Martin Mosebach: Krass; Montage: rbbKultur
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Roman - Martin Mosebach: "Krass"

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Krass, so der sprechende Name des Titelhelden in Martin Mosebachs neuem Roman, ist ein Mann von "raumgreifender Körperlichkeit". Seine Massigkeit hat etwas mit Macht zu tun. Andere Menschen zieht er mit seiner puren Präsenz in seinen Bann. Krass ist das Zentrum einer kleinen Reisegesellschaft, die sich im Jahr 1988 in Neapel befindet.

Man isst und trinkt aufs Allerfeinste, besucht das Museum, um dort das berühmte Alexandermosaik zu betrachten, unternimmt einen Tagesausflug auf die Insel Capri, wo Krass eine zerfallene Villa hoch über der Steilküste zu kaufen erwägt. Er ist Geschäftsmann oder vielmehr, wie nach und nach deutlich wird, in illegale Panzergeschäfte verstrickt. Sein Geld, das sich bündelweise in einem Koffer befindet, fasst er niemals an. Das muss Dr. Jüngel für ihn erledigen, der ihm als Organisator so dienstbar wie unterwürfig zur Seite steht. Und dann ist da noch Lidewine, eine reizvolle Belgierin, die Krass als eine Art Mätresse in seiner Gesellschaft aufnimmt, nicht für sexuelle Dienste, sondern damit sie ihn mit ihrer Schönheit umso wirkungsvoller zur Geltung bringt.

Karge Landschaft, üppige Sprache

Der zweite Teil spielt ein Jahr später im französischen Zentralmassiv. Hier ist – im Gegensatz zur Oppulenz des ersten Teils, alles karg, arm und abgelegen. Nur Martin Mosebachs Sprache bleibt üppig und schwelgerisch schön, auch wenn nun Dr. Jüngel als Ich-Erzähler und Tagebuchschreiber firmiert.

Jüngel ist in akuter Geldnot und deshalb auf der Suche nach dem verschwundenen Krass. Zudem versucht er, über das Scheitern seiner Ehe hinwegzukommen. Seine Depression hindert ihn jedoch nicht an Begegnungen mit einem stummen Kuhhirten, der die Milch direkt aus dem Euter trinkt, eine Nachbarin mit einem mordlustigen Wellensittich und einen Schuster, der im nahegelegenen Kloster arbeitet.

Weite Welt statt deutsche Niederungen

Dieses Kapitel ist im historisch bewegten Herbst 1989 angesiedelt, doch am 9. November ist in Jüngels Tagebuch noch nicht einmal ein ferner Hinweis auf den Mauerfall und die Ereignisse in der DDR zu finden.

Es muss Martin Mosebach eine große Freude bereitet haben, die deutsche Wenderomanzwangsverpflichtung weiträumig zu umschreiben. Derlei Historismen interessieren ihn nicht; wichtiger ist ihm seit eh und je die weite Welt. Der arabische Raum und Italien als klassischer Sehnsuchtsort liegen in seinem Werk näher als die deutschen Niederungen. In seinem vorigen Roman "Magador" diente Marokko einem Düsseldorfer Banker als Zufluchtsstätte; zuletzt begab Mosebach sich in auf eine italienische Reise und dann auf die Spuren der koptischen Märtyrer in Ägypten.

Wüstes Finale

Kairo – Schauplatz des 3. Teils – bietet sich also an für das wüste Finale, in dem Krass zwanzig Jahre später, also im Jahr 2008, ohne Geld und jegliche Perspektive auf der Straße steht und sich von einem Mann namens Mohammed, der für den Propheten, für Marx und für Hitler schwärmt, retten lassen muss. Mohammed ist ein zartfühlender, grobschlächtiger Mensch und der letzte in der langen Reihe derer, die Krass verfallen. Doch Krass agiert jetzt nicht mehr aus einer Machtposition heraus, sondern als Hilfsbedürftiger. Auf fast schon arabische Weise nimmt er sein Schicksal gelassen als Kismet an und wird sogar fast ein kleines bisschen sympathisch, wenn er aus dem eigenen Absturz heraus bemerkt: "Ach so sah die Welt aus, das war es also, was sich hinter dem Zufälligen verbarg."

Der Machtmensch offenbart sich als staunendes Kind, und nur weil er das immer schon war, konnte er überhaupt je so machtvoll sein.

Schönheit

Mosebach fürchtet sich nicht davor, den Zufall ein wenig überzustrapazieren. Nicht genug damit, dass Dr. Jüngel das Hotelzimmer bezieht, das Krass kurz zuvor verlassen musste, weil er nicht bezahlen konnte. Auch Lidewine steigt zufällig hier ab, weitere Verflechtungen nicht ausgeschlossen. Mosebach überwältigt genau wie seine Hautfigur mit bloßer Präsenz.

Er glänzt mit sprachlicher Opulenz, Detailfreude und Schönheitsverfallenheit. Es geschieht im Grunde recht wenig, obwohl sich Vieles ereignet. Handlung aber ist nicht das Wesentliche. Sie ist bloß Spielmaterial und notwendige Basis, um darauf die Oberflächen wirkungsvoll funkeln zu lassen. Mosebach ist der Meister des Dekors, auf angenehme Art altmodisch und vornehm, ein distinguierter Herr mit Einstecktüchlein, der aus seiner Geschmacksüberlegenheit auf demonstrative Weise Lust gewinnt.

Dieser Roman will einfach nur schön sein. Denn worin sonst als in der Schönheit sollte sich der Konservatismus bewähren?

Triptychon eines bürgerlichen Psychogramms

Die drei so unterschiedlichen Teile des Romans lassen sich als Triptychon eines bürgerlichen Psychogramms lesen. Im Zentrum steht die Melancholie aus Liebesverlust und Geldnot. Sie wird gerahmt von der Allmachtsphantasie des Geschäftsmannes auf der einen und der Verlust-, Untergangs- und Todesangst auf der anderen Seite. Doch nichts stünde Krass ferner als der Gedanke, die Welt verändern zu wollen. Die Dinge sind, wie sie sind. Diese Einsicht bewährt sich, indem Krass nicht nur im Reichtum an ihr festhält, sondern auch dann, wenn es nichts mehr zu genießen gibt als die nackte Existenz. Er ist immer ganz er selbst und mit sich im höchsten Maße einverstanden. "Dass sein Körper, so wie er nun einmal war, als Wohnstatt seines Willens höchste Beachtung verdiente, das stand für ihn außer Frage", heißt es über ihn in typischer Mosebach-Diktion.

Krass ist auf unmittelbare, leibliche Art in der Welt. Das ist sein Geheimnis. Und das macht ihn am Ende fast ein bisschen sympathisch.

Jörg Magenau, rbbKultur

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