Susan Sontag: Wie wir jetzt leben; Montage: rbbKultur
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Erzählungen - Susan Sontag: "Wie wir jetzt leben"

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Es waren nicht ihre Romane und Kurzgeschichten, die Susan Sontag bekannt gemacht haben, sondern ihre Essays und Sachbücher – "Krankheit als Metapher" zum Beispiel, der berühmte Essay "Anmerkungen zu Camp" oder ihre Texte über Fotografie. Dabei war ihr die Prosa selbst sehr wichtig und sie hätte sich dafür mehr Aufmerksamkeit gewünscht.

Nur ein Kurzgeschichtenband erschien zu Lebzeiten Sontags: "I etc.", 1978 in den USA, ein Jahr später auch auf Deutsch. Der Hanser Verlag hat nun fünf Geschichten in der Übersetzung von Kathrin Razum herausgebracht. Die titelgebende Erzählung "Wie wir jetzt leben", erstmals 1986 im New Yorker erschienen, handelt von der Krankheit AIDS, auch wenn sie nicht direkt benannt wird.

Wenn man Sontags Abhandlungen zum Thema Krankheiten kennt, liest man natürlich mit einer gewissen Erwartungshaltung: Susan Sontag hat sich sehr dafür ausgesprochen, Krankheiten nüchtern zu begegnen und sich nicht in Angstbildern und dramatischen Metaphern zu verlieren. Wie aber ist es, wenn tatsächlich jemand krank wird? In der Erzählung ist es ein Mann mit Ende Dreißig. Das Netzwerk an Freunden kümmert sich, aber da gibt es plötzlich diese Trennung zwischen ihm, den Kranken, und ihnen, den Gesunden.

Besuch bei Thomas Mann

Susan Sontags Erzählungen zu lesen fühlt sich an, als würde man Theorie und Praxis vergleichen, als würde man die Prosa beim Lesen auf den philosophischen Überbau abklopfen. Rein textimmanentes Lesen? Schwierig bei dieser Ausnahmeintellektuellen. Genauso beim Herzstück des Bandes, der Erzählung "Wallfahrt", die von einem Besuch bei Thomas Mann handelt. Der Kern dieser Geschichte ist wahr, er hat 40 Jahre vor der ersten Veröffentlichung im Jahr 1987 stattgefunden. Susan Sontag war damals ein Wunderkind, die "Exotin der Familie", die das Gefühl hatte, ein Leben "weit unter ihrem Niveau" zu führen. Rettung versprachen die Bücher: "Lesen hieß, ein Messer in das Leben der anderen zu rammen", und "mein Sinn für das, was möglich war, erweiterte sich mit jedem Buch , wie ein Zollstock, der Glied um Glied aufgeklappt wird".

Sie bekam den "Zauberberg" in die Hand. "Einen Monat lang lebte ich in dem Buch" heißt es in der Erzählung. Thomas Mann wurde zum "Gott". Es waren die vierziger Jahre und sie lebte nicht weit von ihm entfernt, man konnte einfach im Telefonbuch nachschauen und ihn anrufen. Ein Freund und sie gehen also zum Tee bei Thomas Mann. Aber: Er sitzt, doziert, verliert sich in Platitüden. Eine enttäuschende Kluft tut sich auf, zwischen Person und Werk.

Scham

Susan Sontag hat einige Details verändert, bzw. stehen sie in ihren Tagebüchern anders, zum Beispiel die Umstände der Verabredung, die Namen ihrer Begleiter, selbst Thomas Manns Sitzmöbel veränderte sie von einem Stuhl zu einem Sofa. Die Geschichte trägt also deutliche Zeichen der Fiktionalisierung, aber der Glutkern ist hochbiographisch. Ihr Biograph Benjamin Moser liest die Erzählung auch als eine Begegnung von zwei Menschen, die ihre Sexualität verbergen. Thomas Mann, der Männer liebte, und Susan Sontag, die sich Zeit ihres Lebens schwer damit tat, über ihr Lesbischsein zu sprechen, dazu passt auch das Stichwort der "Scham", das wiederholt in "Wallfahrt" fällt.

"Wallfahrt" - eine großartige Erzählung

Wie immer man die Begegnung und die Beschreibung davon auch deuten mag, und egal in welchem Verhältnis Fakt und Fiktion hier zueinander stehen – "Wallfahrt" ist eine großartige Erzählung, einfach für sich, ohne Überbau und Hintergrund.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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