Keine Ostergrüße mehr!; Montage: rbbKultur
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Die geheime Gästekartei des Grandhotel Waldhaus in Vulper - "Keine Ostergrüsse mehr!"

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Eine Gästekartei mit rund 20.000 Karten - mehr ist nicht übrig vom Grandhotel Waldhaus im schweizerischen Vulpera, das 1989 abgebrannt ist. Aber selbst die kleine Auswahl an Karteikarten, die in diesem schön aufgemachten Buch faksimiliert wiedergegeben ist, lässt eine ganze Welt wiederauferstehen. Denn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat das Personal dieses mondänen Luxushotels im Engadin dort nicht nur Namen und Adressen der Gäste, ihre Zimmernummern und Aufenthaltsdauer festgehalten, sondern auch Beobachtungen, Eindrücke und Vorkommnisse.

Bewertungen der Schönen, der Reichen und der Möchtegerns

Die Bewertungen reichen von "sehr anständiger Gast" bis "Preisschinder". "Sie ewig besoffen" heißt es etwa über eine Mrs. Watson, die mit ihrem Gatten in den 40er Jahren mehrfach zu Gast war: "Das Personal nennt sie Martini". Die 'dienstbaren Geister' des Hotels - hier treten sie in Erscheinung, indem sie den Auftritt der Schönen, der Reichen und der Möchtegerns bewerten, Vorder- und Kehrseite einer auf Klasse bedachten Klassengesellschaft in wenigen Worten festhalten.

"Protz", "Alte Beisszange" oder "ziemlich überspannt" heißt es da, oder "versucht bei älteren Semestern einen Passenden Mann zu finden, da ihr Alter mit dem Küchenmädchen ab ist".

Spiegel der Zeitgeschichte

Neben solchen individuellen Bemerkungen verzeichnen die Karteikarten aber auch antisemitische Ressentiments der Hotelangestellten, die in den 1920er Jahren noch offen bösartig in Bezeichnungen wie 'Stinkjuden' geäußert und nach Kriegsende in diskreten Kürzeln gefasst wurden.

Doch nicht nur dem Antisemitismus des Schweizer Personals im Waldhaus ist ein Kapitel gewidmet, auch Gaunern oder 'großen Namen'. So logierte u.a. der Opernsänger Richard Tauber "mit Braut" im Waldhaus und Schriftsteller wie Friedrich Dürrenmatt, an den sich auch der letzte Direktor des Hotels, Rolf Zollinger, in einem abgedruckten Interview noch erinnert.

Zollinger war es auch, der die Gästekartei bewahrte. Sie ist ein Spiegel der Zeitgeschichte ebenso wie ein Gesellschaftspanorama von der Zwischen- bis zur Nachkriegszeit. Schon in den 20er Jahren trafen im Grandhotel Waldhaus alter Adel und Neureiche aufeinander, indische Maharadschas, amerikanische Unternehmer, Antisemiten und Juden, um hier für zwei, drei, vier Wochen Thermalwasser-Kuren, aber auch Geschäfte zu machen. Sie suchten Erholung oder auch "Anschluß" - für sich oder für die Tochter: Auch das wurde auf den Karteikarten vermerkt - ebenso wie die deutsche Bankenkrise 1931. Reihenweise heißt es dann von Gästen, dass sie früher abreisen mussten, einigen gab das Hotel Rabatt.

Tragödien (und Komödien) auf Karteikarten

Während die Formel "Keine Ostergrüsse mehr" unliebsame Gäste markierte, mußte nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland auf zahlreichen Karteikarten jüdischer Gäste notiert werden, dass die Karten mit den Ostergrüßen, mit denen sich das Hotel bei seiner Klientel alljährlich in Erinnerung brachte, zurückkamen, die Gäste "verzogen" waren.

So erzählt die Gästekartei des Grandhotel Waldhaus nicht nur in denkbar konzentrierter Form von individuellen Tragödien (und Komödien), sondern ebemso lapidar, wie eindringlich auch davon, was in der Welt draußen vorging. Wer hätte gedacht, wie viel Leben Karteikarten enthalten können!

Silke Hennig, rbbKultur

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