Julian Barnes: Der Mann im roten Rock; Montage: rbbKultur
Kiepenheuer & Witsch
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Biografie der Belle Époque - Julian Barnes: "Der Mann im roten Rock"

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Hat der Graf von Montesquiou sich mit der Schauspielerin Sarah Bernhardt nach einem Fotoshooting auf Kissen geräkelt? Ging er gar mit ihr ins Bett, obwohl er homosexuell war und hat sich danach eine Woche lang übergeben? "Wir wissen es nicht." Wann hat Thérèze Pozzi erstmals die Möglichkeit der Trennung von ihrem Mann, dem Modearzt und Star-Gynäkologen Samuel Pozzi in Erwägung gezogen? "Wir wissen es nicht." - Man sollte einem Autor trauen, der diesen Satz so inflationär gebraucht wie Julian Barnes, der sich in seinem neuen Buch als Biograf einer Epoche, der Belle Époque, betätigt.

Naturgemäß hat er es dabei mit sehr viel Klatsch und Tratsch und übler Nachrede zu tun, ja man bekommt den Eindruck, dass das Reden übereinander und das Legendenspinnen auch in eigener Sache ein Zentraltatbestand der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts in Paris gewesen sind.

Da gab es Journalisten wie Jean Lorrain oder den notorischen Antisemiten Leon Daudet, deren Bestimmung ausschließlich darin bestand, andere mit Dreck zu bewerfen.

Fake News sind keine Erfindung der Neuzeit, und die "Bild"-Zeitung ist vergleichsweise brav.

"Auf Biografien ist noch weniger Verlass als auf einen Roman."

"Sparsam gebraucht ist Wir wissen es nicht eine der stärksten Aussagen in der Biografensprache", schreibt Julian Barnes, der mit einem Roman über den Komponisten Schostakowitsch zuletzt auch als Erzähler in den Gewässern des Biografischen segelte.

Der Biograf hat es mit Hypothesen zu tun und kann bei allem Faktenreichtum allenfalls eine "öffentliche Version" eines Lebens herstellen. Das galt bereits für Julian Barnes’ 1984 mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman "Flauberts Papagei", in dem er erstmals der spezifischen englischen Faszination für französische Kultur nachging, wie er das jetzt auch in "Der Mann im roten Rock" tut.

Dieses Mal handelt es sich jedoch nicht um einen Roman, sondern um den Versuch, aus all dem, was wir nicht wissen, und all den "mit Bindfäden zusammengehaltenen Löchern" doch so etwas wie Lebensgeschichten zu entwerfen. Barnes weiß, worauf er sich einlässt: "Auf Biografien ist noch weniger Verlass als auf einen Roman."

Die Kunst ist eine wichtige Quelle für Barnes

Ausgangspunkt ist ein Gemälde des amerikanischen Malers John Singer Sargent, das Dr. Samuel Pozzi in einem scharlachroten Hausrock als geradezu gräfliche Erscheinung zeigt. Tatsächlich verkehrte dieser stolze Bürger und Wissenschaftler, der die versammelte Prominenz seiner Zeit ärztlich betreute, auch mit der Aristokratie.

Zusammen mit dem Prinzen von Polignac, einer Randfigur des Buches, und dem Grafen von Montesquiou-Fezenac, der zweiten Hauptperson, reiste er 1985, 39 Jahre alt, nach London, um auf dortigen Auktionen Kunstgegenstände zu erwerben.

Kunst und vor allem Porträts, die auch allesamt im Buch abgebildet werden, sind eine wichtige Quelle für Barnes. Allerdings gilt für die Malerei dasselbe wie für die Biografik: Der Maler lässt einen Menschen hinter dem Anblick eines einzigen Augenblicks verschwinden, der dann fürs Ganze steht. Er zeigt womöglich mehr von sich selbst, als vom Porträtierten.

Graf von Montesquiou und Dr. Samuel Pozzi

Montesquiou, "der Souverän vergänglicher Dinge", war bekannt für seinen extraordinären Geschmack. So soll er eine vergoldete, mit Intarsien aus Edelsteinen verzierte Schildkröte besessen haben, die auf einem Brokatteppich herumkrabbeln musste, vielleicht aber auch nur den vergoldeten Panzer einer toten Schildkröte. Wir wissen es nicht.

Unbestreitbar ist jedoch, dass die Zeitgenossen ihn in der Hauptfigur von Joris-Karl Huysmans epochalem Roman "Gegen den Strich" erkannten, auch wenn neben der Schildkröte in dieser "Bibel der Dekadenz" nur einige sparsame Details auf ihn hinwiesen.

Der virile Frauenjäger Pozzi ist neben diesem eher auf Distanz, Distinguität und Boshaftigkeit bedachten Homosexuellen der verlässlichere Part, der sich immer am Puls der Zeit und nah an den Körpern der Protagonisten befindet.

Der Dandy als Zentralgestalt des Zeitalters

Ästhetik, Kunst, Politik, viel Sex und viel Geschwätz: Aus diesen Ingredienzien zeichnet Barnes das Fin de Siècle. Dandys wie Oscar Wilde in der englischen und Montesquiou in der französischen Variante stehen schon deshalb im Mittelpunkt, weil sie die Ästhetisierung des Daseins auf sich selbst anwenden, sich selbst als sich selbst inszenieren und ihr politisches und gesellschaftliches Verhalten ausschließlich unter dem Aspekt der Geschmacksperfektionierung ausrichten.

Der Dandy ist deshalb die Zentralgestalt des Zeitalters. Erstaunlich jedoch, wie viele Attentate und welches Aggressionspotential die Epoche ebenso ausmachen, die schließlich in den Ersten Weltkrieg mündete.

1918 wurde auch Pozzi Opfer eines Attentats: Einer seiner Patienten, den er mit einer Krampfadernoperation am Skrotum nicht wirklich von seinen Erektionsstörungen befreien konnte, schoss ihn nieder, so dass er standesgemäß auf dem OP-Tisch, ins Fachgespräch mit dem ihn operierenden Kollegen verwickelt, starb.

Pozzi als Vorbild gegen den englischen Brexit-Chauvinismus

Pozzi ist für Barnes "so etwas wie ein Held". Er übersetzte Darwin, war Rationalist, Humanist, glaubte an den wissenschaftlichen Fortschritt, lebte mit Medizin, Kunst, Reisen, Büchern, Gesellschaft, Politik und sehr viel Sex.

Für Barnes eignet er sich mit seiner europäischen Orientierung und seinem Wahlspruch: "Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz" darüber hinaus als Vorbild, das er dem englischen Brexit-Chauvinismus, der ihn entsetzt, entgegenstellen möchte.

Deshalb ist dieses seltsame, aufregende, abseitige Buch über eine eher fremde Epoche hochaktuell, so dass Barnes am Ende den katholischen Exzentriker Barbey d’Aurevilly zitiert: "England, ein Opfer seiner historischen Größe, hat einen Schritt in die Zukunft gemacht, und jetzt hockt es wieder in seiner Vergangenheit."

Jörg Magenau, rbbKultur

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