Haruki Murakami: Erste Person Singular; Montage: rbbKultur
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Erzählband - Haruki Murakami: "Erste Person Singular"

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Immer wieder wird Haruki Murakami für den Literaturnobelpreis gehandelt, aber bisher hat er ihn nicht bekommen. Gerade erst wurde einer seiner bekanntesten Romane von Ursula Gräfe neu übersetzt und als "Die Chroniken des Aufziehvogels" wiederveröffentlicht. In seinem neuen Erzählband "Erste Person Singular" geht er der Frage nach: was macht uns zu denen, die wir sind und vor allem: welche Geschichten erzählen wir uns selbst darüber?

Für geübte Murakami-Leser*innen stellt sich direkt nach dem Aufschlagen des Erzählbandes ein Gefühl des Nachhausekommens ein. Diese einfachen, schnörkellosen Sätze umfangen einen wie der wohl vertraute Geruch der eigenen Wohnung.

So gemütlich wie dort ist es aber nur selten im Murakami-Kosmos. Was zunächst immer harmlos, unaufgeregt und alltäglich daherkommt, führt in tiefe, manchmal unheimliche oder verstörende, manchmal nur irritierende Abgründe. Deren Spannung kündigt sich schon in der klaren, so scheinbar lockeren Sprache an, so z. B. in den ersten Sätzen der allerersten Geschichte "Auf einem Kissen aus Stein":

"Ich möchte hier von einer jungen Frau erzählen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich so gut wie nichts über sie weiߨ. Nicht einmal an ihren Namen und ihr Gesicht kann ich mich erinnern. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch sie sich weder an meinen Namen noch an mein Gesicht erinnert."

Was erinnern wir wie und warum

Ein Mann und eine Frau arbeiten zusammen im selben Restaurant und verbringen eine Nacht miteinander. Danach sieht der Ich-Erzähler sie nie wieder. Diese eine Begegnung mit ihr hinterlässt Spuren bei ihm – vor allem, nachdem er ihre Gedichte liest. Noch Jahre später denkt er an sie.

Was prägt uns, wie erinnern wir, und: was und wie erzählen wir davon. Diese Fragen sind es, die Haruki Murakami in seinen acht Erzählungen umtreiben. Fast immer schaut jemand zurück auf seine Jugend, auf eine Liebe, eine Freundschaft, einen besonderen Moment, eingebettet in Phänomene der Literatur, des Jazz, der klassischen oder der Popmusik:

"Immer und überall wurden die Beatles gespielt. Es war wirklich so, wir waren lü­ckenlos von ihrer Musik umgeben wie von einer sorgfältig geklebten Tapete."

In der Erzählung "With The Beatles" ist es ein flüchtiger Moment aus der Schulzeit, der den Ich-Erzähler immer wieder einholt, eine Erinnerung, mit der sich all die Frauen messen müssen, die er kennenlernt. Mit wehendem Rock rennt eine Mitschülerin 1964 an ihm vorbei, die LP "With the Beatles" an die Brust gedrückt:

"Sooft ich jemand Neues kennenlernte, sehnte ich mich unbewusst danach, den strahlenden Moment wieder zum Leben zu erwecken, in dem ich damals im Frühherbst 1964 in dem dämmrigen Flur in meiner Schule dem schönen Mädchen begegnet war – das leise, harte Pochen meines Herzens, mein stockender Atem, die kleine Glocke in meinem Ohr. Manchmal gelang es, manchmal nicht."

Ein unterhaltsamer Tanz

So manche Geschichte und ihre Figuren sind so typisch Murakami, dass das Gefühl aufkommt, man kenne sie schon aus einem seiner Romane. Das scheint durchaus gewollt zu sein in diesem Erzählband. Haruki Murakami lässt viele Motive und Lieblingsthemen gemeinsam aufspielen zu einem unterhaltsamen Tanz, der sich einen Spaß mit seinen Lesern macht.

Es ist das alte Spiel mit Realität und Fiktion, die der Japaner meisterhaft beherrscht. Blickt hier wirklich Haruki Murakami, der mittlerweile 72 Jahre alt ist, auf sein Leben zurück, so wie es einige der Geschichten suggerieren? Wenn der Ton ins Plaudern umschlägt und der Autor sich selbst plötzlich namentlich erwähnt, als es um Baseball geht:

"War es Zufall, lag es an meinem Horoskop oder meiner Blutgruppe, war es mir vorherbestimmt, oder war ich verflucht? Keine Ahnung. Aber falls Sie eine Zeittafel zur Hand haben, würde ich Sie bitten, ganz klein in eine Ecke zu schreiben: 1968 – das Jahr, in dem Haruki Murakami Fan der Sankei Atoms wurde."

Trau am wenigsten dir selbst

Was ist wahr, was erfunden? Und: spielt das überhaupt eine Rolle? "Erste Person Singular" handelt vom Blick zurück auf das Leben und davon wie jeder einzelne es erzählt. Auch der Einbruch unerklärlicher Dinge in die sogenannte Realität spielt wieder eine Rolle. Sich selbst sollte man dabei vielleicht am wenigsten trauen, so die Botschaft in der titelgebenden Geschichte "Erste Person Singular", denn man bleibt sich doch immer ein bisschen fremd:

"In meinem Leben hatte es wie in dem der meisten Menschen mehrere bedeutende Weggabelungen ge­geben, an denen ich nach links oder rechts abbiegen konnte. Und jedes Mal hatte ich mich für die eine oder die andere Richtung entschieden (mitunter gab es einen einleuchtenden Grund, aber häufig war das auch nicht der Fall. Die Entscheidung wurde mir ab­ genommen, traf sich sozusagen selbst). Und jetzt saß ich hier, ich – erste Person Singular. Hätte ich mich für eine andere Richtung entschieden, wäre ich nicht hier. Doch wer um alles in der Welt war der Mann im Spiegel?"

Eins ist klar: so wenig wie die Figuren in Murakamis Geschichten manchmal wissen, wie ihnen geschieht, so wenig weiß es der weltberühmte Schriftsteller selbst. Er bleibt ein Staunender. Humorvoll, verschmitzt und auch ein bisschen altersweise.

Nadine Kreuzahler, rbbKultur

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