Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte; Montage: rbbKultur
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Roman - Patrick Modiano: "Unsichtbare Tinte"

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Patrick Modiano, 1945 in Paris geboren, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Für sein umfangreiches Schaffen erhielt er 2014 den Nobelpreis für Literatur. In der Begründung der Stockholmer Jury hieß es, Modianos Werk stehe für "die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der deutschen Besatzung sichtbar gemacht hat." - Jetzt ist sein neuer Roman "Unsichtbare Tinte" erschienen.

Natürlich dreht sich auch "Unsichtbare Tinte" um "die Kunst des Erinnerns", um das Verdrängen und Vergessen, das empor Ziehen von Ereignissen und Einbildungen aus den Tiefen des Unbewussten, darum, ob Erkenntnis möglich ist und wie man die Deutung über sein Leben bekommt. Man braucht sich nur die Titel seiner Bücher anzusehen: "Aus tiefstem Vergessen" oder "Schlafende Erinnerungen" oder "Unsere Anfänge im Leben", dann liest sich das wie das poetische Programm einer literarischen Psychoanalyse.

Das ist im neuen Roman "Unsichtbare Tinte" nicht anders, nur dass sich Modiano mit diesem - und auch schon mit seinen letzten Romanen - immer weiter von der eigenen Kindheit und der eigenen Familien-Herkunft fortschreibt in die Gegenwart.

Wahrheit oder Selbstbetrug?

Ging es ihm - der einen italienisch-jüdischen Vater hat und eine Mutter mit belgischen und ungarischen Wurzeln - früher eher darum, gegen das Verdrängen und Vergessen von Nazi-Verbrechen anzuschreiben und das Schicksal von jüdischen Menschen zu rekonstruieren, die während der Nazi-Zeit spurlos verschwanden, so umkreist er jetzt die Frage, ob die Erinnerung und die Suche nach der verlorenen Zeit der Kindheit und Jugend überhaupt Wirklichkeit abbilden und Wahrheit ans Licht bringen kann. Oder ob nicht alles, was wir aus den tiefsten Tiefen des Verdrängens und Vergessens emporziehen, wieder doch nur neue Einbildung ist und ein neuer großer Selbstbetrug.

Ein mit "unsichtbarer Tinte" geschriebenes altes Tagebuch

Es ist die Geschichte von Jean Eyben, der seit vielen Jahren ein Geheimnis mit sich herumschleppt, ein Rätsel, das er nicht lösen konnte und ihm nicht aus dem Kopf geht: Ich-Erzähler Jean war damals, Mitte der 1960er Jahre, knapp zwanzig, ein Student auf der Suche nach einer Bestimmung und Aufgabe in seinem Leben, als er für ein paar Wochen in einer Pariser Detektei anheuerte und auf den Fall einer verschwundenen jungen Frau angesetzt wurde, Noelle Lefebvre. Damals konnte er den Fall nicht lösen, die Frau war wie vom Erdboden verschluckt: Jean ist dann auch bald aus der Detektei wieder ausgestiegen und hat einen anderen Lebensweg eingeschlagen, sich mit Literatur und Kunst beschäftigt.

Doch das schmale Dossier zum Fall Noelle Lefebvre hat er - er weiß gar nicht genau, wieso - damals mitgehen lassen und immer bei sich getragen. Das Dossier dient ihm jetzt, viele Jahre später, dazu, sich die ganze Sache noch eimal zu vergegenwärtigen und alles aufzuschreiben: wie er durch Paris irrte, Bekannte und Arbeitskolleginnen der Verschwundenen ausfindig machte und befragte, dabei auf seltsame Widersprüche stieß und ihm schon damals schwante, dass Noelle eine Art Luftgeist war, ein geheimnisvolles Wesen, über das sich alle ihre eigenen Geschichten, Wahrheiten und Lügen zurechtgelegt hatten.

Die Notizen von damals, die Karteikarten und das Tagebuch von Noelle, das Jean in ihrer Wohnung gefunden und eingesteckt hat, bringen ihn nicht weiter, denn das Tagebuch ist mit "unsichtbarer Tinte" geschrieben: Seiten, auf denen damals scheinbar gar nichts vermerkt war, offenbaren jetzt plötzlich, weil die Tinte inzwischen wieder sichtbar wurde, Bemerkungen von Noelle, die Jean aber nicht entschlüsseln kann.

Jean bemüht sich zwar, den Nebel zu lichten, seine Erinnerungen mit Fakten zu füllen, mit unzähligen Namen von Personen, Straßen und U-Bahn-Stationen eine Realität zu erschaffen, wo alles vielleicht nur ein Traum war: aber es ist und bleibt - damals wie heute - verschwommen und rätselhaft.

Meister der literarischen Wendungen

Modiano ist ein Meister der poetischen Täuschung und der literarischen Wendungen. Wenn die Geschichte immer vertrackter wird, wenn sich Jeans Erinnerungen an damals als falsch erweisen, wenn er beim Schreiben der Geschichte das diffuse Gefühl hat, alles sei bereits längst mit "unsichtbarer Tinte" von irgendwem irgendwo aufgeschrieben, sein eigenes Schreiben diene nur noch dazu, sich endlich seiner eigenen Geschichte zu stellen und sich einzugestehen, was ihn wirklich mit Noelle schon damals verbunden und was er viele Jahre nur verdrängt hat, dann bekommt die Geschichte noch einmal einen völlig unerwarteten Dreh, wird die Erzähl-Perspektive verändert, werden alle Erinnerungen in ein anderes Licht gestellt, erhalten alle Fakten ein neue Bedeutung:

Es kommt eben immer darauf an, wer sich erinnert, welche Erinnerungen man zulässt, und welche man lieber im Verborgenen belässt. Ob man bereit ist, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Roman mit "magischen Zügen"

Ohne zu viel zu verraten, sei angedeutet: Die Wahrheit über den Fall der verschwundenen Noelle schlummerte schon immer in seinem Unbewussten, Jean muss sie nur zulassen. Und der Erzähler, der jetzt nicht mehr Jean ist, sondern ein anderer, muss sich als jemand erweisen, der - wie Modiano - Schreiben als Suchbewegung begreift, als ein vorsichtiges Herantasten an das, was passiert ist oder sein könnte.

Die Suchbewegung, das Herantasten an schmerzliche Wahrheit hat etwas mit der verdrängten Kindheit und problematischen Jugend von Jean zu tun, mit seiner Herkunft und damit, dass Erkennen meistens ein plötzliches Wieder-Erkennen ist. Die Geschichte von Noelle, ihr Leben und ihr Verschwinden, ist nicht das eigentliche Problem und wird sich - Simsalabim! - als ziemlich unspektakulär entpuppen. Das Problem ist Jean und wie man mit dem Schreiben eine Wirklichkeit erfinden kann, die es gar nicht gibt.

Modiano, der nie viele Worte macht und einen einzigartigen poetischen Telegrammstil entwickelt hat, kann das: Der Roman hat magische Züge, lässt manches aufscheinen, bevor es wieder verblasst, sich auflöst und vielleicht später wieder in anderem Licht eine neue Bedeutung bekommt. Es scheint, als habe Modiano den Roman selbst mit "unsichtbarer Tinte" geschrieben: Faszinierend!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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