Harald Naegeli: Wolkenpost; Montge: rbbKultur
Diogenes
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Bildband - Harald Naegeli: "Wolkenpost"

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In den 1970er-Jahren wurde er als "Sprayer von Zürich" bekannt. Doch viele Bürger der Banken-Metropole sahen in den auf Betonwände gesprühten Graffiti keine Kunst, sondern böswillige Sachbeschädigung. Nachdem seine Identität aufgedeckt war, wurde Harald Naegeli angeklagt und zu einer Geld- und Haftstrafe verurteilt. Jetzt hat der 81-Jährige den Bildband "Wolkenpost" veröffentlicht: sein Vermächtnis.

Auch seine Flucht nach Düsseldorf, wo er in Joseph Beuys einen Freund und Förderer fand, konnte ihn nicht vor Verfolgung schützen: Aufgrund eines internationalen Haftbefehls wurde Naegeli von Deutschland an die Schweiz ausgeliefert. Aber auch nachdem er aus der Strafanstalt entlassen wurde, machte Naegeli einfach weiter, wo er aufgehört hatte, sprühte seine Figuren, Fische und Fabelwesen an Mauern und Wände - egal ob in Zürich oder Venedig, Düsseldorf oder Berlin.

Vermächtnis

Jetzt hat der 81-Jährige einen Bildband veröffentlicht: "Wolkenpost", das Vermächtnis des sterbenskranken Künstlers, der nach mehreren Operationen keine weitere mehr ertragen möchte und sich auf den Tod vorbereitet.

Er ist wieder aus Düsseldorf nach Zürich gezogen, um in seiner Heimat zu sterben, aber auch geehrt zu werden. Denn der Zeitgeist ist flüchtig, der Kunstbegriff wankelmütig: Was eben noch Sachbeschädigung und Vandalismus war, ist heute sogar in der Schweiz moderne Kunst und wird ausgestellt, und nachdem jahrzehntelang seine Graffiti sofort wieder entfernt wurden, werden jetzt sogar in Zürich einige erhalten und restauriert.

Vater der europäischen "Street Art"

Der Künstler hat dafür nur ein mildes Lächeln übrig: Ihm ist der kapitalistische Kunstmarkt völlig schnuppe, er versteht sich als Nachfahre des in Zürich gegründeten Dadaismus und misst den Wert der Kunst nicht nach Geld, sondern daran, ob sie gegen das bestehende Schlechte opponiert, die Utopie einer besseren Welt entwirft und den Betrachter zum Nach- und Mitmachen anregt.

Er ist der Vater der europäischen "Street Art", rebelliert gegen die Kommerzialisierung der Kunst und will kreative Denkanstöße geben, rückt auch im hohen Alter noch manchmal nachts mit seiner Spraydose aus, um das Grau in Grau der Architektur zu verschönern und zu veralbern.

"Urwolke"

Die "Wolkenpost" versammelt visuelle und textliche Botschaften, die Naegeli zwischen September 2013 und Dezember 2017 gesprayt und per Mail unter dem Namen "Harry Wolke" und vom Account "urwolke@hotmail.com" in die Welt versendet wurden.

Naegelis "Urwolke" bezieht sich auf den Dadaismus, die "Ursonate" von Kurt Schwitters. Seine Kunst entstamme einer "Urwolke" aus Punkten, die sich zu Strichen und Figuren ausdehnen und zu Fischen und Blitzen, Rad fahrenden Ohrenmännchen und herum krabbelnden Wanzen mutieren, architektonische Sünden entlarven und die zubetonierte Vernunft wieder befreien.

"Wir sind aus solchem Stoff, aus dem man Träume macht", zitiert Naegeli Shakespeare und meint: "So flüchtig und wolkig wie unsere Träume ist auch unser irdisches Dasein. Mit meinen Graffiti zeige ich, dass der Sinn der Kunst die Utopie ist. Ohne Anspruch auf Ewigkeit entspringen sie in dunkler Nacht den kahlen Wänden, schimmern und funkeln, erfreuen und empören und werden meist schnell wieder in unendlich viele kleine Partikel zerlegt, aus denen sie eben erst entstanden sind."

Er fotografiert seine Graffiti und schickt die Bilder, versehen mit einer zumeist heiteren Text-Botschaft als "Harry Wolke" hinaus an alle "Freunde der Wolke": eine Auswahl dieser Mails können wir im Buch bewundern, belächeln, bestaunen.

Botschaften von "Harry Wolke"

9. Januar 2014, Betreff: "Aus dem Fisch der Blitz": Fotos von Fischen, die, vom Blitz getroffen und an Land geworfen, an Betonsäulen gen Himmel schwimmen, dazu der Text: "Was ist die Philosophie einer Wolke? erscheinen - verschwinden, alles festhalten - alles wieder loslassen! Morgen schwebe ich wieder fort von Zürich und blitze und fische wieder anderswo."

17. Mai 2014, Betreff: "Tanz der Fische", darunter Fotos von Blitzen, Fischen, Figuren, die auf Betonwänden, in U-Bahn-Schächten und über Uferpromenaden mit den Worten herumgeistern: "In den frühen Morgenstunden lieben es die Fische an Land zu springen, begleitet von Blitzen."

28. Februar 2015: Linien, Dreiecke, die sich auf einer Wand verknoten und wie kleine Sträucher und Bäume aussehen, dazu der Text: "Wüssten wir nicht, dass die Spraylinien Ausdruck einer Revolte sind, so würden wir sie gewiss einfach als einen Teil der Natur ansehen."

Am 1. November 2015 lässt "Harry Wolke" riesige Wanzen durch eine zubetonierte und Stadtlandschaft krabbeln und schreibt: "Samuel Beckett meinte: Weh dem, der Symbole sieht! Aber ist nicht alles, was wir gestalten Symbol? Und alles, was wir sehen sind ebenso Symbole!"

Kunstkritischer Schabernack

So treibt Naegeli seinen kunstkritischen Schabernack mit Goethe, Hölderlin, Nietzsche, sprayt erschrocken glotzenden Augen auf grauen Beton, gern auf die Wände von Museen, in denen die teuren Schätze schlummern, die er als Befürworter einer kostenlosen Kunst verachtet. Er lässt Ohrenmännchen über graue Wände radeln und fotografiert sie, während ein einsamer Radfahrer vorbei fährt und verdattert auf den Weggefährten blickt. Dann bevölkern rote Flamingos das Stadtbild, stolzieren auf und ab und wollen gar nicht wieder verschwinden. Naegeli meint, die roten Flamingos seien "psychologisch das Symbol des modernen Menschen: ewig streitsüchtig, aber unwürdig aneinander gekettet."

Die Flamingos, die er durch Tiefgaragen oder an Bauzäunen entlang laufen lässt, sind für ihn Symbole der drangsalierten Natur, der Schönheit und der Freiheit, die der Mensch nicht ertragen kann und zähmen muss. Er befreit die Flamingos aus den Zoos, in denen ihnen die Flügel beschnitten werden, damit sie nicht in die Freiheit davon fliegen. Die Schönheit der Flamingos ist für ihn eine Waffe, um, gepaart mit List, "den Barbaren im Menschen zu besiegen".

"Wolkenpost" an die "Freunde der Wolke"

Naegeli erfindet einen Dialog zwischen einer Mauer, einer Wand und einem Flamingo: Der Flamingo sagt: "Ihr bietet mir euren fetten oder straffen Bauch an, und ich schneide die Linie Utopia hinein."

Mauer und Wand antworten: "Sehr gerne! Gut, dass es dich gibt, ohne dich würden wir unbeachtet verbröckeln und verschwinden."

Und so wird es wohl auch kommen: Wenn die Betonwände längst verschwunden sind, werden in Archiven, Museen und Fotobänden stolze Flamingos, Fische, Blitze und Strichmännchen noch ihr Unwesen treiben und von einem Künstler erzählen, der den Wahnsinn der Welt verlachte und seine "Wolkenpost" an alle "Freunde der Wolke" verschickte. Herrlich!

Frank Dietschreit, rbbKultur

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