Robert Galbraith: Böses Blut; Montage: rbbKultur
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Fünfter Band der Krimi-Reihe - Robert Galbraith (Joanne K. Rowling): "Böses Blut"

Bewertung:

Mit ihrem siebenhändigen Roman-Zyklus über den Zauberlehrling "Harry Potter" wurde die 1961 geborene Joanne K. Rowling berühmt und zu einer der reichsten Frauen weltweit. Seit 2013, beginnend mit "Der Ruf des Kuckucks", verfasst sie unter dem Pseudonym Robert Galbraith Kriminalromane um das Detektiv-Duo Cormoran Strike und Robin Ellacott. "Böses Blut" ist der fünfte Band, ein 1.200-Seiten starker Ziegelstein.

Eigentlich hat das Detektiv-Duo bereits alle Hände voll zu tun. Denn weil die beiden einige Aufsehen erregende Kriminalfälle gelöst haben, wird ihre Agentur neuerdings mit Aufträgen überschüttet und platzt aus allen Nähten. Dazu wird Kriegsveteran Comoran Strike, der in Afghanistan ein Bein verloren hat, ständig von Schmerzen und privaten Sorgen geplagt: Von einer Selbstmord gefährdeten ehemaligen Geliebten wir er bedrängt. Seine an Krebs erkrankte Pflegemutter liegt im Sterben, sein zeitlebens abwesender Vater, ein szenenbekannter Alt-Rocker, buhlt plötzlich um Sympathie und Vergebung seines Sohnes.

Ein aussichtsloser Fall?

Robin Ellacott wird bei der Scheidung von ihrem Ehemann in einen Rosenkrieg verwickelt und muss sich gegen einen sexuell übergriffigen Mitarbeiter zu Wehr setzen. Und dann werden die beiden auch noch von einer Frau gebeten, ihre Mutter, Margot Bramborough, ausfindig zu machen, die vor 40 Jahren spurlos verschwand.

Die Polizei hat längst alle Ermittlungen eingestellt. Aber die Annahme, Margot sei Opfer eines psychopathischen Serienkillers geworden, der damals in der Gegend sein Unwesen trieb, hat sich nie beweisen lassen. Margots Leiche jedenfalls wurde nie gefunden. Und der Mann, der seine grausamen Taten ausführlich beschrieb und seine Opfer vor Gericht mitleidlos verhöhnte, hat sich nie zum Mord an Margot geäußert oder dazu bekannt.

Nach so vielen Jahren die Spur wieder aufzunehmen, die alten Akten zu durchforsten, nach Zeugen zu suchen und aus dem Wust getrübter Erinnerungen und hartnäckiger Lügen die verborgene Wahrheit auszugraben: ein aussichtsloser Fall.

Also genau das richtige für Strike und Ellacott, die sich am liebsten von ihren Sorgen befreien, indem sie dem Unerklärlichen nachjagen und die Gespenster der Vergangenheit ans Licht zerren.

Reise ins blutige Herz der menschlichen Finsternis

1.200 Seiten, ziemlich furchterregend: es scheint eine Zumutung, aber wird dann doch zu einer spannenden und existenziellen Reise ins blutige Herz der menschlichen Finsternis.

Die Autorin ist eine Meisterin ihres Faches: Nie kommt Langeweile auf, nie darf sich der Leser sicher sein, eine verbindliche Wahrheit in den Händen zu halten, alles ist Lug und Trug, Fakten sind Fiktionen, die Realität nur ein Traum.

Nie weiß der Leser, wohin die Schnitzeljagd führen wird. Archive werden durchstöbert, unzählige Personen befragt, Möglichkeiten erwogen. Jeder hat etwas zu verbergen. Alle frühere Aussagen führen ins Leere, was die noch lebenden Zeitzeugen und die Praxismitarbeiter der verschwundenen Ärztin aus ihren Erinnerungen hervorkramen, beruht auf Verdrängung, Schuld und Scham.

Verschachtelte Fragen

Auch dass der früher ermittelnde Kommissar einen Hang zu bizarren Horoskopen hatte, macht alles noch komplizierter. Hat die lebenslustige Margot, die eine Liaison mit einem dubiosen Künstler hatte, vielleicht damals Ehemann und Tochter verlassen, weil sie das bürgerliche Korsett nicht mehr ertrug? Ist die erklärte Feministin womöglich ermordet worden, weil sie Frauen behilflich war, Abtreibungen vorzunehmen? Warum kannte Margot Mitglieder der Mafia? Was wusste sie von einem Video, auf dem man sieht, wie eine Frau vergewaltigt und ermordet wird?

Ist Margot wirklich tot oder in die Anonymität abgetaucht?

Es ist wie mit der verschachtelten russischen Holzpuppe: Glaubt man eine Frage beantwortet zu haben, tut sich gleich die nächste auf.

Anfeindungen in den sozialen Netzwerken

Der Roman macht eine Zeitreise, pendelt gedanklich, literarisch, musikalisch, politisch hin und her vom konservativen Rollback und nahenden Brexit der Gegenwart zurück in die ausgeflippte Spät-Hippie-Ära der 1970er Jahre. Der Krimi sprengt sein enges Korsett, weiter sich zum großen Epos über Literatur und Leben, zur soziologischen Studie über soziale Verwerfungen, zum philosophischen Exkurs über Sein und Schein, zur literarischen Suche nach den verdrängten Erinnerungen und der verlorenen Zeit.

Auf der Folie von Musik und Mode, Politik und Geschichte werden Fragen der Geschlechts-Identität und der sexuellen Orientierung gestellt, wird ironisch mit Rollen-Klischees gespielt.

Doch das alles wird der Autorin, die seit Monaten in den sozialen Netzwerken angepöbelt und mit dem Tode bedroht wird und deren Bücher in Videos auf dem Scheiterhaufen landen, etwas helfen: wer als vorgestrig und politisch unkorrekt gebrandmarkt ist, wird das anrüchige Etikett nicht mehr los.

Keine Besänftigung der Kritiker

Auf einen Zeitungsartikel, in dem Frauen nicht mehr als Frauen, sondern als "Menschen, die menstruieren" bezeichnet wurden, hat sie mit einem höhnischen Kommentar reagiert und entgegnet, sie stehe durchaus zu ihrem Geschlecht und würde gern weiterhin als Frau bezeichnet werden. Und weil sie eine Frau unterstützte, der wegen - angeblich - transfeindlicher Äußerungen gekündigt wurde, hat man auch sie in Sippenhaft genommen und als "queer"- und "transfeindlich" und als "homophob" beschimpft, hat ihre Bücher verbrannt und ihren Tod gefordert.

In einen Essay hat Rowling daraufhin von eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt in der Ehe berichtet und gesagt, sie fürchte sich vor Männern, die, in Frauenkleider gehüllt, in die Toiletten und Umkleidekabinen von Frauen gelangen und dort ihre sexuellen Gelüste befriedigen.

Aber es hat nicht geholfen, die Kritiker zu besänftigen. Genauso wenig wie ihre Beteuerung, die Wahl ihres Pseudonyms sei aus einer puren Laune heraus entstanden und habe nichts mit dem amerikanischen Psychiater Robert Galbraith Heath zu tun, einem notorischen Schwulen-Hasser, der Homosexuelle mit umstrittenen Operations-Methoden von ihrer vermeintlichen "Krankheit" heilen wollte.

Ein unwiderstehlicher Kriminalroman

Auch jetzt wird Rowling wieder heftig kritisiert: Das liegt an Dennis Creed, einem Serienmörder, der mit Identitäten jongliert und sich seinen Opfern, um sie in Sicherheit zu wiegen, in Frauenkleidern nähert.

Schon vor der Veröffentlichung, als erste Roman-Details durchsickerten, wurde ihr unterstellt, sie würde Vorurteile gegen transsexuelle Menschen haben und sie als perverse Monster darstellen.

Aber Dennis Creed, so viel sei verraten, ist zwar ein Fiesling, doch mit dem Verschwinden von Margot Bramborough hat er nichts zu tun. Denn merke: nicht nur Männer sind gemein und hinterhältig, auch Frauen können sich verstellen und in die Haut von Giftschlangen schlüpfen, die über Leichen gehen.

Rowling alias Galbraith demonstriert das in ihrem Roman auf prickelnde und unwiderstehliche Weise.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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