Moritz Heger: Aus der Mitte des Sees; Montage: rbbKultur
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Roman - Moritz Heger: "Aus der Mitte des Sees"

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Einen Mönch zum Ich-Erzähler zu machen, ist in der Gegenwartsliteratur eine Rarität. Schon deshalb ist der zweite Roman von Moritz Heger eine Besonderheit. Doch Bruder Lukas, der hier spricht, ist ein seltsamer Mönch, dessen Gotteserfahrung das Schwimmen ist.

Die Momente tiefster Andacht findet Lukas nicht unbedingt in den Gottesdiensten des Benediktinerklosters, dem der 38-Jährige seit 16 Jahren angehört, sondern mehr noch, wenn er seine tägliche Strecke im nahegelegenen Vulkansee zurücklegt.

Schwimmen als Gotteserfahrung

Schwimmen ist seine Gotteserfahrung. Es ist ein unmittelbarer, leiblicher Kontakt mit dem Wasser, das ihn trägt und umgibt und die Feier von Licht und Farben und Leben. Schwimmend ist der Mönch ganz bei sich selbst und damit vielleicht weniger Mönch, als er es sein müsste.

"Bleiben heißt Benediktiner sein, gehen heißt Individuum sein", heißt es einmal. "Ist es nicht so einfach?"

Doch das Schwimmen im See ist ein Zwischenzustand zwischen Gehen und Bleiben. Hier findet der Mönch seinen individuellen Freiraum, den er mit seiner eigenen Gläubigkeit füllt.

Andere Lebensmöglichkeiten

So spielt "Aus der Mitte des Sees" tatsächlich viel mehr im Wasser als im Kloster, und Lukas trägt öfter die Badehose als die Kutte. Vierzehn Tage umfasst der Roman. Jeder einzelne ist ein Monolog, in dem sich Lukas an ein wechselndes Gegenüber wendet.

Das Du, das er anspricht, ist zunächst der ehemalige Bruder Andreas, der das Kloster verlassen hat, weil er sich verliebte, und der nun Familienfotos aus Berlin mit Frau und Kind schickt. Das führt Lukas vor Augen, dass es auch andere Lebensmöglichkeiten für ihn selbst gäbe, und wenig später begegnet ihm dann auch schon eine Frau namens Sarah, die zu den Touristen gehört, die im Kloster für ein paar Tage ausspannen. Lukas verliebt sich in sie, was er durchaus nicht als gotteslästerlich empfindet. Doch indem nun Sarah die Rolle des Du besetzt, zu dem Lukas spricht, stellt sich die Frage nach Gehen oder Bleiben auch für ihn. Oder gibt es Möglichkeiten, Liebe und Glaube miteinander zu versöhnen?

Gott als narzisstische Projektion

Der Schlüssel könnte in der ausgesuchten Erzählhaltung liegen. Nicht sich selbst, sondern einem Gegenüber zu erzählen, ist für Lukas schon von Kind an eine wichtige Gewohnheit gewesen. Er vermutet, dass sein Bedürfnis nach einem Gesprächspartner auch der Grund dafür ist, an Gott zu glauben. Gott ist nicht nur der See, der ihn trägt, er ist auch dieses Andere der Sprache.

So ist alles in diesem Roman Andacht oder Gespräch oder innerer Monolog, auch wenn es stellenweise etwas mühsam ist, dieser Konstruktion zu folgen. Denn wenn Lukas Sarah erzählt, was er am Tag zuvor mit ihr erlebte, wendet er sich damit doch eher an Dritte – also uns Leser –, die all das noch nicht wissen, und nicht an die geliebte Frau, der er es nicht erklären muss, weil sie dabei gewesen ist. Vor allem aber geht es diesem Mönch auf dem Umweg über ein Du immer um sich selbst und darum, Klarheit zu gewinnen. Damit allerdings wäre Gott nur eine narzisstische Projektion und der Mönch einmal mehr weniger Mönch, als er zu sein wünschte.

Glaube, Gebet und Liebe als Formen des Rollenspiels

Dass alles, und damit eben auch das Mönchsein, der Glaube und das Gebet eine Art Schauspiel ist, gehört zu den Einsichten, die Lukas das Dasein erleichtern und erschweren. Schon in der Schule hat er in der Theater-AG mitgemacht, wenn auch mit geringem Talent. Sarah ist Schauspielerin und berichtet ihm, wie anstrengend es ist, in diesem Beruf erfolgreich zu sein. Die große hölzerne Plattform am See, von der aus sie ins Wasser springen, ist eine Theaterbühne und wird zum Schauplatz dieser Liebe, die also auch eine Form des Rollenspiels annimmt.

"Ich glaube, dass man Rollen braucht, um die Wahrheit zu sagen", sagt Lukas und ergänzt, dass er daran nichts Falsches findet. "Im Gegenteil."

Ein nachdenklicher Roman, nicht ganz frei von Kitsch

Die Bahnen, die der sehr stille, nachdenkliche Roman zum Ende einschlägt, sind leider nicht ganz frei von Kitsch. Das schwächt das Buch zwar etwas, ändert aber nichts an all den konzentrierten Momenten und klugen Einsichten, die es bietet. Es ist der Versuch, der Kompliziertheit des Lebens eine programmatische Einfachheit entgegenzusetzen.

"Ist nicht alles im Grunde viel einfacher, als man es immer darstellt", lässt Moritz Heger seinen Mönch räsonieren. "Stellt nicht die Verkomplizierung einen Versuch der Lüge dar, den Versuch, so kompliziert zu lügen, bis man sich selber glaubt?"

Ob ihm das gelingt, ob diese Einfachheit erreichbar ist, auch darum geht es in diesem leisen, sehr sinnlichen Buch.

Jörg Magenau, rbbKultur

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