Bernd Stegemann: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde; Montage: rbbKultur
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Ein Plädoyer für eine neue Debattenkultur - Bernd Stegemann: "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde"

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Bernd Stegemann ist Dramaturg am Berliner Ensemble und Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Damit nicht genug: Stegemann mischt sich immer wieder mit Verve in die Debatten unserer Zeit ein. Wie jetzt mit seinem neuen Buch: "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde".

Der Titel klingt wie eine Kampfansage. Doch wen oder was betrachtet Bernd Stegemann als "Feind" der Öffentlichkeit? Zunächst mal fühlt Stegemann unserer Öffentlichkeit den Puls. Seine Diagnose: der geht zu schnell; unsere Debattenkultur ist überhitzt. Öffentlichkeit, betont er zu Recht, ist ein unersetzliches Gut – als Arena des freien Austauschs aller mit allen über alles. Das wäre jedenfalls das Ideal.

Stegemann bescheinigt der Öffentlichkeit eine "schlimme Persönlichkeit"

Aber nun stellt der Dramaturg diese Öffentlichkeit selber mal auf die Bühne und bescheinigt ihr eine schlimme Persönlichkeit: "Sie ist reizbar, versteht alles falsch, reagiert auf die leisesten Töne mit aggressiver Zurechtweisung, und sie stellt sich taub, wenn sie kritisiert werden soll."

Diese Persona hört bei Stegemann auf die Namen Identitätspolitik, Cancel Culture oder auch Populismus – und die nennt er, polemisch überspitzt, "Feinde der Öffentlichkeit". Die Öffentlichkeit ist ihm zufolge gerade dabei, sich selber zu zerstören.

Kritik an der Identitätspolitik

Möchte Stegemann also die althergebrachte, männlich dominierte Meinungsmacht verteidigen, die ja auch im Theater bis vor kurzem vorgeherrscht hat?

Im Gegenteil, gerade weil die Theatergeschichte die längste Zeit eine Geschichte des Ausschlusses war – auch Antigone durfte in der Antike nur von Männern gespielt werden, nicht anders war das bei Shakespeare – möchte Stegemann an die Errungenschaft von Öffentlichkeit erinnern, an der idealiter alle teilnehmen können sollten, in der aber in erster Linie das WAS im Vordergrund steht und nicht die Frage, WER spricht.

Bernd Stegemann erklärt das selbst so:

"Das ist doch meine große Kritik an der Identitätspolitik, wenn sie quasi jede öffentliche Aussage vor allen Dingen darin bewertet, wer sie getätigt hat. Wenn ich fokussiere darauf, wer spricht und nicht, was gesagt wird, bin ich absolut in der Gefahr, das wesentliche Dinge, die für die Öffentlichkeit wichtig sind, nicht mehr gehört werden können, weil zuvor die Sprecherposition abgewertet wurde."

Keine identitätspolitischen Grabenkämpfe

Stegemann trifft einen ganz entscheidenden Punkt in der Verteidigung der Meinungsfreiheit als Grundlage der Demokratie. Das ist eine Aufgabe und ganz besondere Verantwortung auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Stegemanns Buch hat aber einen ganz besonderen Dreh: Er formuliert das etwas hochgestochen mit "Anthropozän". Eigentlich müsste sein Buch "Die Öffentlichkeit und ihre Feinde im Anthropozän" heißen. Anthropozän als Zeitalter, in dem der Mensch die Erde derart verändert hat, dass das Leben auf dieser Erde in Frage steht.

Sein wichtiges Argument ist: wir alle müssen uns angesichts dieser Herausforderung zusammenraufen, statt uns in identitätspolitischen Grabenkämpfen zu zersplittern.

Weg vom Besserwissen, hin zum Bewusstsein des Nicht-Wissens

Statt mit Vorschlägen, kommt Bernd Stegemann interessanterweise mit religiösen Begriffen: "Demut" und "Transzendenz". Ob es diese Begriffe sein müssen, darüber lässt sich sicher streiten. Die Haltung, die Stegemann aber meint, würde unserer Öffentlichkeit aber sicher gut tun: Weg vom Besserwissen, hin zum Bewusstsein des Nicht-Wissens, des Fragens nach dem, was größer ist als jede und jeder Einzelne und ihre oder seine Interessengruppe. Natur als Geheimnis, das wir zu verlieren drohen.

Das ist die besondere Volte dieses Buchs, die eine "Unterströmung von Zukunftsvisionen" beschreibt, oder eine Gegenströmung gegen Identitätspolitik, die ähnlich auch in anderen Büchern zur Zeit gefunden werden kann - zum Beispiel in Robert Habecks Vision einer neuen Machtkultur in seinem Buch "Von hier an anders".

Natascha Freundel, rbbKultur

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