Harald Martenstein: Wut © Ullstein
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Roman - Harald Martenstein: "Wut"

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Maria, die Mutter, ist klug, attraktiv und redegewandt. Doch ihr markantestes Merkmal ist ein anderes. Sie schlägt ihren Sohn Frank, "bis ihr die Arme müde werden." Immer und immer wieder, ohne einen Grund, den der Junge erkennen könnte. Als er sich einmal unter dem Bett versteckt, schreit sie: "Komm raus, Drecksau, verkriech dich nicht, du Stück Scheiße." Der Satz steht auf der ersten Seite des ersten Kapitels von "Wut" und wirft vor allem zwei Fragen auf: Wie wird man zu einem Menschen wie Maria? Und was wird aus einem Jungen wie Frank?

Die Antwort gibt Harald Martenstein in Gestalt eines Romans, der beides bietet: Dichte, glaubwürdige Psychogramme stark verletzter Menschen und mitreißenden erzählerischen Furor, der allerdings so stark ist, dass es am Ende die seriöse Wirkung der Psychogramme gefährdet.

Keine Selbstverwirklichung

Maria, man ahnt es, ist von ihrer eigenen Kindheit gezeichnet. Früh von der Mutter verlassen, wuchs sie bei ihrer kühlen, aber menschlich korrekten Tante auf, die in der Nachkriegszeit ein Bordell unterhielt. In einem katholischen Mädchen-Gymnasium lernte Maria christliche Zucht und christliche Heuchelei kennen. Der erste Sex war mies. Eine frühe Ehe scheiterte, so wie irgendwann alle weiteren Beziehungen – auch mit Said, der großen Liebe. Doch am heftigsten nagt an Maria, dass sie (beruflich) nie verwirklichen konnte, was an Intelligenz und Energie in ihr steckt. Dieser Umstand ist der wichtigste Quell ihrer Wut, die der kleine Frank notorisch zu spüren bekommt.

Wut, die sich überträgt

Nein, Harald Martenstein will nicht vermitteln, dass auf eine schwierige Kindheit notwendig ein schwieriges Leben samt übler Charakterentwicklung folgen muss. Aber er zeigt eine Konstellation, die genau das wahrscheinlich macht. Er zeigt, wie sich Marias Wut auf teils erklärliche, teils diffuse Weise auf Frank überträgt.

Erwachsen geworden, ist Frank als Werbetexter nicht erfolglos, wechselt jedoch irgendwann in die Unterhaltungsbranche und schreibt Gags für alternde, plötzlich wieder angesagte Comedians, womit er gutes Geld verdient. Er unterhält einige Beziehungen, teils mit Frauen, die auf harte Drogen abfahren. Inwiefern diese Frauen und er selbst soziopathisch sind, sei dahingestellt. Nach bürgerlichen Maßstäben sind sie es wohl.

Alle Freiheiten des Genres Roman

Ist das alles autobiografisch zu lesen? Martenstein ist natürlich klug genug, diese Frage weder komplett zu verneinen, noch komplett zu bejahen. Er betont im Prolog, dass kein anderer "Wut" schreiben könnte, "denn ich arbeite, wie jeder Romanautor, im Steinbruch meiner Erinnerungen".

Zugleich betont er: "Ich habe mir alle Freiheiten genommen, die das Genre Roman gestattet."

Letzteres steht außer Frage. Insbesondere gegen Ende übergibt sich der Erzähler hemmungslos der Fabulierlust, plündert im Absurden, lässt die Geschichte spektakulär auslaufen. Möglicherweise zum Mörder geworden, sitzt Frank in einer geschlossenen Anstalt (oder in einem Gefängnis?). Die Erzählung wechselt ins Phantastische, Traumhafte, Ungefähre. Streng genommen, setzt das die Glaubwürdigkeit des vorab Geschilderten deutlich herab – was sich auf der Meta-Ebene wiederum als Erlösung von den erlittenen Traumata durch die Heilkraft des Erzählens lesen ließe.

Schmerz und Seelenpein schlagen um in Unterhaltung

Martenstein kann Menschen und Schicksale packend und mit voller Härte darstellen. Nicht selten jedoch neigt er zu besonders breitbeinigen Formulierungen, in denen er eine plausible Figuren-Sprache dem eigenen Willen zum Sound opfert.

"Ich bin inzwischen entjungfert. Das Bett hat hinterher ausgesehen wie ein Schützengraben vor Verdun nach einem Bajonettangriff", berichtet etwa Franks Freundin Monika. Und als Frank eher versehentlich mit einer gewissen Corazon Castaneda ein Kind zeugt, fällt ihm auf: "Eine gemeinsame Elternschaft mit einer Anakonda wäre vermutlich unkomplizierter."

Kann man mögen, muss man nicht. Vermutlich hat sich Martenstein hier von der Schriftbild-Ähnlichkeit oder der Klang-Ähnlichkeit von 'Castaneda' und 'Anakonda' verführen lassen. Sei's drum. Es gibt die Redewendung "Aus Spaß wird Ernst". In "Wut" ist es genau andersherum. Die Schilderung von Schmerz und Seelenpein schlägt um in Unterhaltung.

Arno Orzessek, rbbKultur

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