Emilia Roig: Why We Matter © Aufbau Berlin
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Black History Month - Emilia Roig: "Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung"

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Es beginnt mit einer störenden Fliege, zu der die Politikwissenschaftlerin und Aktivistin Emilia Roig auf einmal eine andere Verbindung aufbaut. Roig schlägt sie nicht tot, sondern gewöhnt sich an sie, gibt ihr einen Namen, akzeptiert sie als wochenlange Begleiterin: "Der neue Blick auf die Fliege erlaubt mir, sie als lebenswert zu sehen – genauso wertvoll wie ich."

Dann fährt Roig in ihrem Buch "Why We Matter" fort mit den Worten, dass es unerträglich sei, "nicht gesehen, nicht gehört zu werden“, dass genau das mit Menschlichkeit kaum was zu tun hat. Weil genau diese nicht gesehenen, nicht gehörten Menschen "vielen Formen von Gewalt" ausgesetzt seien, "bis hin zum Mord." Roig geht es im folgenden darum, "Unterdrückung sichtbar zu machen", die Unterdrückung von Minderheiten, die Unterdrückung von Frauen, von People of Colour, von indigenen Völkern, von Schwulen, Lesben oder Transpersonen, von Menschen mit Behinderung, um nur einige zu nennen.

Roig mischt wissenschaftliche Erkenntnisse mit der eigenen Biografie

Dabei mischt sie ganz bewusst wissenschaftliche Erkenntnisse beispielsweise aus der kritischen Rassismusforschung, aus der Intersektionalitätstheorie oder aus postkolonialen Therorien mit ihrer eigenen Biografie: Roig, die 1983 in Frankreich geboren wurde, ist die Tochter eines weißen Algeriers mit jüdischem Hintergrund und einer Schwarzen aus Martinique, die sich beide 1977 in Französisch-Guyana kennenlernten und 1980 in der Nähe von Paris niederließen.

Sie beschreibt sich als "Produkt des französischen Kolonialismus" und stammt aus einer Familie, die selbst nicht frei von rassistischen Anwandlungen war: Ihr Großvater väterlicherseits war aktiver Anhänger des "Front national", auch die Großmutter riet ihrem Sohn, er solle aufhören, Beziehungen zu Schwarzen und "exotischen Frauen" einzugehen, ohne dass diese Einstellung der Liebe zu ihren Enkeln Abbruch getan hätte: "Gleichzeitig", so Roig über ihren inzwischen verstorbenen Großvater, "war er ein sehr lieber Opa und hat mich und meine Schwestern wie seine anderen Enkelkinder behandelt, die weiß sind."

Parforce-Ritt durch verschiedene Unterdrückungssysteme

Beginnend damit, wie strukturelle Diskriminierung funktioniert, welche Dimensionen sie beeinhaltet (individuelle, institutionelle, historische), unternimmt Roig dann, man kann es nicht anders sagen, einen Parforce-Ritt durch die verschiedenen Unterdrückungssysteme: die Medien, das Gesundheitssystem, Schule und Universität, die Wissenschaften, die Justiz mitsamt dem ihr angeschlossenen Polizeiapparat oder der Alltag auf der Straße.

Roig erklärt, wie politisch Schönheitsideale sind oder was die Empathielücke ist: Zum Beispiel glauben die meisten Weißen, dass Schwarze weniger Schmerzen empfinden. Oder auch das teilnahmslose Hinnehmen von den vielen toten Geflüchteten auf dem Mittelmeer.

Diskriminierende Rollenklischees

Sie legt dar, was Empathie von Mitleid unterscheidet oder warum ein Film wie "Ziemlich beste Freunde", so humorvoll und menschelnd er ist, diskriminierende Rollenklischees reproduziert: hier der gebildete, reiche Weiße, dort der grobe, einfache, immer gut gelaunte Schwarze, der durch den Kontakt mit der Hochkultur zivilisiert wird. Roig sieht den Erfolg des Films nicht zuletzt darin begründet, dass er "eine Bestätigung der Normen und der sozialen Hierarchien" sei, "die wir seit der Kindheit verinnerlicht haben."

Roig hat den Mut, utopisch zu denken

Natürlich werden diese Normen von den Weißen bestimmt, die sozialen Hierarchien von den weißen, westlichen Mehrheitsgesellschaften errichtet - und natürlich widmet sich Roig ausführlich den weißen Privilegien, der weißen Zerbrechlichkeit und warum es keinen Rassismus gegen Weiße, also "umgekehrten" Rassismus gibt.

Vieles von dem, was die Gründerin und Direktorin des Berliner Center for Intersectional Justice hier erläutert, hat man in ähnlich gewichteten Essays auch schon gelesen. Doch ist der quasi ganzheitliche Zugriff von Roig eindrucksvoll, die Tiefe, die sie manchen ihrer Überlegungen immer auch unter der Einbeziehung der eigenen Autobiografie gibt, ihr Mut, utopisch zu denken. Zum Beispiel stellt sie unsere Arbeitsgesellschaft in Frage, überlegt sie, wie es ohne Polizei und Gefängnisse aussehen könnte, oder denkt sie argumentierend daran "uns von der Welt, wie wir sie kennen, loszulösen."

Mischformen von Privilegien

Tatsächlich ist dieser Pandemie-Tage die Sehnsucht groß nach einer Normalität, wie sie vor Corona bestanden hatte. Doch selbstredend ist diese Normalität zumeist auch nur eine priviligierte weiße, in der Diskriminierung und die Unterdrückung von Minderheiten an der Tagesordnung ist. Wobei Roig um die Mischformen von Privilegien weiß, auch bei sich selbst:

"Ich bin von Rassismus, Sexismus, Queer- und Lesbenfeindlichkeit und ein wenig auch vom Antisemitismus betroffen, und gleichzeitig bin ich aufgrund meiner soziökonomischen Situation, meines französischen Passes, meiner Nicht-Behinderung, meiner helleren Hautfarbe innerhalb der Schwarzen Community, meiner Dünnheit, aber auch der Tatsache, dass ich eine cis-Frau bin, priviligiert. Aus meiner gelebten Erfahrung und Identität ergibt sich eine Vermischung von Benachteiligung und Unterdrückung."

Ein guter Anfang zur Neugestaltung der Welt

Es wird dann gegen Ende des Buches leicht spirituell bezüglich der Veränderungen und Lösungen, die Roig vorschlägt. Da ist auf einmal etwas wabernd, aber nachvollziehbar viel von Liebe, Empathie und Verbundenheit die Rede. Doch findet Roig immer wieder den straff gespannten theoretischen Bogen; so markiert sie auch das "Wir", von dem sie irritierend oft spricht, noch einmal präziser: nämlich als das Wir, das die Schwarzen sind, Frauen, nicht-binäre Menschen, trans Menschen, behinderte Menschen, Migrantinnen, Geflüchtete, Lesben, Schwule oder Queers, all die, "die als unterlegen konstruiert wurden."

Deutschland werde ihn und "meine strukturelle Kritik nie wieder los", hat Mohamed Amjahid in seinem in zwei Wochen erscheinenden Buch "Der Weiße Fleck" geschrieben, und diese Worte verbinden sich gut mit Roigs Untersuchung, sie stehen auch im Subtext von "Why We Matter". Die Welt, wie wir sie kennen, muss neu gestaltet und neu gedacht werden, und Roig macht mit ihrem Buch schon einmal einen guten Anfang.

Gerrit Bartels, rbbKultur

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