Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen; Montage: rbbKultur
Suhrkamp
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Erzählungen - Ralf Rothmann: "Hotel der Schlaflosen"

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Kann es als Qualitätsbeweis gelten, wenn man einen Erzählband am Stück verschlingt wie einen saftigen Thriller? Sicher ist: Die Erzählungen in "Hotel der Schlaflosen" sind voll von Leben und Tod, Angst und Gewalt, Liebe und Schmerz. Allein die Geschichte, die dem Band den Titel gibt!

Januar 1940, Hochzeit des Stalin'schen Terrors. Zwei Männer essen im Keller eines Moskauer Gefängnisses Piroggen. Gleich wird der Henker Wassili Blochin den Schriftsteller Isaak Babel erschießen, Autor des berühmten Erzählbandes "Die Reiterarmee". Vorher bittet Blochin um ein Autogramm. Doch Babel kann nicht mehr schreiben, er wurde massiv gefoltert. Also nimmt Blochin Babels Fingerabdruck. Und schreitet zur Tat: "Falls du Kronen und Brücken aus Metall hast, beiß die Zähne nicht zusammen, hörst du [Babel]. Schön offen lassen den Mund, das macht's für uns beide leichter!"

Menschliche Unmenschlichkeit

Mord aus der Henkerperspektive. Historisch übrigens äußert korrekt wiedergegeben, nur das Gespräch zwischen Blochin und Babel ist im Wortlaut fiktiv. Man wird gebannt vom Entsetzlichen, vom Ausmaß der menschlichen Unmenschlichkeit. Die kritische Frage, ob Rothmann hier nicht zuletzt die Lust am Grauen provoziert, dürften sich viele erst hinterher stellen.

Rothmann kreist um ernste und letzte Dinge

Fast immer kreist Rothmann um ernste und letzte Dinge. Eine Geigerin hat eine tödliche Diagnose erhalten und reist mit ihrem Bruder nach Berlin, ohne ihn einzuweihen. Marlies wiederum wird als Kind oft geschlagen und quält als Erwachsene ihre Katze – eine harte, traurige Lebensgeschichte auf 13 Seiten. In "Der dicke Schmitt" bändelt der Erzähler mit einem attraktiven Mädchen an, deren Fuß verkümmert ist, und verlässt sie bald wieder.

Die vorletzte Erzählung, "Der Vodka des Bestatters", lässt die Zweifel wieder wachsen. Der 70-jährige Egon, Alkoholiker und Bestatter, vaterlos aufgewachsen, wird in eine Zeche gerufen. Man hat die Leichen lange verschütteter, umständehalber gut konservierter Bergleute gefunden, darunter Egons Vater, der einst mit 23 Jahren starb. Unwahrscheinlich – aber möglich. Doch dass der alte Egon in selbiger Nacht auch noch stirbt... im Campingstuhl neben dem Sarg, der die Leiche seines jung verstorbenen Vaters birgt? Das Schicksalhafte schlägt in Kolportage um. Andererseits: vielleicht hatte Rothmann einfach ein Bravourstück im Sinn, das man nachsichtig lächelnd lesen sollte.

Becircende Erzählkunst

Ob so oder so, Liebhaber sprachreflexiver Literatur werden den Band mit leisem Stirnrunzeln aus der Hand legen. Wer es schätzt, wenn in Geschichten so viel passiert, dass man immer mehr davon will, wird von Rothmanns Erzählkunst ein weiteres Mal becirct sein.

Arno Orzessek, rbbKultur

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