Rebecca Solnit: Unziemliches Verhalten; Montage: rbbKultur
Hoffmann & Campe
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Ein Bericht über vierzig Jahre gelebten Feminismus - Rebecca Solnit: "Unziemliches Verhalten. Wie ich Feministin wurde"

Die Erfahrung, überall und immerzu an Leib und Leben gefährdet zu sein, ist für Frauen so grundlegend und so selbstverständlich ist, dass sie gewöhnlich kein Thema ist – außer wenn spektakuläre Gewaltakte wieder einmal darauf hinweisen. Das ist Rebecca Solnits Generalthema – und bildet auch die Grundlage ihres neuen, autobiografischen Buchs.

Spätestens seit 2015 Rebecca Solnits Buch "Wenn Männer mir die Welt erklären" erschien, haben die Schriften der US-amerikanischen Feministin auch hierzulande Konjunktur. Jährlich erscheinen ein bis zwei ihrer Bücher auf Deutsch – ältere Essaysammlungen und Nachübersetzungen neben den aktuellen Werken der fleißigen Publizistin. Solnit trifft zweifellos einen Nerv.

Sie verleiht in ihren Texten dem Empfinden und den Erfahrungen von Frauen Ausdruck, die in den Produkten unserer Kultur eher nicht vorkommen. Die Erfahrung zum Beispiel, überall und immerzu an Leib und Leben gefährdet zu sein, allein deshalb, weil frau eine Frau ist: Eine Erfahrung, die so allgemein und so selbstverständlich ist, dass sie gewöhnlich gar nicht mehr formuliert wird.

Autobiografie der besonderen Art

Im nun aktuell vorliegenden Buch, einer Autobiografie der besonderen Art, erzählt die Autorin vom Beginn ihrer Eigenständigkeit als Kind einer Familie, in der Gewalt herrschte. Eine Wohnung in einem der ärmeren, schwarzen Viertel von San Francisco, unter dem Schutz eines freundlichen Hausmeisters, wird zum Gehäuse, in dem Entfaltung, Freiheit – und vor allem das Schreiben - möglich werden. Im Original heißt das Buch "Recollections of my Nonexistence", was den Kern von Solnits Selbstbeschreibung sehr viel besser trifft als die etwas rotzige deutsche Version.

Kampf um Sichtbarkeit

Tatsächlich geht es darum, wahrnehmbar zu werden, und zwar nicht als (mögliches) Opfer, sondern als erwachsene Person mit einer unverwechselbaren Stimme, eine Person, die sich nicht mehr hilf- und hoffnunglos zurücknimmt , sondern Tatsachen benennt, die bislang nur der weiblichen Hälfte der Welt bekannt waren.

Solnit schreibt über diese Selbstwerdung teils chronologisch, teils assoziativ - anhand von Orten, bestimmten Menschen oder auch Gegenständen. Wie zum Beispiel des Schreibtischs, an dem ihre Arbeit begann, Geschenk einer Freundin, die von ihrem Ex-Mann nach der Trennung schwer verletzt und beinahe getötet wurde.

Intellektuelle Tradition der Frauen

Sie schildert auch das Gefühl des Aufbruchs in der queeren Subkultur des San Francisco der 1980er Jahre, erzählt von Rückschlägen und ersten Erfolgen als Essayistin - wie sie, die Rolle der Muse verweigernd, darum kämpfte, in diesem männerdominierten publizistischen Genre ernstgenommen zu werden.

Heute wird sie von ihrem Verlag auf das - so wörtlich – Podest zu Joan Didion und Susan Sontag gehoben. Das Podest mag metaphorisch ein Fehlgriff sein, aber natürlich haben diese einflussreichen Theoretikerinnen und Publizistinnen viel dazu beigetragen, dass wir uns inzwischen auf eine intellektuelle Tradition schreibender Frauen zurückgreifen können.

Rebecca Solnit - Jahrgang 1961 und eine Generation jünger als die genannten – reiht sich in diese Tradition zweifellos ein. Vor 90 Jahren konstatierte Virginia Woolf in ihrem berühmten Essay "Ein Zimmer für sich allein" noch die völlige Abwesenheit

Katharina Döbler, rbbKultur

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