Janosch – Leben & Werk; Montage: rbbKultur
Merlin Verlag
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Zwei Neuerscheinung zum 90. Geburtstag von Janosch - "Wondrak für alle Lebenslagen" und "Janosch – Leben & Werk"

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"Ich bin der einzige glückliche Mensch, den ich kenne", hat Janosch in einem Interview mit dem rbb mal gesagt, vor zehn Jahren, als er 80 Jahre alt wurde. Und er hat uns damals auch einen seiner Tricks verraten: "Ausweichen. Das ist mein Haupttrick. Man muss immer darauf achten, wo der nächste Schlag niederkommt und da darf man sich nicht befinden. Die Schläge kommen ja von oben, von Gott. Ich weich allen Dingen aus, die gefährlich sind."

Jetzt wird Janosch, der am 11. März 1931 im heutigen Zabrze, damals Hindenburg in Oberschlesien, geboren wurde, tatsächlich schon 90 Jahre alt, und wenn man dem glauben kann, was man zuletzt von ihm hörte, dann ist er immer noch ein glücklicher Mensch. Am liebsten liegt er in seiner Hängematte auf Teneriffa, wo er mit seiner Frau lebt. Er malt und zeichnet, Bücher schreibt er nicht mehr.

Man muss sehr viel denken

Am berühmtesten ist er als Kinderbuchautor geworden: seine Figuren wie der kleine Bär und der kleine Tiger, Schnuddelbuddel und natürlich die unvermeidliche Tigerente bevölkern schon seit Generationen die Kinderzimmer.

Dabei ist Janosch künstlerisches Schaffen weitaus vielfältiger: Seine Erwachsenenbücher wie "Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm" oder "Polski Blues", in denen er vom schweren Aufwachsen in einer bigotten Bergarbeitersiedlung erzählt, sind weniger bekannt. Und auch als Graphiker und Künstler ist er von vielen unterschätzt: Er illustrierte nicht nur Kinderbücher, sondern hat auch Aquarelle, Radierungen, Holzschnitte und Ölgemälde geschaffen.

Zuletzt schrieb und zeichnete Janosch für das ZEIT Magazin die Kolumne "Wondrak für alle Lebenslagen", in der er Leserfragen beantwortete.

"Herr Janosch, wie kommt man durchs Leben?

"Man muss sehr viel denken. Wondrak setzt sich mit Spätburgunder ans Meer oder so. Und trinkt von dem Wein. Bis ihm einfällt, wie das so geht."

Oder:

"Herr Janosch, was macht man, wenn die Liebe weg ist?"

"Man belässt es dabei. Sofern es nicht stört."

Dazu die wunderbaren Zeichnungen von seinem Alter Ego Wondrak in schwarz-weiß geringelter Latzhose, ausgestattet mit einem ähnlich imposanten Schnurrbart wie er selbst, in allen möglichen Lebenslagen. Wondrak beim Suppekochen, beim Blumenschenken, beim Liegen auf dem Sofa, beim Weinen. Die Kolumne ist nun, zu seinem 90. Geburtstag, als Reclamband erschienen: ein kleines Kompendium zum Mitnehmen, randvoll mit humorvollen, klugen Lebensweisheiten. Zum Beispiel bei solchen Fragen:

"Herr Janosch, was ist Heimat?"

"Die Heimat ist der Ort, wo das Herz auf ewig wohnt, egal, ob es dort stinkt."

"Malen ist mir nicht so sehr Kunst"

Im Merlin Verlag, der bereits seit den 70er Jahren u.a. Radierungen von Janosch herausbringt, erscheint zum Jubiläum das Bilderbuch "Leben und Werk". Ein Band, der die überraschende Vielfalt seines künstlerischen Werkes zusammenstellt: Jenseits von Tigerente und kleinem Bär finden sich hier Holzschnitte, Aquarelle, Zeichnungen, die sich eindeutig nicht im Kinderbuchbereich bewegen.

Viele seiner Bilder sind sehr explizit, Mann und Frau beim Sex, ein Hochzeitspaar, deren Hände vom Pfarrer mit einem Hammer zusammengenagelt werden, ein Exhibizionist mit Bart und Brüsten. Ein Janosch-Kosmos, der vielen unbekannt ist, mit einem einordnenden Vorwort eines unbekannten Bewunderers und einer Selbsteinschätzung von Janosch, in der Sätze stehen wie dieser:

"Ich male zum Beispiel einen roten Fleck. Und das, weil ich einen brauche, weil mir einer an der Wand über der Bettstatt fehlt. An ein Bild denke ich vorerst gar nicht. Malen ist mir nicht so sehr Kunst. Malen ist mir mehr ein Schmuck, eine Beglückung."

Auf jeden Fall ist dieser Bildband eine große Beglückung – und einer der schönsten Beiträge zum 90. Geburtstag, um Janosch aus der Tigerenten-Ecke herauszuholen. Gegen die ist ja gar nichts einzuwenden, aber sie allein wird diesem Künstler, diesem Lebenskünstler einfach nicht gerecht.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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