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Kriminalroman - Friedrich Dürrenmatt: "Der Verdacht"

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"Man kann das alles in seinen Werken finden: Witz und Weisheit, Ulk und Unsinn, Hohn und Hass. Er war nie ein Langweiler, immer ein höchst unterhaltsamer Autor." Das sagte Literatur-Papst Marcel Reich-Ranicki einmal über Friedrich Dürrenmatt, der mit seinen absurden Komödien - "Der Besuch der alten Dame" oder "Die Physiker" - Weltruhm erlangte. Zum 100. Geburtstag empfehlen wir den Kriminalroman "Der Verdacht" von 1951.

Bei seinem Tod im Jahr 1990 hinterließ Fridrich Dürrenmatt ein gigantisches Werk an Stücken, Romanen, Erzählungen und so genannten "Stoffen", in denen er Autobiografisches und Essayistisches verband.

Krimis schreiben, um Geld zu verdienen

Warum Dramatiker Dürrematt auf die Idee, Krimis zu schreiben? Die simple Antwort lautet: er brauchte dringend Geld. Die kompliziertere wäre: die Grenzen von Literatur-Genres waren im völlig schnuppe, wichtig war ihm nur, dass er die Welt in seiner ganzen Absurdität und Aussichtslosigkeit möglichst unterhaltsam und humorvoll auf den satirischen Punkt bringen konnte.

Nach einem brotlosen Studium der Philosophie wollte er Maler und Schriftsteller werden. Doch seine Bilder verkauften sich nicht gut, und mit seinen ersten Stücken und Erzählungen konnte er nur ein paar Achtungserfolge erzielen. Aber er hatte eine Familie gegründet, schätzte gutes Essen und Trinken, suchte ein schönes großes Haus, um in Ruhe malen und schreiben zu können.

Die Bühnenerfolge, die ihn zu einem reichen Mann machen sollten, lagen noch in weiter Ferne.

Erfindung von Kommissar Bärlach

Da kam ihm das Angebot einer Zeitung, Krimis in Fortsetzungsgeschichten zu schreiben, aus denen man später Bestseller machen könnte, gerade recht: So erfand er für den Schweizer "Beobachter" den Kommissar Bärlach, der kurz vor der Pensionierung steht und - weil er unheilbar krank ist - eine Verabredung mit dem Tod hat: Dürrenmatt gönnte dem Kommissar und seinen eigenen Krimi-Ambitionen also von vornherein nur einen kurzen Auftritt mit einem baldigen Ende.

Doch vorher muss Bärlach noch dafür sorgen, dass Verbrecher, die nicht mit polizeilichen Mitteln zu überführen sind, ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, auch indem der Kommissar sich zum Richter über Tod und Leben macht und einen Henker beauftragt oder unter Lebensgefahr einem fürchterlichen "Verdacht" nachgeht.

Grenze von gut und böse

Bärlach liegt in einem Spital in Bern (demselben, in dem Dürrenmatts Vater früher Seelsorger war), er weiß, dass ihm nur noch wenige Wochen bleiben und liest in einer Zeitschrift mit dem bezeichnenden Titel "Life" einen Artikel über den berüchtigten deutschen Arzt Dr. Nehle, der im Konzentrationslager Stutthof ohne Narkose operierte und seine Opfer regelrecht zu Tode folterte.

Dr. Hungertobel, Bärlachs Arzt, macht ihn darauf aufmerksam, dass der Mann auf dem Foto einem seiner ehemaligen Kommilitonen gleicht, der heute eine Privatklinik in Zürich leitet: Dr. Emmenberger, eine Anspielung auf Dürrenmatts eigene Herkunft aus dem Emmental und darauf, dass niemand, auch der Autor selbst nicht, dagegen gefeit ist, die Grenze von gut und böse zu überschreiten und zum Teufel in Menschengestalt zu werden.

Angeblich sei Emmenberger während des Krieges in Chile gewesen: wie könne er da im KZ Stutthof Verbrechen begangen haben? Nehle kann man nicht mehr fragen, denn er hat angeblich kurz nach Krieg in einem Hamburger Hotel Selbstmord verübt.

Gerechtigkeit - mit allen Mitteln

Aber "Der Verdacht" ist in der Welt und weckt das Jagdfieber von Bärlach: Er ist ein einsamer Polizist und erinnert an die Detektive von Dashiell Hammett und Raymond Chandler, auch Bärlach kennt keine echten Bindungen, Liebe ist für ihn ein Fremdwort, Geld interessiert ihn nur, um seinen Konsum an Alkohol und Zigaretten zu decken.

Er ist Skeptiker und Nihilist, aber er empfindet Solidarität mit den Unterdrückten und Ausgebeuteten, Gepeinigten und Gefolterten: um Gerechtigkeit herzustellen ist dem todgeweihten Kommissar jedes Mittel recht - auch Mord.

Um dem "Verdacht" nachzugehen, ob ein Nazi-Verbrecher ungeschoren davon ist und heute sein Handwerk weiter betreibt, lässt sich Bärlach von Bern in die Klinik des mörderischen Arztes nach Zürich verlegen. Ohne Netz und doppelten Boden, ohne Rückversicherung und ohne jeden weiteren Helfer.

Abstieg in die Hölle

Dass der Klinikaufenthalt zum Abstieg in die Hölle werden und er selbst ohne Narkose operiert werden könnte, hatte er nicht erwartet und bringt ihn fast um den Verstand. Emmendinger hat den Kommissar schnell durchschaut und hat keine Scheu zuzugeben, dass er mit Nehle die Rollen getauscht und sich des lästigen Mitwissers entledigt hat: solch mörderische Drecksarbeit erledigt ein zwergenhaftes Wesen, das dem Arzt sein Leben verdankt und bereit ist, für ihn über Leichen zu gehen.

Neben dem Zwerg hat Emmendinger noch eine drogensüchtige Ärztin an seiner Seite, Edith Marlok, die er mit Rauschgift versorgt und ihm hörig ist: einst war sie glühende Kommunistin, dann wurde sie von Genossen verraten und im KZ von Emmendinger alias Nehle nur am Leben gelassen, weil sie bereit war, seine Geliebte zu werden und seine nihilistischen Ansichten zu teilen, die dem Autor nicht ganz fremd sind.

Die Gespräche mit Emmendinger und Marlok sind der entsetzliche Höhepunkt des Romans: begründet wird, warum alles nur Materie ist, aber Materie keine Gerechtigkeit kennt, der Mensch sich zum Herrscher über die Materie aufschwingen, Macht ausüben und, wenn er Lust dazu hat, auch zum Folterer werden kann.

Bärlach hat dem nichts entgegenzusetzen, er schweigt und wartet, ans Bett gefesselt und mit Blick auf die grausam tickende Uhr, auf die von Emmenberger angekündigte Operation, natürlich ohne Narkose und mit dem vorgesehenen Ausgang: dem Tod.

Nur der Zufall entscheidet

Jetzt hilft nur noch der Zufall, denn das Leben, so könnte man Dürrenmatts Philosophie zusammenfassen, ist eine endlose Abfolge absurder Zufälle. Kein Gott lenkt unser Leben oder wird uns retten: nur der Zufall entscheidet, ob und wie es weitergeht.

In "Der Richter und sein Henker" entgeht Bärlach weiteren Nachforschungen, weil der von ihm beauftragte Henker nach der Tat tödlich verunglückt und sein Geheimnis mit ins Grab nimmt. In "Der Verdacht" kommt der Zufall in Gestalt eines fast mystischen Juden zu Hilfe: eine geisterhafte Gestalt, die dem Holocaust nur knapp entronnen ist und durch die Welt irrt, um Naziverbrecher aufzuspüren und zu liquidieren.

Bärlach kennt ihn und deckt den Rachefeldzug des Juden, der schon am Anfang des Romans einen kurzen Auftritt hatte, als er Bärlach im Spital besuchte und dann wortlos in der Dunkelheit verschwand. Nun taucht er plötzlich aus dem Nichts auf, tötet Emmendinger, rettet Bärlach davor, vom Arzt zerstückelt zu werden, und verschwindet wieder in die Anonymität.

Zurück bleiben der Kommissar, der ohnehin bald sterben wird, und der Leser, der die Grundfrage des Romans nach dem Recht des einzelnen und der für alle geltenden Gerechtigkeit ganz allein und für sich selbst entscheiden muss.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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