Anonymus: Die Trump-Tagebücher; Montage: rbbKultur
Hoffmann & Campe
Bild: Hoffmann & Campe

Fiktive Aufzeichnungen - Anonymus: "Die Trump-Tagebücher"

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Aufzeichnungen, Korrespondenzen, Telefonprotokolle, Randnotizen und andere Dokumente aus dem Leben des 45. Präsidenten der USA.

Donald Trump ist nicht nur Donald Trump. Trump ist Trump und zugleich die grelle Parodie seiner selbst. Das frustriert Satire-Profis seit langem. Trump hat ihnen immer schon ihr liebstes Stil-Mittel geklaut: die groteske Übertreibung. In Übertreibung ist Trump unschlagbar. Und wer könnte grotesker sein als er? Der pfiffige Anonymus, der "Die Trump Tagebücher" herausgibt, hat aus der Not ein Buch gemacht. Er verdichtet nur, was Trump seit Jahrzehnten tagtäglich und seit der Erfindung von Twitter für alle Welt hörbar von sich gibt. Das ist ausreichend starker Tobak. Pur verabreicht, wäre der aber etwas öde – jeder kennt mittlerweile Trumps narzistisch-cholerische Unflat-Fontänen und seine alzheimerartige Doofheit.

Korrespondenzen mit Neil Armstrong, Leonard Bernstein und Mutter Theresa

Der Clou der "Tagebücher": Es sind keine Tagebücher, nicht in der Hauptsache. Der anonyme Herausgeber hat vor allem Korrespondenzen Trumps mit Neil Armstrong, Leonard Bernstein, Mutter Theresa, Niki Lauda, Jil Sander, Johnny Cash, John le Carré, Jeff Koons und sonstigen VIPs der Hoch- und Popkultur erfunden – jeweils abgedruckt im Original (zumeist in Englisch, samt Übersetzung), auf Original-Briefpapier, mit den Original-Unterschriften der Celebrities, mit Original-Stempeln und all diesen Dingen. Man fragt sich, wie lange Hoffmann und Campe um die Rechte für diese hübschen Fälschungen kämpfen musste.

Authentisch wirkende Notizen

Oder sind es gar keine? Hat Trump 1977 während eines Fluges wirklich "Lolita" gelesen, daraufhin Vladimir Nabokov gebeten, seine Memoiren zu schreiben, und alsbald die Antwort erhalten: "Ich beobachte lieber hochentwickelte Lebewesen aus dem Schmetterlingsreich als Missgeburten der amerikanischen Mittelschicht"?

"Lolita" hat deutlich mehr als zwei Seiten, man zweifelt, dass Trump dem Pensum gewachsen war. Aber warum sollte Trump keinen Brief von Groucho Marx bekommen haben, der mit den Zeilen begann: "Sehr geehrter Herr Trump: Das Vergnügen, Sie kennenzulernen, war ganz auf Ihrer Seite"? Und gar nicht unwahrscheinlich klingt, dass Trump 1996 während der Fußball-WM in den USA ein Autogramm von Maradona mit der Aufschrift "COMMUNISMO O MUERTE" [Kommunismus oder Tod] abgestaubt hat. Seine diesbezügliche Tagebuch-Notiz wirkt zu 100 Prozent authentisch:

"MARADONA getroffen. Er leistet Unglaubliches. Habe mit ihm gefachsimpelt, und er hat über meine Fußballkenntnisse gestaunt. Niemand weiß mehr über Sport als ich. Das hat er sofort gemerkt, und er hat mir sein Autogramm gegeben und dazu geschrieben: 'DER KOMMUNISMUS MUSS STERBEN!' Großer Mann. Versteht mehr von Politik als der Senat der Vereinigten Staaten."

Lustiges Spiel mit Wahrheit und Lüge, Fakten und Fakes

Einen dezenten Hinweis auf den Wahrheitsanspruch des Buches enthält das Cover. Der schwarze Balken im stilisierten Flammengesicht Trumps erinnert an den Oberlippenbart Hitlers. Und dessen Tagebücher – 1983 fiel der Stern freudig auf Konrad Kujaus vielbändiges Führer-Geschwätz herein – waren gefälscht. In der Tat treibt Anonymus ein lustiges Spiel mit Wahrheit und Lüge, Fakten und Fakes. Viel Zeitgeschichte steckt in den Tagebüchern, viel Biographisches und womöglich mehr Ungefälschtes, als man denkt.

Wenn nur das biedere Vorwort des Herausgebers nicht wäre ...! Der darin mit seriöser Besorgtheit und total pc ausführt, die Welt habe ein Recht zu erfahren, wer dieser Trump sei. Puh, weiß das die Welt nicht bis zum Überdruss? Und als Warnung vor einer weiteren Amtszeit fällt ein Buch, das offiziell zwei Tage nach der Wahl erscheint, erst recht aus. Im Vorwort verlässt Anonymus also der Übermut, dem er ansonsten cool die Zügel schießen lässt.

Vergeistigte Liebhaber sokratischer Ironie haben natürlich sowieso nichts zu lachen. Aber, hey!, es geht um Trump! Und da sollte man auch zu Pennäler-Späßen aus dem Geist der Titanic aufgelegt sein. Nachdem das Klatschblatt New York Post 1990 lobende Worte der Schönheitskönigin Marla Maples über Trumps Liebeskunst erwähnt hatte, notierte dieser laut Anonymus brusttrommelnd:

"Meine Nächte mit Marla machen SCHLAGZEILEN. Nelson Mandela freigelassen? Reinhold Messner kehrt vom Südpol zurück? Das Vereinigte Königreich und Argentinien nehmen ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf? Alles kalter Kaffee. MEIN SEX MIT MARLA BEHERRSCHT DIE TITELSEITEN!! GEHT ES ÜBERHAUPT NOCH HÖHER HINAUF???"

Im Grunde ein Kurzporträt des alten blonden Kindskopfs. Eines von vielen.

Trump macht endlich mal Spaß

"Trumps Tagebücher" sind witzig und irrwitzig. Anonymus glänzt mit absurden Einfällen, tabulosen Pointen, gründlicher Recherche und völligem Freiflug der Fantasie. Schade, dass das Buch nicht früher kam! Vielleicht wird der größte Fehler an Trumps Präsidentschaft gewesen sein, dass nicht alle Welt immerzu laut über ihn gelacht hat. Hier ist die Gelegenheit, Versäumtes nachzuholen.

Das ändert leider nichts mehr, sagen Sie? Doch. In diesem Buch macht einem Trump endlich mal Spaß. Er hat keinen Humor, klar. Aber er ist ein Witz. Und in vorliegender Darreichung ein guter.

Arno Orzessek, rbbKultur

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