Ulrich Peltzer: Das bist du; Montage: rbbKultur
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Roman - Ulrich Peltzer: "Das bist du"

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Im Titel des neuen Romans von Ulrich Peltzer klingt das Staunen über die eigene, fern gerückte Existenz an: "Das bist du". So spricht der Ich-Erzähler von heute aus zu dem, der er einmal war. Er ist also doppelt vorhanden: einmal als Erzählerstimme in der Gegenwart, die die Bruchstücke der Vergangenheit zu einem Bild zusammenfügt, vor allem aber als dieses in der Vergangenheit versunkene Du.

Müßig also, die schlichte Frage nach dem autobiografischen Gehalt zu stellen. Ja, jedes Bruchstück, jeder Buchstabe, könnte so oder so ähnlich gewesen sein. Peltzer war wie sein namenloser Ich-Erzähler in den frühen 80er Jahren Student der Psychologie in West-Berlin. Doch zunächst und vor allem geht es darum, die damalige Epoche zwischen Punk und Pop, sehr vielen Drogen, Kneipenbesuchen und einer drängenden Lust an der Theorie, an Kino, Literatur und Musik zum Klingen zu bringen.

Ein Gewebe des Lebens

Das gelingt Peltzer durch hohes Tempo, rasche Schnitte, eine fragmentierte, filmische Erzählweise und das Aufbrechen der Chronologie. Die Erinnerungen stellen sich ein wie Scherben: beliebig, fragwürdig, und mit scharfen Kanten. So entsteht ein Soundtrack der frühen 80er Jahre, oder wie Peltzer das nennt, ein "Gewebe des Lebens".

Intellektuelle Generations-Erfahrungen

Eindrucksvoll macht er deutlich, dass das "Ich" kein geschlossener Kokon ist, sondern all das umfasst, wovon es umgeben wird, was es aufnimmt, hört, liest und bedenkt. Ob Ian Dury oder Joe Jackson, Dylan oder die Doors, ob Bücher von Handke, Pavese, Rolf Dieter Brinkmann oder T.S. Eliot, ob Theweleits "Männerphantasien" oder der "Anti-Ödipus", dem der Erzähler in einer Lesegruppe zu Leibe rückt: All das sind intellektuelle Generations-Erfahrungen, nicht nur Hintergrund oder Begleitmusik einer Biografie, sondern zentrale Erfahrungen dessen, der da zu sich sagt: "Das bist du".

Selbst die Liebesgeschichte mit einer Frau namens Leonore, die dem Roman über all diese Einzelheiten hinaus ein Handlungsgerüst gibt, ist durchaus typisch: in ihrer Sehnsucht nach dem großen Glück und einer dann doch irgendwie bürgerlichen Liebesgemeinschaft ebenso wie in ihrem Scheitern und dem nicht zu bewältigenden Schmerz.

Schreiben als Offenbarung

Individualität gewinnt der Erzähler erst im Schreiben. Der Wunsch, sein Dasein in Sprache zu verwandeln, rettet ihn aus seiner mäandernden Unbestimmtheit. "Das bist du" ist das Porträt eines werdenden Schriftstellers, des Künstlers als junger Mann. So wie er das Kino als einen Ort der Befreiung und der Erkenntnis erlebt – er arbeitet, und auch das ist autobiografisch, als Kartenverkäufer in einem Kreuzberger Programmkino –, so erlebt er auch sein Schreiben als Aufbruch oder gar als "Offenbarung dessen, was ein Mensch sei."

Um nichts Geringeres geht es ihm. Die kleine Frage: Was war ich – und warum so? mündet in die größere, immer wieder neu und nur individuell beantwortbare: Was ist der Mensch?

Hoffnungspotential

Peltzer betrachtet die Vergangenheit kalt und nüchtern und doch nicht ohne romantisches Sentiment. Er erinnert sich einer Zeit, in der es zwar auch in West-Berlin durchaus eine Zukunft gab, in der es aber üblich war, sich nicht darum zu kümmern. Das Leben war in einer gekonnten Aufsparung auf ewige Gegenwart ausgerichtet und insofern sorgenfrei – auch wenn man kein Geld hatte.

Peltzers raffinierte Volte besteht jedoch darin, aus dieser undefinierten Zukunft heraus zu erzählen. Dieser Punkt, von dem aus der Erzähler sich erinnert, bleibt unbestimmt. Wir wissen nicht, was aus dem jungen Mann von damals inzwischen geworden ist. Wir dürfen jedoch vermuten, dass er zu einem erfahrenen Schriftsteller herangereift ist. Wie sonst könnte er so präzise all das Unerfüllte, das Schöne, das übrig gebliebene Hoffnungspotential der damaligen Zeit herausarbeiten.

Jörg Magenau, rbbKultur

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