T.C. Boyle: Sprich mit mir © Hanser Literaturverlage
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Roman - T.C. Boyle: "Sprich mit mir"

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T.C. Boyle hat sich in seinem neuen Roman "Sprich mit mir" wieder eines seiner Lieblingsthemen vorgenommen: das Verhältnis von Mensch und Natur. Wie tierisch sind Menschen und wie menschlich die Tiere? Kann ein Tier wirklich mit Menschen kommunizieren, seine Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken, und wie weit reicht diese Sprache?

Aimee, Frühpädagogik-Studentin im Grundstudium, erfährt die spannendste Zeit ihres Lebens: "Sie war unvermittelt zu etwas erwacht, das radikal anders war als alles, was sie je erlebt oder erwartet hatte".

Normalerweise sitzt Aimee zuhause, isst Instant-Ramen, sieht fern und prokrastiniert ihre Uniaufgaben. Doch dann sieht sie im Fernsehen eine Rateshow, bei der ein Wissenschaftler ihrer Universität mit einem Schimpansen auftritt, dem er die Gebärdensprache beigebracht hat. Der Schimpanse heißt Sam und kann kommunizieren, zum Beispiel, dass er Hunger hat, dass er einen Cheeseburger essen möchte, dass er nach Hause möchte.

Das Tier im Mensch

Die Studentin ist mit einem Mal wach, noch nie hat sie sich für so etwas derart begeistern können. Ein Schimpanse, der in der Lage ist, sich die Zukunft vorzustellen und einen Ort jenseits seiner unmittelbaren Umgebung – dazu, so hatte sie gelernt, seien Tiere doch eigentlich gar nicht in der Lage. Als dann noch am Schwarzen Brett ausgerechnet jener Guy Schemerhorn, der Psychologieprofessor aus der Fernsehshow, nach studentischen Hilfskräften sucht, bewirbt sie sich sofort. Und obwohl es eine Mitbewerberin gibt, bekommt die schüchterne, zurückhaltende Aimee, die Schemerhorn gegenüber anfangs kaum den Mund aufbekommt, den Job sofort. Denn Sam springt ihr bei der ersten Begegnung sofort in die Arme und möchte sie gar nicht mehr loslassen.

T.C. Boyle hat sich in seinem neuen Roman "Sprich mit mir" wieder eines seiner Lieblingsthemen vorgenommen: das Verhältnis von Mensch und Natur. Wie tierisch sind Menschen und wie menschlich die Tiere? Kann ein Tier wirklich mit Menschen kommunizieren, seine Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken, und wie weit reicht diese Sprache? Fragen, die T.C. Boyle mit diesem Roman bei seinen Leser*innen aufwerfen möchte.

Der Mensch im Tier

"Sprich mit mir" ist dabei nicht nur ein Entwicklungsroman, weil er nachzeichnet, wie sich eine zurückgezogene Studentin auf einmal für etwas, für jemand begeistert und sich über kurz oder lang in eine Art Liebesgeschichte mit einem Schimpansen verstrickt, bei der sie zu oft vergisst, dass es sich eigentlich um ein wissenschaftliches Experiment handelt und nicht um eine Art Familienleben.

"Sprich mit mir" ist auch ein kritischer Roman über die Grenzen der Wissenschaft und der Forschung. Die Experimente mit Schimpansen siedelt T.C. Boyle in den 70er und 80er Jahren und stützt sich – wie oft in seinen Romanen – auf eine umfangreiche Recherche.

Außerdem ist dieses Buch eine Liebeserklärung an die Kraft und die Grenzen der Sprache – denn nicht nur thematisiert es die Möglichkeiten und Grenzen der Kommunikation, sondern T.C. Boyle wagt hier auch als Autor ein besonderes Experiment: Immer wieder streut er kurze Kapitel ein, in denen er in die Perspektive von Sam geschlüpft ist, der irgendwann aus dem familiären Kontext gerissen und in ein Forschungslabor gesteckt wird. "Was hatte ein Wort, irgendein Wort, mit dieser Situation und diesem Ort in unaufhörlichen Strom des Jetzt zu tun?", heißt es da zum Beispiel, "und mit dem Gefühl – ANGST -, das er dabei empfand?"

Zwischen Mensch und Tier

Ob diese Passagen wirklich glaubhaft sind, darüber muss man sich nicht einig sein, an manchen Stellen wirkt die Affenperspektive doch etwas aufgesetzt und gewollt. Doch die Darstellung und Analyse von menschlichen Perspektiven beherrscht Boyle wie immer hervorragend – oft tupft er in nur wenigen Sätzen einen ganzen Charakter auf die Seite, wenn zum Beispiel Aimee im Bewerbungsgespräch um die Hilfskraft-Stelle kaum ein Wort herausbringt: "Sie sah nur auf ihre Hände, die steif gefaltet in ihrem Schoß lagen. Er merkte, dass er es mit einer Persönlichkeit zu tun hatte, die ihm nützlich sein konnte: pflichtbewusst, zurückhaltend, keine Fragen, kein Widerspruch."

Im Werbevideo für den Roman, das T.C. Boyle in seinem Haus in Kalifornien mit Hund, Katze und kreischendem Enkel zeigt, lenkt Boyle den Fokus noch einmal deutlich auf die Frage, die ihn beim Schreiben angetrieben hat: Wie viel Kommunikation ist möglich zwischen Mensch und Tier?

Als Schriftsteller hat er den Vorteil, dass er die Fragen der Forschung in der Fiktion stellen darf, in der die Grenzen des Möglichen ohnehin verschwimmen.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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