Andreas Maier: Die Städte; Montage: rbbKultur
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Roman - Andreas Maier: "Die Städte"

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Die Geschichte der Bundesrepublik als kleine Geschichte der Mobilmachung: Andreas Maier liefert im achten Band seiner "Ortsumgehung" das Bewegungsprofil seines Lebens und plädiert dann aber doch fürs Zuhausebleiben.

Die Geschichte der Bundesrepublik ist eine Geschichte der allgemeinen Mobilmachung. Diese Geschichte zu schreiben heißt, sich mit Autobahnzubringern, Staus auf der A5, Tiefgaragen und dem Fassungsvermögen des Kofferraums zu beschäftigen.

Ortsumgehung

Ein Schlüsselbegriff des prosperierenden Landes ist die "Ortsumgehung", und so heißt auch das auf elf Bände angelegte Roman-Großprojekt von Andreas Maier, das zugleich eine biografische Selbstverortung und Lebensvermessung ist. Nie wurde dieser geografische Aspekt deutlicher als im jetzt erschienenen achten Band "Die Städte", in dem es ums Reisen geht.

Im Längsschnitt durch das eigene Leben erstellt Andreas Maier ein biografisches Bewegungsprofil, dessen Koordinaten vom heimischen Friedberg in Hessen über das Autobahnkreuz Nürnberg bis nach Brixen, Athen, Biarritz und Weimar reichen.

Reisen, um zum Selbstporträt als Autor vorzudringen

Die Familienkonstellation mit dem Vater als Prokurist der Henninger Brauerei in Frankfurt, der Mutter als durchaus wohlhabender Erbin eines ehemaligen Steinmetzbetriebs, der Schwester, die sich vor allem für Liebschaften mit amerikanischen Soldaten interessiert, und dem älteren Bruder, zu dem der junge Andreas aufschaut, ist aus den vorigen Bänden hinlänglich bekannt.

Eigentlich hatte Maier die Enge der Herkunft bereits ins Frankfurter Studentendasein hinein hinter sich gelassen. Doch jetzt kehrt er noch einmal in die Familie zurück, um anhand der zunächst mit den Eltern, dann aber trampend und auf eigen Faust unternommenen Reisen schließlich zum Selbstporträt als Autor vorzudringen, zu dessen Berufsprofil die Lesereise gehört.

Sehr geschickt verklammert Maier dabei die eigene Geschichte mit der Geschichte des Landes, auch wenn die Reisen für ihn immer eher eine Pflicht gewesen sind, als dass er sie mit Begeisterung unternommen hätte. Aber vielleicht besteht ja genau darin das Wesen einer Reise.

Urlaubsreisen mit den Eltern - eine kollektiv erlebte Flucht

Das gilt zunächst und vor allem für die Urlaubsreisen mit den Eltern, die Maier so klug wie witzig als Teilhabe an einer kollektiv erlebten Flucht auf den bundesdeutschen Autobahnen beschreibt. Das Automobil gibt dabei die Regeln vor: Nächtliches Vollpacken des Kofferraums. Aufbruch vor vier Uhr in der Frühe, um rechtzeitig vor Sonnenaufgang das Autobahnkreuz Nürnberg passiert zu haben. Stau an der Grenze nach Italien. Auspacken in Brixen, um das Auto im Supermarkt erneut vollzupacken, und ein paar Wochen später dann dasselbe in die andere Richtung.

Dass der Junge, der am liebsten zu Hause und für sich alleine geblieben wäre, unterwegs Asterix-Hefte liest und sich mit den Galliern in die Schweiz, zu den Briten, nach Spanien oder Ägypten begibt, ist eine Pointe am Rande. Um von Reisen zu lesen hätte er aber nicht verreisen müssen.

Unterwegssein als lästige Pflicht

Auch wenn es ein paar Jahre später per Autostopp an den Atlantik geht, sind die konkreten Orte weniger wichtig als das Gefühl, "zum ersten Mal im Leben völlig frei" zu sein. Dazu gehört auch die Einsicht, dass Freiheit sich nicht unbedingt beglückend anfühlt, sondern etwas mit Verlassenheit und Ziellosigkeit zu tun hat.

Das gilt mehr noch für den Aufenthalt in einem Dorf in den italienischen Alpen, wo der Erzähler mit Mitte Zwanzig seinen Suizid plant, den er dann aber doch nicht ausübt. Auch für diese – letzte – Reise gilt, dass es besser ist, sie bloß in Gedanken zu vollziehen. Dass das Unterwegssein eher eine Last oder eine lästige Pflicht bedeutet, könnte jedoch gerade in Coronazeiten eine tröstliche Botschaft sein.

Am Ende eine Lesereise nach Weimar

Eng verknüpft sind Maiers Reise-Erinnerungen mit einer persönlichen Geschichte des Alkoholkonsums. So lässt sich seine Biografie auch entlang der ersten Erfahrung mit Bacardi-Rum aus der väterlichen Hausbar, dem ersten Ouzo in einer Kneipe in Athen oder dem späteren Herumsitzen in hessischen Apfelweinkneipen erzählen. Das Leben besteht sowieso in viel stärkerem Maß aus Herumhockerei denn aus entschlossenen Aufbrüchen. So ergibt sich schon aus der natürlichen Sesshaftigkeit, dass es sich bei der Reiselust um einen großen kollektiven Irrtum handeln muss.

Dass das scharfsinnige, sehr vergnügliche Buch mit einer Lesereise nach Weimar endet, wo zwischen Billigfliegertouristen und Senioren in Outdoorjacken die Neonazis aufmarschieren, ist also ein konsequenter Zielpunkt.

Einer, der wie Andreas Maier am liebsten alleine ist, hat dort nichts verloren. Und deshalb sitzt der Erzähler glücklicherweise am Schreibtisch des Onkels in Friedberg und schreibt weiter an seiner "Ortsumgehung".

Jörg Magenau, rbbKultur

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