Benedict Wells: Hard Land; Montage: rbbKultur
Diogenes
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Roman - Benedict Wells: "Hard Land"

Bewertung:

Lesen Sie dieses Buch! Lesen Sie es am besten rasch durch, bis die letzte Zeile ausgelesen ist. Gut möglich, dass Sie dann denken, fühlen, urteilen: Wow, der perfekte Coming-of-Age-Roman! Denn wer an der Stelle des Herzens keinen Kühlschrank hat, der wird hingerissen sein.

Ja, das ist es doch, was man Jungsein nennt – oder nicht? Wenn die Welt wie in einer Vergrößerung auf einen zukommt und das junge Ich nach Atem ringt. Wenn sich das Widersprüchliche unerhört verdichtet, Ahnung und Gegenwart, Ekstase und Schmerz, Energie und Leere. Wenn dich die eine Welle hoch empor trägt und die nächste auf den Grund drückt. Wenn das Begreifen dem Erleben immerzu hinterher rennt und erst später kapiert, warum es schon wieder nicht Schritt gehalten hat.

Liebe und Tod - Maxima des Lebens

Die Geschichte spielt Mitte der 80er Jahre in Grady, einer Kleinstadt in Missouri. Das Stahlwerk wurde geschlossen, die Zeichen stehen auf Niedergang. Sam, der Erzähler, ein dürrer Außenseiter, fünfzehn Jahre alt, ist gut in Mathe und schreibt gern Songs. Er erzählt im Rückblick von dem Sommer, in dem er zum ersten Mal verliebt war und seine Mutter starb. So steht es gleich im ersten Satz. Liebe und Tod, Maxima des Lebens ...

Man ist sofort auf Temperatur. Zu seiner Überraschung findet Sam Anschluss. Nicht bei irgendwem, sondern bei drei markanten Charakteren, die zwei, drei Jahre älter sind als er. Der schwarze Hightower ist der beste Sportler der Stadt, ein gelegentlich diskriminierter Muskelpanzer mit Seele; Cameron ist der Sohn sehr reicher Eltern und schwankt zwischen Homo- und Bisexualität; die schöne Kirstie hat eine kleine Zahnlücke, immerzu schräge Ideen und schon Erfahrungen mit Jungs.

Fast eine richtige Jugend

Kirstie begegnet Sam so verbindlich, verlockend und zugewandt und dann wieder so unberechenbar und lauwarm, dass er sich so verliebt, wie er es auf keinen Fall ertragen kann und auf keinen Fall missen will. Die Clique arbeitet abends im Kino, das Kristies Vater gehört, und hängt nachts quatschend auf dem Kino-Dach ab.

Die Vier gehen feiern, sie saufen und sie kotzen. Sie carriolen mit Hightowers Pickup in der Gegend herum und machen Mutproben. Bald stellt Sam erstaunt fest, dass er anerkannt ist, dass er echte Freunde hat und tatsächlich eine richtige Jugend. Nur dass in seiner Mutter der Krebs wuchert; dass ihre Prognose fürchterlich ist; dass in der bunten Fülle der Gegenwart die Schatten der Vergänglichkeit unübersehbar sind.

Ein bisschen zu perfekt

Warum wirkt das Buch so perfekt? Oder, um endlich deutlicher zu werden: warum wirkt es ein bisschen zu perfekt? Wells hat sich souverän in die amerikanisch-westliche Populärkultur der 80er Jahre eingearbeitet – er selbst war damals ein Kleinkind in Bayern. Weil das Kino der wichtigste Treffpunkt der vier cineastischen Freunde ist, kann Wells wie selbstverständlich alle möglichen große Momente und Sprüche der Filmgeschichte aufrufen und in seinen Text einschreiben. Weil Sams Mutter eine Buchhandlung betreibt und Kristie einen Faible für Roman-Anfänge, Literatur generell und auch noch Wortspiele hat (sie erfindet den Begriff "Euphancholie"), kann er die Literaturgeschichte ebenfalls ausbeuten, ohne dass es allzu sehr nach Bildungshuberei aussieht.

Wink mit dem Zaunpfahl

Aber damit nicht genug. In der Highschool spielt das Gedicht "Hard Land" eine große Rolle. Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Der Roman ist auch sehr belastbar in puncto Selbstreflexivität, die sich sogar bis zur Selbstreflexivität zweiter Ordnung steigert: Der Leser erfährt in der Geschichte tatsächlich, wie eine ordentliche Coming-of-Age-Geschichte gebaut zu sein hat.

Natürlich spielt auch die Natur eine Rolle. Dass der See, an dem Grady liegt, "Lake Virgin" heißt ... wenn er singen könnte, würde er wohl Madonnas "Like a virgin" singen ..., weist nicht allzu feinsinnig auf Sams Stand im Geschlechtsleben hin. Als die Clique einmal die stadtberühmte Todesklippe besteigt, ist man froh, dass sie dort wenigstens keinen chicken run veranstaltet wie Buzz und Jim in Nicolas Rays "Denn sie wissen nicht, was sie tun".

Aber klar, Wells' Klippe ist erkennbar verwandt mit Rays Klippe und im Prosemiar ließe sich darüber reden, was Sam mit Jim alias James Dean verbindet – und was nicht.

Ein starkes Buch - auch stark abgekupftert!

Mit einem bisschen Distanz zum Taumel der Gefühle, in den man sich von Wells gern hineinreißen lässt, kommt ein Verdacht auf: Warum kann man so vieles vorhersehen, nicht nur die großen Linie der Geschichte, sondern oft auch das, was auf der nächsten Seite stehen wird? Handelt dieses Buch etwa gar nicht vom Aufwachsen, sondern von jenen filmischen und literarischen Werken, die vom Aufwachsen handeln?

Genießt man also gar nicht das Aroma echter Jugend, sondern nur künstliche Aromastoffe, die "Jugend" vorgaukeln? Ist das Ganze am Ende eine erlesene Klischee-Kompilation? Ein Hinweis auf dem Buch-Umschlag würde das bestätigen. Dort ist von einer "Hommage an '80s-Coming-of-Age-Filme" die Rede.

Die ganze Wahrheit ist das jedoch nicht – dafür kümmert sich Wells jenseits des postmodernen Gewimmels von Film- und Literatur-Zitaten zu intensiv um seine Figuren. Er will beides, also handelt "Hard Land" von beidem zugleich: vom Leben junger Leute und von Kunst, die vom Leben junger Leute handelt.

Im Rausch des Lesens macht das eine größeren Eindruck, mit Abstand das andere. Ein starkes Buch, auch stark abgekupfert! Lesen Sie das Buch, aber vergessen Sie vorher das mit der Hommage. Sie würden sonst zu reflektiert an die Geschichte herangehen.

Arno Orzessek, rbbKultur

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