Helmut Lethen: Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug; Montage: rbbKultur
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Autobiografie - Helmut Lethen: "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug"

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Mit einem Zitat aus Brechts "Lied der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens" aus der Dreigroschenoper hat Helmut Lethen seine Erinnerungen überschrieben: "Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug". Der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Germanist und Kulturwissenschaftler Lethen ist schlau. Oder besser: sehr klug. Und doch deutet er allein mit diesem Titel an, dass alle Klugheit womöglich nicht reicht, um das eigene Leben in Gänze zu verstehen, dessen Irrungen, Wirrungen und Zufälle.

Davon hat es, das erfährt man bei der Lektüre dieser Autobiografie so einige in Lethens Leben gegeben. Häufig hat er dann auch keine definitiven Antworten, sondern stellt Fragen auf bestimmte, ihm nicht ganz so erklärliche Phänomene. So beispielsweise schon bei der Erinnerung an die ganz jungen Jahre.

1939 in Mönchengladbach geboren, das damals noch München-Gladbach hieß, war seine Kindheit eigentlich eine unruhige, geprägt von der Angst vor den alliierten Bombenangriffen und unheimlichen Gestalten in den Ruinenkellern: "Warum erinnere ich mich trotzdem an meine Kindheit als eine angstfreie Zeit?" Oder er fragt einmal, da ist er mit seinem Kältebuch schon eine Art Star der Kulturwissenschaften: "Wer aber hätte damals ahnen können, dass der Titel zum geflügelten Wort werden sollte?"

Verhaltenslehre der Kälte

Ohne dass er sich dazu explizit selbst erklärt, kann man davon ausgehen, dass Lethen bei allen Zweifeln und Fragestellungen sich wiedergefunden hat in einem der Kerngedanken des Philosophen und Soziologen Helmut Plessner. Dieser forderte in seinem 1924 veröffentlichten Buch "Grenzen der Gemeinschaft": "Das Individuum muss sich eine Form geben, in der es unangreifbar wird, eine Rüstung gleichsam, mit der es den Kampfplatz der Öffentlichkeit betritt."

Lethen baute um diesen Gedanken herum seine Kältelehre, sein Lob der Distanz, verbunden mit der Abkehr von der Wärme der Gemeinschaft, der "Tyrannei der Intimität". All das beschrieben an den "Lebensversuchen zwischen den Kriegen", wie sein Buch im Untertitel heißt, von Lebensversuchen so unterschiedlicher Intellektueller wie Bertolt Brecht oder Ernst Jünger, Walter Serner, Walter Benjamin oder eben Helmut Plessner.

Lethen verfasste dieses Buch an seinem Küchentisch in Maarssenbroeck, einem Reihenhausviertel zwischen Amsterdan und Utrecht. Hier in Utrecht hatte er fast zwanzig Jahre von den siebziger Jahren bis Mitte der neunziger Jahre eine Professur inne, nachdem er als Assistent am Lehrstuhl der Germanistik an der FU weder an der Uni in Bremen noch an der in Marburg trotz sehr guter Berufungsranglistenplätze genommen worden war.

Zu einer Beamtenlaufbahn in der Bundesrepublik sollte es wegen seiner linksradikalen Vergangenheit nicht langen. Lethen war Mitglied der KPD/AO, einer maoistischen K-Gruppe, aus der er 1975 wegen "Versöhnlertum" ausgeschlossen wurde. Man warf ihm vor, die Kampagne für ein Kinderkrankenhaus in Kreuzberg (dem Bethanien) "auf das Niveau einer Bürgerrechtsbewegung gedrückt zu haben".

Wegbegleiter

Ausführlich und mit einem beeindruckenden Gedächtnis für Namen und Ereignisse beschreibt Lethen die "tumultösen" Jahre jener Zeit in West-Berlin. Zuweilen erinnert sein Buch an ein einziges Namensregister, zu dem diverse Seminararbeiten der Studenten kommen, deren Aufgabenstellungen Lethen sich erinnert. Einmal listet der 81-jährige eine ganze Seite nur mit Namen von den Fellows, die er seit 2006 als Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien einladen durfte. Was ihm selbst dann auffällt: "Man kann es mit dieser Kaskade von Namen so halten, wie ich es bei der Lektüre von Nick Hornbys Roman ’High Fidelity’ hielt, der gefühlt hundert Namen von Bands und Songs nennt, die Stimmungen der Melancholie, der Angst und des Glücks auslösen sollen - von denen ich aber höchstens zwanzig Prozent kannte."

Trotzdem: Man kennt doch so einige Mitstreiter aus Lethens bewegten Jahren, man erfreut sich der Anekdoten über Adorno, Peter Szondi, Jakob Taubes und anderer. Und man liest dieses sowieso kluge Buch mit dem meisten Gewinn, wenn Lethen sein Denken in Sätze bringt, er seine Entwicklung zu verstehen versucht, sein Faible für Ernst Jünger oder Carl Schmitt genauso wie für Adorno und Walter Benjamin, auch seine Abkehr von letzteren: "Hatte ich mich nicht von den Theorien der Frankfurter Schule getrennt, weil die Art ihrer Kontemplationen nur zu Paradoxien, also zu Handlungslähmung führte?"

Oder wenn er erklärt, dass es erst 1957 Alain Resnais’ Film "Nacht und Nebel" war, der ihm erstmals die Schrecken des Holocausts vorführt, verbunden mit wieder einer, eher rhetorischen Frage: "Woher und auf welchem Weg hätten die Schreckensgeschichten zu uns durchdringen können, solange die verbliebene Funktionselite des NS-Staats die Akten der Verbrechen unter Verschluss hielt."

Auch zu seinem privaten Leben, zu seiner ersten Ehe, seinen Freundinnen und seiner Zeit in Holland als geschiedener Mann äußert Lethen sich. Und selbst als das Private heikel wird, zunehmend konfrontativ politisch, als nämlich seine zweite Frau, Caroline Sommerfeld, die seine Studentin in Rostock war, sich den Rechten zuwendet, sich den Kreisen der Identitären anschließt, schweigt Lethen sich nicht aus, sondern stellt die Konfliktlinien dar. Er verwirft die Ursprungssehnsucht der Rechten, die Erzählung vom "Lichtpunkt des Beginnens", den es halt nicht gibt, weil sich eine Vergangenheit, eine Entwicklung unwahrscheinlich vieler Schritte verdankt und im einzelnen aufgeschlüsselt werden muss.

Lethen sagt, für ihn wäre es nun weiß Gott kein Lebenselixier, ins "Kältebad mythischer Erzählungen" einzutauchen. Doch einsehen will er auch nicht, "warum ich jetzt noch in das mythische Wärmebad des Ursprungsdenken eintauchen sollte, das so desaströse Spuren in der deutschen Geschichte hinterlassen hat."

Erstaunlicherweise bekennt er, der es nicht so mit der Wärme hat, dass er überhaupt nicht daran denke, wegen dieses doch fundamentalen Konflikts die Familie mit Sommerfeld, mit der er zwei Söhne hat, zerbrechen zu lassen. Nein, er liebe diese ganz und gar "mit ihrem Pulsschlag des Daseins, dem Glück und den Mühen der Erziehung." Denn wie heißt es in Brechts Lied auch:

"Ja, mach nur einen Plan
Sei nur ein großes Licht
Und mach dann noch ’nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht."

Die Gefühle, die Liebe lassen sich nun einmal nicht planen oder den Bedingungen einer Planwirtschaft unterwerfen. Anzunehmen, dass es Lethen in diesem Punkt mit der Alternative-Psych-Rockband Monster Magnet hält: "It's a satanic drug thing, you wouldn't understand."

Gerrit Bartels, rbbKultur

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