Bernd-Jürgen Fischer: Auf der Suche nach Marcel Proust; Montage: rbbKultur
Reclam
Bild: Reclam Download (mp3, 5 MB)

Ein Album in Bildern und Texten - Bernd-Jürgen Fischer: "Auf der Suche nach Marcel Proust"

Bewertung:

Als Marcel Proust 1919 in Paris den Prix Goncourt für den zweiten Teil seiner "Suche nach der verlorenen Zeit" verliehen bekam, für "A l‘ ombre des jeunes filles en fleurs", hielt sich die öffentliche Begeisterung in Grenzen. Nur ein Jahr nach Kriegsende erschien es selbst vielen Kulturmenschen nicht oppurtun, einen Roman wie diesen auszuzeichnen - einen Roman, den ein Kritiker als "Collage ruheloser Grübeleien" bezeichnete.

Das Buch habe "kaum eine Beziehung zu den Tendenzen der neuen Generation" und sei "für jene kränklichen Seelen (...), die sich der Realität nicht stellen können und sich in Träumereien verlieren."

Mit sechs zu vier Jury-Stimmen hatte Proust die Wahl gewonnen, und zwar gegen den jüngeren Kollegen Roland Dorgèles. Dieser war mit einem pazifistischen, dem Trauma des Ersten Weltkriegs nachspürenden Soldatenroman nominiert worden, mit "Le Croix de bois", der 1930 unter dem Titel "Die hölzernen Kreuze" auch ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht wurde.

"Le Croix de bois" passte besser in die Zeit als Proust mit seiner "Recherche". Nur ist es halt immer die Crux mit zeitgemäßen Stoffen, die in ihrer ästhetischen Aufbereitung manches zu wünschen übrig lassen: Sie überdauern ihre Zeit nicht.

Dorgèles Roman verkaufte sich bis in den Sommer 1920 dreimal mehr als Prousts "A l‘ ombre des jeunes filles" - aber wer kennt heute noch Roland Dorgelès, zumal außerhalb Frankreichs? Und wer Marcel Proust, den Jahrhundertschriftsteller, der 1871 im damaligen Pariser Vorort Auteil geboren wurde?

Proust-Album anlässlich seines 150. Geburtstages

Im kommenden Jahr wird der 150. Geburtstag von Proust gefeiert und aus diesem Anlass veröffentlicht der Reclam Verlag dieser Tage schon einmal vorab ein Album mit Bildern und Texten: "Auf der Suche nach Marcel Proust". Herausgegeben und zusammengestellt hat diesen Band der Berliner Proust-Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer, der zwischen 2013 und 2016 die "Recherche" für den Reclam Verlag neu übersetzt hat.

Seitdem erscheinen bei Reclam auch andere Bücher von oder über Proust, zuletzt die Gedichte oder der Briefwechsel mit Reynaldo Hahn. Letzterer war mit Proust bis zu dessen Tod befreundet - erst sehr eng, später distanzierter. Hahn vertonte für Prousts Erzähldebüt "Tage und Freuden", Gedichte über vier Maler, und er hat in Fischers Band natürlich einen längeren Eintrag.

Stationen, Familie, Bekannte und Freunde Prousts

Fischer hat dieses Proust-Album in drei größere Kapitel aufgeteilt: eins, das Stationen des Schriftstellers von der Schule bis zu seinem Tod Revue passieren lässt und eins, das die Mitglieder seiner Familie vorstellt und ein drittes für die Bekannten und Freunde.

Vorangestellt ist jedem Eintrag eine Fotografie, ein gemaltes Porträt oder Schriftstücke, so wie das Titelblatt der am 13. November 1913 veröffentlichten Erstausgabe von Prousts "Combray/In Swanns Welt" oder die faksimilierte handschriftliche Mitteilung der Goncourt-Jury 1919 an Proust.

Nach den Bildern folgt stets ein kurzer Kommentar oder eine biografische Erläuterung, in blauer Schrift, und darunter längere, in der gewohnt schwarzen Druckschrift gehaltene Zitate aus den Romanen von Proust oder seinen Briefwechseln.

Kombination aus Bildern und Texten

Die Kombination aus Bildern und Texten hat Charme. In ihrer Kompaktheit ergibt sie eine Art Kurzbiografie des Schriftstellers, der ja schon vor der "Recherche" nicht nur mit dem Erzählband "Tage und Freuden" debütiert hatte, sondern auch an dem Roman "Jean Santeuil" und der Essaysammlung "Gegen Saint-Beuve" schrieb.

Im Fall von "Jean Santeuil" war es die von ihm gewählte Erzählperspektive in der dritten Person, die Proust zu weit weg von seinen inneren Zuständen führte und ihm als zu statisch erschien. Und in dem des Essays gegen den berühmten Literaturkritiker gerieten ihm Passagen unter der Hand immer wieder zu wenig essayistisch-kritisch, zu erzählerisch und viele Motive der "Recherche" vorwegnehmend. Beide Bücher wurden erst in den fünfziger Jahren veröffentlicht.

Weil Prousts Leben und Schaffen jedoch hinlänglich bekannt sind, sind hier auf und für den schnellen Blick vor allem die Kurzporträts der Familienmitglieder und der vielen Freundinnen und Freunde mit bevorzugt adeliger Herkunft am interessantesten. Zum Beispiel das von Louis Weil, einem Großonkel mütterlicherseits, dem Bruder seines Großvaters Nathé Weil. Dieser führte laut Fischer "als Witwer ein lustiges Leben, das jedoch seiner Familie missfiel".

"Dame in Rosa" und weitere Figuren aus der "Recherche"

Louis Weil ist das Vorbild für jenen ungleich berühmteren fiktiven Onkel Adolphe, der von dem jungen Erzähler der "Recherche" immer mal wieder in Paris besucht wird und bei dem er die "Dame in Rosa" kennenlernt - jene Dame, die sich als Swanns Odette entpuppt, mit der auch Onkel Adolphe ein Verhältnis hatte. (Und natürlich stellt Fischer auch die wirkliche "Dame in Rosa" vor: Es ist die Prostituierte Lauré Hayman, die hier auf einem Gemälde des Malers Julius LeBlanc zu sehen ist.)

So tauchen dann auch hier wie an Perlenkette aufgezogen immer weitere Modelle der Figuren aus der "Recherche" auf. Zum Beispiel Madeleine Lemaire, deren Salon auf den von Madame Verdurin verweist; oder der Graf Robert de Montesquiou-Fezensac, bei dem sich Proust Züge seines Baron de Charlus geliehen hat. Oder der Graf Bertrand de Salignac–Fénelon, der in den frühen Tagen des Ersten-Weltkriegs fiel und mit Proust seit 1902 befreundet war. Auf Fénelon schlug Proust, weil er sich ärgerte schon einmal mit den Fäusten ein und zerstörte ihm einen neuen Hut.

Diese Szene findet sich in einer ganz anderen Konstellation mit dem Baron de Charlus genauso in dem "Recherche"-Band "Guermantes" wieder wie die mit seinem Mantel, den Fénelon ihm einmal in einem Pariser Nobelrestaurant herbeiholte. Hier wartet der Erzähler auf Saint-Loop, der ihm seinen Mantel bringt, "um mich warm zu halten" (...). Zwischen den Tischen waren elektrische Leitungen in geringer Höhe gespannt; ohne sich von ihnen beirren zu lassen, sprang Saint-Loup geschickt über sie hinweg, wie ein Rennpferd, das ein Hindernis nimmt; (...) und als Saint-Loop, der hinter seinen Freunden durchmusste, auf die Kante der Rückenlehne kletterte und sich dort balancierend weiterbewegte, brach diskreter Applaus im Hintergrund des Saales aus."

Beschäftigung mit Proust als Lebensaufgabe

So vermischen sich in Fischers schönen, instruktiven Proust-Album Leben und Literatur aufs Schönste, aber doch immer so, dass Prousts ästhetische Verformungen sichtbar bleiben, als er zum Beispiel sein frühes Idol Anatole France in wunderbar salbadernden Reden des Ingenieurs Legrandin persifliert.

Und so wird schnell auch offensichtlich, dass die Beschäftigung mit Marcel Proust und seinem Werk eine Lebensaufgabe ist, was Fischer mit dem Eintrag "Nachleben" dokumentiert. In diesem bemerkt er unter anderem, dass es nicht nur gut 10.000 erhaltene Schriftstücke des manischen Briefschreibers Proust gibt, sondern auch die Zahl der Sekundärarbeiten zu dem 1922 verstorbenen Schriftsteller mittlerweile die 10.000 überschritten haben dürfte, "Tendenz steigend".

Aber auch von Proust selbst sind noch einmal unbekannte Novellen und Erzählungen aufgetaucht, ein mutmaßlich zu "Tage und Freuden" gehörendes Text-Konvolut. Diese Geschichten sind 2019 in Frankreich veröffentlicht worden, und im Sommer kommenden Jahres erscheinen sie unter dem Titel "Der geheimnisvolle Briefschreiber" auch auf Deutsch beim Suhrkamp Verlag.

Gerrit Bartels, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Svenja Flaßpöhler: Sensibel © Klett-Cotta
Klett-Cotta

Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren - Svenja Flaßpöhler: "Sensibel"

Mit ihrer Streitschrift "Die potente Frau" sorgte die Philosophin Svenja Flaßpöhler 2018 für einiges Aufsehen: In Reaktion auf die MeToo-Debatte forderte Flaßpöhler, wir sollten mehr über eine neue Weiblichkeit und die Handlungsmöglichkeiten von Frauen nachdenken, statt sie vor allem als Opfer darzustellen. Auch in ihrem neuen Buch bürstet Flaßpöhler Debatten unserer Zeit gegen den Strich. Es hinterfragt "moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren".

Bewertung:
Peter Wohlleben: Der lange Atem der Bäume © Ludwig
Ludwig

Sachbuch - Peter Wohlleben: "Der lange Atem der Bäume"

Peter Wohlleben ist vielleicht der bekannteste Förster und Naturschützer Deutschlands. Er ist gern gesehener Gast in Talkshows, und seine Bücher, wie "Das geheime Leben der Bäume", werden regelmäßig zu Bestsellern. Jetzt hat der Autor, der auch eine von ihm gegründete "Waldakademie" in der Eifel leitet, ein neues Buch geschrieben: "Der lange Atem der Bäume".

Bewertung:
Herfried Münkler "Marx, Wagner, Nietzsche: Welt im Umbruch" ©  Rowohlt Berlin, 2021
Rowohlt Berlin, 2021

Sachbuch über drei große Denker - Herfried Münkler: "Marx, Wagner, Nietzsche"

Herfried Münkler ist vielleicht der berühmteste Professor Deutschlands. Wann immer über ideologische Verwerfungen, historische Katastrophen und aktuelle Kriege diskutiert wird, ist seine Meinung gefragt. Jetzt hat sich Münkler zum 70. Geburtstag selbst beschenkt und drei Ikonen der deutschen Geistes- und Kultur-Geschichte vereint: Marx, Wagner und Nietzsche. Unzählige Bücher sind über sie schon verfasst worden. Kann Münkler dem wirklich noch etwas Neues und Überraschendes hinzufügen?

Bewertung: