Saul Friedländer: Proust lesen © C.H.Beck
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Ein Essay - Saul Friedländer: "Proust lesen"

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"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Augen so rasch zu, dass keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein." - Mit diesen Sätzen beginnt einer der umfangreichsten Roman-Zyklen der Weltliteratur: Marcel Proust - "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Der erste der sieben Bände erschien 1913, der letzte 1927, also erst fünf Jahre nach seinem Tod. Peter Matić liest auf rbbKultur das kolossale Werk, an dem viele Leser*innen - seien wir ehrlich - trotz mehrerer Anläufe scheitern.

Wer nun, angeregt durch unsere Lesung, noch einmal den Kampf mit dem Roman aufnehmen will, dem sei ein kürzlich erschienener Essay empfohlen: "Proust lesen", geschrieben von Saul Friedländer, der für sein Werk viele Auszeichnungen - zum Beispiel den Friedenspreis des deutschen Buchhandels - bekommen hat.

Kein wissenschaftliches Schubladendenken

Der Historiker, der ein epochales Werk über "Das Dritte Reich und die Juden" verfasst hat, will Proust nicht erklären, sondern nur einige Themen einkreisen, die sich bei der Lektüre der "Recherche" für ihn, auch aus persönlichen Gründen, ergeben.

Wissenschaftliches Schubladendenken ist Saul Friedländer fremd, er hat über die Literatur sein Sprachempfinden geschult und seine Weltsicht geordnet: Proust und Kafka sind die Autoren, die geprägt haben und ihm helfen, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten und die verlorene Zeit zurückzugewinnen.

Ein Buch über Kafka hat er geschrieben, um sich seiner Wurzeln zu vergewissern, denn als verfolgte Juden musste die Familie aus Prag fliehen und fand in Frankreich Unterschlupf. Die Kafka-Lektüre steht für seine früheste Kindheit, die Proust-Lektüre für seine Liebe zur französischen Literatur, die ihm Halt und Hilfe gab, als seine Eltern vom Vichy-Regime verhaftet, an die Nazis ausgeliefert und in Auschwitz ermordet wurden, er selbst sich verstecken konnte und nur knapp dem Tod entkam.

Sein Leben lang hat Proust ihn fasziniert, doch warum er den Essay geschrieben hat, wird ihm erst am Ende des Buches klar: Es ist nicht die Schönheit der Sprache oder die sich im Roman spiegelnden Abgründe einer bourgeoisen Gesellschaft, es ist - wie bei Proust, der sich durch das Läuten einer Gartenglocke oder durch den Geschmack eines Gebäcks an seine geliebte Mama erinnert - vor allem der Schmerz, der Friedländer bis heute begleitet: die Erinnerung an seine niemals wiederkommende Mutter.

Zwei zentrale Themen

Friedländer entwirrt das kaum zu entwirrende Knäuel aus Reflexionen und Erinnerungen der "Recherche", indem er - bei allem nötigen Respekt vor der komplizierten Erzählweise - den Roman auf seinen wesenhaften Kern konzentriert. Während jeder von uns beim Versuch scheitern würde, die Handlung des Romans in ein paar Sätzen zu umreißen, sagt Friedländer ohne Umschweife:

" 'Auf der Suche' lässt sich leicht zusammenfassen, da es kaum eine Handlung gibt; es ist der Lebensbericht eines Erzählers, dessen größter Wunsch es von Kindheit an ist, Schriftsteller zu werden. Da er sein literarisches Talent anzweifelt, verbringt er als erwachsener Mann Jahrzehnte mit Müßiggang, (…). Erst im späten Erwachsenenalter entdeckt er rein zufällig, durch eine Art von Epiphanie, ausgelöst durch eine Welle unwillkürlicher Erinnerungen, dass er die literarisch schöpferische Gabe besitzt, durch die er seinen Traum verwirklichen kann. Er beginnt also, die Geschichte seines Lebens niederzuschreiben. Diese wird in weiten Teilen Erinnerungen aus seinen Jahren des Müßiggangs schildern, die, ohne dass er es wusste, eigentlich Jahre der Vorbereitung waren. Von da an wird sein Schreiben wahrhaft eine Suche nach der verlorenen Zeit sein, was im französischen Original sowohl vergessene Zeit bedeutet, die wiederentdeckt, als auch verschwendete Zeit, die zurückgewonnen oder aufgeholt werden muss."

Auf der Folie dieser Zusammenfassung und der These, dass der Erzähler des Romans zwar nicht mit Proust identisch ist, der Roman aber dem Leben von Proust sehr nahe kommt, schält Friedländer dann einige Themen heraus, die er für zentral hält: zwei literarisch-philosophische und zwei politisch-psychologische.

Versteckspiel und Verdrängung

Zum einen geht es darum, wie filigran Proust mit "Zeit" und "Erinnerung" in diesem "Bildungsroman" hantiert, der einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren abdeckt und virtuos zwischen den Zeit- und Erzählebenen hin und her springt, den Werdegang eines (namenlosen) Erzählers beschreibt, der sein vergeudetes Leben aus Erinnerungen neu zusammensetzt und sich, gegen den eigenen baldigen Tod anschreibend, endlich seinen Traum erfüllen und Schriftsteller werden kann.

Zum anderen geht es darum, wie Proust, der sich im wahren Leben offen zu seiner Homosexualität bekannte und dessen Mutter aus einer jüdischen Familie stammte, im Roman mit diesen Themen - "Judentum" und "Homosexualität" - umgeht.

Beide Male neigt Proust als Erzähler zum Versteckspiel und zur Verdrängung, einmal belässt es bei Anspielungen und Andeutungen, ein anderes Mal scheint er sich sogar mit stereotypen Vorurteilen von seiner Autobiografie lossagen und sich schreibend eine andere, neue Identität erfinden zu wollen.

Versteckte homosexuelle Neigungen

Der Erzähler der "Recherche" will auf keinen Fall als homosexuell angesehen werden, er scheint sogar alles daran zu setzen, die Liebe möglichst vieler schöner Frauen zu erobern. Das beginnt bereits als kleines Kind, als er, um den sehnlichst erhofften Gutenachtkuss der Mutter auch dann zu bekommen, wenn Monsieur Swann zu Besuch ist, solange heult und flennt, bis die Mutter sich endlich ihres liebesbedürftigen Knaben erbarmt.

Auch als Erwachsener wird der Erzähler ein raffiniertes Spiel mit den Damen treiben und will möglich viele Frauenherzen erobern. Seine versteckten homosexuellen Neigungen werden nur sichtbar, wenn er, der sonst kaum je eine seiner Romanfiguren näher beschreibt, die Schönheit und Männlichkeit einiger seiner Bekannten besonders betont und in einigen Szenen durchblicken lässt, dass er mit den Liebespraktiken in den von Homosexuellen frequentierten Bordellen durchaus vertraut ist: Proust scheint hier seine eigene Homosexualität literarisch zu verkleiden und hinter homophoben Tiraden zu verstecken, um die spießige Moral des breiten bürgerlichen Lesepublikums bloß nicht zu verschrecken.

Schmähung der eigenen jüdischen Identität

Etwas anders verhält es sich beim "Judentum": Nirgends scheint im Roman durch, dass der Erzähler - so wie sein Autor - ein jüdisches Erbe in sich trägt. Fast glaubt man, er wolle sich als Autor mit Hilfe des Erzählers davon distanzieren.

Im realen Leben hat Proust den Antisemitismus scharf verurteilt, im Roman ist er dagegen meistens nur passiver Zuhörer, wenn über die Dreyfus-Affäre gestritten wird. Gelegentlich äußert er sogar antisemitische Klischees, wenn er zum Beispiel bei einem Mitschüler die angeblich typisch jüdische Physiognomie und Nase betont und ihn mehrfach als aufdringliche "Wanze" und hinterhältig springende "Hyäne" tituliert. Als assimiliertem Juden obliegt es dann Monsieur Swann, der von der feinen Gesellschaft zwar nicht geliebt, aber geduldet wird, den grassierenden Antisemitismus in Frankreich auf den unschönen Punkt und die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Die "Recherche" ist also nicht nur ein Roman über die Suche nach dem wahren Ich, sondern auch ein Roman über die Schmähung der eigenen jüdischen Identität: dass diese Erkenntnis für Saul Friedländer, der nur knapp dem Holocaust entronnenen ist, besonders schmerzlich ist, liegt auf der Hand.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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