Patricia Highsmith: "Ladies" © Diogenes
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Frühe Stories - Patricia Highsmith: "Ladies"

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"Zwei Fremde im Zug", "Der talentierte Mr. Ripley", "Tiefe Wasser" - die Liste der erfolgreichen Romane von Patricia Highsmith ließe sich noch um viele Titel verlängern. Die US-amerikanische Schriftstellerin hob den psychologischen Krimi auf höchstes literarisches Niveau. Heute, am 19. Januar, wäre die Autorin 100 Jahre alt geworden. Rechtzeitig zum Geburtstag hat der Diogenes Verlag einen neuen Band mit Erzählungen herausgebracht, der auch für eingefleischte Highsmith-Fans noch ein paar Überraschungen parat hat.

Seltsam, dass es noch immer Stories gibt, die man aus Archiven bergen und aus alten Zeitschriften hervorholen kann, die noch nie in Buchform erschienen sind und auch noch nie ins Deutsche übersetzt wurden: 5 der 16 Stories erscheinen zum ersten Mal zwischen zwei Buchdeckeln, fast alle anderen wurden zum Teil erstmals, zum Teil noch einmal neu ins Deutsche übersetzt und sprachlich auf den neuesten Stand gebracht.

Nicht nur Highsmith-Kenner kommen auf ihre Kosten

Sowohl Highsmith-Einsteiger, die sich mit dem verschlungenen Werk einer der bedeutendsten Autorinnen des vergangenen Jahrhundert bekannt machen wollen, als auch Highsmith-Kenner, die glauben, jeden literarischen Winkelzug der Autorin bereits zu kennen und alles über ihre oft verstörende Sicht auf die Bosheit und Irrationalität des Menschen zu wissen, kommen hier auf ihre Kosten: was will man mehr!

Patricia Highsmith, 1968; © dpa/Photoshot
Bild: dpa/Photoshot

Frühe Stories

Die Geschichten sind in verschiedenen Zeitschriften erschienen, geschrieben von einer damals noch völlig unbekannten Autorin, die nebenbei in einer Spielwaren-Abteilung eines Kaufhauses jobbte und sich als Autorin von Comic-Büchern ein Taschengeld verdiente.

Die Stories sind vor dem Roman-Debüt "Der Fremde im Zug" (1950) verfasst und veröffentlich worden, jenem Roman, der dann von Alfred Hitchcock verfilmt wurde, ihren Namen schlagartig bekannt machte.

Dunkle Abgründe und eine nüchterne, fast kaltherzige Sprache

Die Erzählungen waren der Autorin gewiss nicht peinlich, sie wusste genau, dass sie ein literarisches Naturtalent war und eigentlich vom ersten Moment an jede ihrer Geschichten und Romane Meisterwerke waren: sprachlich äußerst raffiniert, psychologisch erschreckend abgründig.

Sie sind keine literarische Ramschware, im Gegenteil, in ihnen steckt schon alles, was uns in den späteren Erfolgsromanen wieder begegnen wird: Die Welt ist ein unsicheres und abschüssiges Terrain, die Menschen sind getrieben von oft irrationalen Absichten, von Neid und Wut, Angst und Eifersucht, und von einer unendlichen Sehnsucht nach Glück, die sich kaum je erfüllen lässt.

Im Kontrast zu den beklemmenden Gefühlen und dunklen Abgründen steht eine nüchterne, fast kaltherzige Sprache, die den Schrecken noch vergrößert und das Lesen manchmal zu einer schmerzhaften Erfahrung machen kann: denn eigentlich geschieht auf der Handlungsoberfläche gar nicht viel, das Böse ereignet sich in unserem Kopf.

"Ladies", die in Wirklichkeit vom Leben frustrierte Wesen sind

"Ladies" ist der Titel, doch es gibt auch Stories, in denen Männer die Hauptrolle spielen, dann aber werden die Männer mit den Augen von Frauen gesehen, von ihnen mit befremdlichem Blick kommentiert, manchmal ist auch das gestörte Verhältnis der Männer zu den Frauen der Auslöser ihres merkwürdigen Verhaltens.

So wie bei Mr. Knoppert: Man muss kein Psychologe sein, um zu kapieren, dass der beruflich erfolgreiche Wall-Street-Broker privat zu einem "Schneckenforscher" wird, weil seine Ehe längst kaputt und Sex nur noch ein Fremdwort ist: Während Mr. Knoppert in seinem Arbeitszimmer sich immer obsessiver für Schnecken begeistert, ihr Liebesspiel beobachtet und irgendwann zigtausende dieser schleimigen Tiere sein Zimmer zu einer glitschigen Höhle verwandeln und ihn zu verschlingen drohen, sitzt im Wohnzimmer seine Gattin und schüttelt nur den Kopf: Es ist ihr völlig gleichgültig, was mit ihm geschieht und ob er sich mit seiner Schnecken-Obsession erotisch befriedigt und zurückwünscht in den Leib einer Frau.

Auch Mr. Fleming geht es ("Primeln sind rosa") nicht viel besser: er kauft ein teures Gemälde, auf dem ein paar Primeln zu sehen sind. Doch die Gattin findet die Kunst-Liebhaberei ihres Mann lästig und macht ihm den Kunst-Kauf madig, indem sie schnippisch darauf hinweist, dass Primeln rosa sind und nicht grün oder gelb: die Primeln im Garten ihrer Mutter "waren rosa", Punkt und Basta, keine Widerrede!

Es gibt auch eine abgründige Storie, in der ein Mann ein pädophiles Verlangen nach einem kleinen Mädchen unterstellt und deshalb von den Bürgern aus der Kleinstadt gejagt wird ("Die Morgen des ewigen Nichts").

Ansonsten aber dominieren die Geschichten über Frauen, die vielleicht gern vornehme "Ladies" wären, in Wirklichkeit aber ziemlich derangierte und vom Leben frustrierte Wesen sind.

Eine College-Absolventin, ein Hausmädchen und andere "Ladies"

Einmal ("Als die Flotte im Hafen lag") erzählt sie von einer College-Absolventin, die sich in einem Matrosen verliebt und als Amüsierdame im Bordell landet: Aber ob ihre Versuche, sich - zur Not auch mit einem Mord - aus den Klauen der Männer zu befreien, erfolgreich sind, werde ich nicht verraten.

Auch nicht, was die junge Frau in der Geschichte "Die Heldin" dazu bewegt, sich als Hausmädchen zu verdingen, und warum sie, um sich als Retterin der ihr anvertrauten Kinder aufspielen zu können, das Haus der Familie in Brand steckt.

Und dann ist da noch die vielleicht schönste und traurigste Geschichte des Buches - sie heißt "Die stille Mitte der Welt": Mrs. Robertson ist gerade nach New York umgezogen und entdeckt einen kleinen verwunschenen Park. Während ihr kleiner Sohn in der Sandkiste spielt, beobachtet Mrs. Robertson die Mutter eines anderen Kindes, wie sich ein Mann zu ihr setzt, die beiden Händchen halten und sich zärtliche Worte zuflüstern.

Die Erzähl-Perspektive wechselt, wir erfahren, dass die beiden ein heimliches Liebespaar sind, die Frau nichts sehnlicher wünscht, als mit dem Liebhaber, der so wunderbare Gedichte rezitieren kann, abzuhauen, ihren prügelnden, engstirnigen Ehemann zu verlassen, ein neues Leben zu beginnen.

Kurze Stories, in denen sich ganze Welten auftun

Ob das gelingt? Auch das werde ich nicht verraten, nur so viel: Mrs. Robertson kann das Glück der anderen nicht ertragen, in ihr wütet Missgunst, sie wird morgen nicht wiederkommen, sondern ihren weinenden Sohn, der so gern im Park wieder seinen neuen Freund getroffen hätte, zu einem anderen Spielplatz schleppen.

Der Mensch ist nun mal schlecht und schreckt vor dem Bösen nicht zurück: Kaum jemand wusste das besser als Patricia Highsmith. Wer das nicht glaubt, sollte unbedingt die "Ladies" lesen, kurze Stories, in denen sich ganze Welten auftun.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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