Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew; Montage: rbbKultur
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Roman - Dmitrij Kapitelman: "Eine Formalie in Kiew"

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"Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters", so hieß Dmitrij Kapitelmans erstes Buch, das vor 5 Jahren erschien und viele durch eine nüchterne und zugleich zärtliche Tragikomik begeisterte: Darin reist Kapitelman mit seinem Vater nach Israel, um die eigene jüdische Identität besser zu verstehen, und um den geliebten, traurigen Vater lächeln zu sehen. Jetzt ist Dmitrij Kapitelmans zweites Buch erschienen: "Eine Formalie in Kiew". Es kann als Fortsetzung des Erstlings gelesen werden; aber der Ton des Schriftstellers ist schärfer, sarkastischer geworden.

Dmitrij Kapitelman hat seine Eltern satt: den Vater, diesen "laschen Leonid"; die Mutter, die das neue Haus in Leipzig für ihre 13 Katzen gekauft zu haben scheint und ansonsten "koordiniert den Koller zu kriegen" pflegt. Auch in Kapitelmans zweitem Buch heißt der Ich-Erzähler Dima und ist mit diesem russischen Diminutiv von Dmitrij eindeutig autobiografisch markiert. Doch Dima wartet nicht mehr auf das Lächeln des unsichtbaren Vaters. Deutlich bitterer als im ersten Buch hockt der Erzähler im elterlichen "Katzastan" auf einer "von sibirischen Katzen vollgepissten Treppe" und trifft eine Entscheidung, die sein Leben und das der ganzen Familie verändern wird.

Migration hört nie auf

Dima, wie der Autor 1986 in Kiew geboren und mit acht Jahren als "Kontingentflüchtling" nach Deutschland immigriert, beantragt die deutsche Staatsbürgerschaft. Dürfte kein Problem sein, möchte man meinen. Könnte er längst haben, glaubt die Leserin. Doch wie die Eltern ist dieser Dima nie richtig in Deutschland angekommen, das heißt: "Migration hört eigentlich nie auf". In Dimas Fall, weil Leipziger Glatzen gewaltsam gegen die Integration des Neuankömmlings vorgingen; weil die Eltern sich in die eigene Welt ihres Ladens für russische Spezialitäten zurückzogen; weil die deutsche Bürokratie nun eine neue, notariell beglaubigte Geburtsurkunde aus Kiew verlangt.

Zum Heulen witzig

Dima muss nun also nach Kiew, zum ersten Mal, 25 Jahre nachdem er sich nicht einmal richtig von seinem Kindheitsfreund Rostik verabschieden konnte. War Israel im ersten Buch Kapitelmans das fremd-verheißene, mal langweilig provinzielle, mal aufregend exotische Land, ist die Ukraine hier ein fremd-vertrautes Gelände, in dem sich der Autor so bewegt, wie ihm die Mutter früh beigebracht hat: Tritt nie auf einen Gullideckel, denn man kann nie sicher sein, ob er hält und ob man gerettet wird, wenn nicht.

So wie Dima den Gullis ausweicht, so nimmt auch der Text abrupte Wendungen. Oft droht ein Absturz, ein Scheitern der Reise; oft lösen sich die Sorgen, ob im Kiewer Meldeamt oder beim Wiedersehen mit Rostik, in Luft auf. Bis plötzlich der Vater ins Bild tritt. Humpelnd, ohne Zähne, Krankenversicherung und Orientierung, kehrt Leonid Kapitelman in die Ukraine zurück, weil er die medizinische Hilfe hier gerade noch bezahlen kann. "Zum Heulen witzig" sind diese Kiewer Vater-Sohn-Erlebnisse; abgrundtief erschütternd die Einblicke in ukrainische Krankenhäuser. So sehr Dima sich emanzipieren wollte, er wird die Eltern so wenig los wie die Katzen, die ihm auch in Kiew nachstellen.

Einladung zum Dialog

Dieses Buch nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine sehr persönliche Reise in ein Land, das allen Klischees widerspricht, um einige dann doch, aber anders als erwartet, zu bestätigen. Es führt – noch radikaler als Kapitelmans Erstling – in eine vieldeutige Sprachwelt ein, etwa wenn der russische Euphemismus "otblagodarit" erklärt wird, der "danken" und "freikaufen" verbindet.

Das Buch ist vor allem eine Einladung zum Dialog – an die "lieben Landsleute" in Leipzig, Berlin, München oder sonstwo. Und es ist eine Aufforderung, sehr genau hinzuhören, wenn wir über Flüchtlinge, Migration, Heimat, Formalien reden. Denn wer mit welchen Papieren an der Passkontrolle steht, kann eine Frage von Leben oder Tod sein.

Natascha Freundel, rbbKultur

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