfahrung dafür verantwortlich, dass der Vater kein Vertrauen zu den Menschen aufbauen konnte und auch keine Freunde haben wollte.

Aber Michael Kleeberg weiß auch, dass derlei Erklärungen immer zu kurz greifen. Wir leben in einer Epoche, die überall nach Traumata sucht und alles für therapierbar hält. Doch was, wenn der Mensch einfach so ist, wie er ist und wenn es dafür keine Erklärung gibt? Wenn man also auf Begriffe wie "Anlage", "Natur", "Güte" oder "Bösartigkeit" kommt? Kleeberg legt das nahe, aber wenn es so einfach wäre, hätte er das Buch gar nicht schreiben müssen. Er geht durch die Erklärungsversuche hindurch, um dann zu erkennen, dass sie nicht ausreichen. Falsch sind sie deshalb aber nicht.

Selbsterkenntnis

Der Vater ist überzeugt, dass der Nationalsozialismus bei ihm keine Spuren hinterlassen hat. Doch er vertritt politische Positionen, die mehr als fragwürdig sind, wenn er z.B. glaubt, die Schuldfrage, wer den Zweiten Weltkrieg begonnen habe, sei ähnlich offen, wie beim Ersten.

Kleeberg arbeitet heraus, wie gerade das Alltägliche, Normale, scheinbar Unideologische die Persönlichkeit prägt, eben weil es so schwer greifbar ist. Auch in der väterlichen Tendenz, sich auf nichts und niemanden zu verlassen, erkennt der Sohn eine Reaktion auf die kollektivistischen Kindheitserlebnisse. Das sind keine großartigen oder neuen Einsichten, aber es sind Erkenntnisse, die wichtig sind und die dann auch zur Selbsterkenntnis werden. Es geht in Vaterbüchern wie diesem nicht darum, zu Gericht zu sitzen, sondern sich selbst als historisches Wesen in der Generationenabfolge zu erfassen. Das ist Kleeberg eindrucksvoll gelungen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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