Stefan Kutzenberger: Jokerman; Montage: rbbKultur
Berlin Verlag
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Roman - Stefan Kutzenberger: "Jokerman"

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Die "Dylanologie" ist ein nichtakademisches, gleichwohl weltweit praktiziertes Fachgebiet, das zwischen Wissenschaft und Esoterik anzusiedeln ist. Dylanologen sind Nerds, die die Texte aller Dylan-Songs jederzeit parat haben und auf die aktuelle Weltlage anzuwenden wissen. In diesem Grenzbereich zwischen Wissen und Wahnsinn ist Stefan Kutzenbergers Roman "Jokerman" angesiedelt.

Dylanologen sind Nerds, die die Texte aller Dylan-Songs jederzeit parat haben und auf die aktuelle Weltlage anzuwenden wissen, die die Setlist sämtlicher Konzerte seit 1961 aufsagen können, wenn man sie nachts um zwei Uhr weckt und jede Buchzeile und jedes Interview des Meisters kennen, den sie liebevoll "Bob" oder "His Bobness" nennen. Die seltenen Wortmeldungen Dylans bei öffentlichen Auftritten inhalieren sie, als wären es persönliche Geheimbotschaften.

Eine Religion mit eigenem Erlöser

Die Protagonisten in Stefan Kutzenbergers Roman "Jokerman" bauen gerne Dylan-Zitate in ihre Gespräche ein, weil sie wissen, dass jede Gewissheit von Dylan präfiguriert worden ist und man sein Werk nur noch durchdringen muss, um die Menschheit einer besseren Zukunft zuzuführen. Dass die Dylanologie eine Religion mit eigenem Erlöser ist, macht bereits das Cover deutlich, auf dem der Sänger mit Gitarre und im Kostüm des Jokers auf einem Esel reitet – und wenn nicht nach Jerusalem, dann auf den Spuren dieser völlig abgefahrenen Geschichte nach Spanien, Island und Washington.

Autobiografischer Ausgangspunkt

Dorthin verschlägt es den Ich-Erzähler, der genau wie der Autor Stefan Kutzenberger heißt und aus Wien stammt, der schon ziemlich viel Dylan gehört und auch über ihn geschrieben hat. 1992 nämlich steuerte der Literaturwissenschaftler Kutzenberger für den im Falter-Verlag erschienenen Band "AustroBob" einen Beitrag bei, in dem er der Frage nachging, was es mit einem im Rahmen einer Kunstaktion in Wien in den Boden eingelassenen Dylan-Zitat auf sich hatte. Dieser autobiografisch verifizierbare Ausgangspunkt trägt dem Roman-Kutzenberger 24 Jahre später eine Einladung zu einem Dylan-Kongress ein, bei dem er sich mit gestammelten Bemerkungen darüber blamiert, dass Dylan "Jokerman" wie "Jokanaan" ausspricht, was auf Johannes den Täufer verweist.

Blamage im Kreis der versammelten Dylanologen

Im Kreis der versammelten Dylanologen wird der blamable Vortrag selbst zu einer Geheimbotschaft. Der isländische Groß-Guru Gudjónson lädt den Ahnungslosen in sein Domizil am nördlichsten Rand Europas ein, ohne dass "Kutzenberger" weiß, warum und wozu, doch da er immer knapp bei Kasse ist, nutzt er die schöne Gelegenheit, um ein paar Monate ungestört über Dylan zu forschen oder auch einfach bloß nichts zu tun. Dass er sich dort ausschließlich von Müsli und Thunfisch aus Dosen ernähren muss und es mit einer dauerschlechtgelaunten Frau zu tun haben wird, ohne Gudjónson je zu Gesicht zu bekommen, kann er nicht ahnen. Dafür findet er heraus, dass 15 Jahre vor ihm Amy Winehouse an seinem isländischen Schreibtisch saß und Studien zu "John Wesley Harding" betrieb und die Initialen JWH als den hebräischen Gott "Jahwe" entschlüsselte.

Der Roman verliert den Boden unter den Füßen

Das mag gerade noch durchgehen, doch von da an verliert der Roman, der bis dahin ein schönes Road-Movie ist, endgültig den Boden unter den Füßen. "Kutzenberger" bekommt – auch das Ergebnis einer aus Songtexten ableitbaren Botschaft – den Auftrag, nach Washington zu reisen und Donald Trump zu ermorden. Er trifft dort auf Hillary Clinton, die auch zum Geheimbund der Dylanologen gehört, allerdings zu einem verfeindeten Flügel, nachdem es über die Frage, ob nur Songtexte oder auch Dylanäußerungen in Konzerten als Botschaften zu verstehen wären, zu einem Schisma kam wie in der katholischen Kirche zur Zeit der Scholastik.

Weiters spielt ein von "Kutzenberger" in zarter Jugend besuchtes Dylankonzert in Linz eine Rolle, auf dessen Mitschnitt zwei Stellen herausgeschnitten wurden, Lücken, die für Hillary eine Art Welträtsel offenbaren könnten. Sehr hübsch ist dann noch eine Begegnung mit Salman Rushdie, dem der Autor sogar verzeiht, "Katzenberger" genannt zu werden, weil er auch nie weiß, ob man Rushdie oder Rashdie sagt. Rushdie ist da sehr gut getroffen, was man über die Hillary-Karikatur (und den ihr assistierenden Bill) nicht sagen kann – vom Mordkomplott gegen Donald Trump mal ganz zu schweigen.

Verliert Trump die Wahl, wird das Bob Dylan und seinen tapferen Exegeten zu verdanken sein

"Jokerman" macht lange Zeit viel Spaß, weil man erstens eine Menge über Dylan und seine Songs erfährt und zusammen mit Kutzen- oder Katzenberger eine abenteuerliche Reise unternimmt. Doch während der Erzähler in Island die Autoschlüssel verliert, so dass das Fahrzeug nur noch rumsteht, trägt es die von viel zu vielen absurden Einfällen beschleunigte Geschichte in hohem Tempo aus der Kurve. Nur Trump geht einigermaßen unbeschadet aus dem Geschehen hervor.

Ob das für ihn reicht, die Wahl zu gewinnen, werden wir sehen. Wenn er verliert, wird das aber in jedem Fall Bob Dylan und seinen tapferen Exegeten zu verdanken sein.

Jörg Magenau, rbbKultur

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