Buchcover "Weihnachten" © Klaus Wagenbach Verlag, Montage: rbb
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Erzählband - Susanne Schüssler (Hrsg): "Weihnachten. Geschichten aus Italien"

Bewertung:

Da sind sie wieder versammelt, die großen italienischen Autorennamen des 20. Jahrhunderts: Italo Calvino, Leonardo Sciascia, Alberto Moravia oder auch Natalia Ginzburg. In einem kleinen schmalen Bändchen mit italienischen Weihnachtsgeschichten. Denn zum Thema Weihnachten haben sie – natürlich! – alle etwas zu sagen gehabt.

Allein schon für die Wintergeschichte von Natalia Ginzburg lohnt sich dieser Band: Die Erzählung "Winter in den Abruzzen" ist eine sehr persönliche Lebenserinnerung der jüdischen Schriftstellerin an die Zeit im Exil. Während der Verfolgung im Zweiten Weltkrieg versteckten sich Natalia Ginzburg und ihr Mann Leone, Verleger und Widerstandskämpfer, in einem Maurerdorf in den Abruzzen, diesem schwer zugänglichen Gebirgszug östlich von Rom.

"Als der erste Schnee fiel, überkam uns eine tiefe Traurigkeit. Fern war unsere Stadt, und fern waren die Bücher, die Freunde und die wechselvollen Geschehnisse eines wirklichen Daseins. Wir heizten unsern grünen Ofen, und in diesem Zimmer versammelten wir uns alle. Hier wurde gekocht und gegessen, und hier, an dem großen, ovalen Tisch, schrieb mein Mann. Auf dem Boden lagen die Spielsachen der Kinder herum, an der Decke prangte ein gemalter Adler. Ich betrachtete ihn und dachte: Das ist das Exil."

Das winterliche Exil als Ort des Heimwehs und der Idylle

Das Exil entpuppt sich als ein Ort der Ruhe, aber auch der Heimatverlorenheit, der Winter als die Jahreszeit, in der dieses Gefühl verstärkt wird und die von den Anstrengungen des Lebens meist zahnlosen Dorfbewohnerinnen ihnen noch fremder erscheinen. Das Kindermädchen, das den Kindern Schauergeschichten von bösen Stiefmüttern und getöteten Kindern erzählt, die Nachbarn, die den "professore" (wie sie den Mann der Erzählerin nennen) in allen Fragen des Lebens konsultieren, insbesondere bei Behördenbriefen. Girò, der Gemüsehändler, bei dem die Kinder immer die faulen Orangen abgreifen.

Es ist eine Zeit der Eintönigkeit, des Heimwehs, der Besinnung auf das Wesentliche. Und auch eine Zeit der Idylle. Doch das begreift Natalia Ginzburg erst im Nachhinein, wie sie mit den für sie so typischen klaren Worten resümmiert:

"Einige Monate nachdem wir das Dorf verlassen hatten, starb mein Mann im Gefängnis von Regina Coeli. Beim Gedanken an diesen grauenvollen, einsamen Tod, an die Ängste, die ihm vorangingen, frage ich mich, ob dies wirklich uns passiert ist, uns, die wir Orangen bei Girò kauften und im Schnee spazieren gingen. Damals glaubte ich an eine glückliche und frohe Zukunft, reich an erfüllten Wünschen, an gemeinsamen Erfahrungen und Unternehmungen. Und doch war jene Zeit die beste meines Lebens, und erst jetzt, da sie mir für immer entschwunden ist, erst jetzt weiß ich es."

Weihnachtsverschwörungen und sprechende Truthähne

Die Erzählung von Natalia Ginzburg sticht aus diesem Band heraus. Die übrigen sieben Geschichten sind bei weitem nicht so traurig, gleichzeitig aber auch nicht so besinnlich.

In seiner Erzählung "Die Heiligen Drei Könige" lässt Ermanno Cavazzoni seinen Protagonisten an eine Verschwörung glauben: Christus sei ein außerirdisches Wesen, das die Heiligen Drei Könige auf der Erde abgesetzt hätten, um danach wieder im All zu verschwinden. Zu allem Überfluss hält sich der Protagonist nun auch noch für einen Marxisten. Nun, man kann sich vorstellen, dass ihn im ebenso katholisch wie marxistisch geprägten Italien nicht gerade Jubelstürme erwarten…

Das wirklich Besondere an dem Band ist der selbstironische, spöttische Ton. Fast jede Geschichte nimmt eine unerwartete, witzige Wendung oder sie gleitet gleich zu Beginn ins Phantastische, wie die Erzählung „Der Weihnachtstruthahn“ von Alberto Moravia:

"Als dem Kaufmann Policarpi-Curcio am ersten Weihnachtsfeiertag seine Frau am Telefon sagte, er möge pünktlich nach Hause kommen, wegen des Truthahns, freute er sich sehr, denn mit den Jahren waren ihm keine anderen Freuden geblieben als die Gaumenfreuden. Groß war aber seine Verwunderung, als er bei seiner Ankunft gegen Mittag den Truthahn nicht an einem Spieß langsam über einem Reisigkohlenfeuer rotierend in der Küche antraf, sondern im Wohnzimmer sitzend. Der Truthahn, der, von etwas altmodischer Eleganz, ein schwarzes Jackett mit Seidenrevers, eine schwarzweiße Pepitahose und eine Weste aus grauem Tuch mit Hornknöpfen trug, unterhielt sich mit Curcios Tochter."

Italienischer Witz und groteske Tragik

Mysteriöse Truthähne kommen nicht nur in dieser Erzählung von Alberto Moravia vor, in der sich der Weihnachtstruthahn zunächst als gelackter Schwiegersohn und dann als Heiratsschwindler entpuppt …

Überhaupt ist eine Geschichte grotesker und eine Figur überzeichneter als die nächste. Und diese ebenso melancholische wie witzige Tragik ist es, was diese Weihnachtsgeschichten so italienisch macht.

Sarah Murrenhoff, rbbKultur

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