Elif Shafak: Hört einander zu!; Montage: rbbKultur
Kein & Aber
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Plädoyer für gegenseitiges Verständnis - Elif Shafak: "Hört einander zu!"

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Elif Shafak gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihre preisgekrönten Romane, darunter "Die vierzig Geheimnisse der Liebe" und "Der Bastard von Istanbul", schreibt sie auf Türkisch und Englisch. Mit "Unerhörte Stimmen" stand sie auf der Shortlist zum "Man Booker Prize". Jetzt hat Elif Shafak einen Essay verfasst, mit dem sie Pandemie und Populismus trotzen und uns den Weg aus der gegenwärtigen Krise weisen möchte: "Hört einander zu!"

Wir haben es verlernt, meint Elif Shafak, miteinander solidarisch zu reden, Meinungen kontrovers auszutauschen, gemeinsame Ideen zu entwickeln, verbindliche Ziele zu beschreiben: Wie wollen wir leben, welche Werte wollen wir verteidigen, wie soll die Gesellschaft aussehen, welche Zukunft haben unsere Kinder?

Sinnkrise

Die Pandemie hat die politischen Widersprüche und sozialen Verwerfungen verschärft, die durch Globalisierung und Digitalisierung beschleunigt werden, den Menschen die Identität raubt, sie anfällig macht für die Versprechungen populistischer Demagogen. Die Pandemie ist für Shafak auch weniger eine Gesundheits- als eine "Sinnkrise": Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht gehört werden, ihre Bedürfnisse auf taube Ohren stoßen, sie fühlen sich von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen, sie glauben nicht, politisch etwas bewirken zu können:

"Dem Empfinden dieser Menschen nach hat man sie nicht vergessen, sondern von Anfang an nicht gesehen."

Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak; © dpa/Katharina Lütscher

Wir haben die Fähigkeit eingebüßt, anderen zuzuhören

Obwohl das Internet die Möglichkeiten von Information und Austausch gesteigert hat, gibt die Hälfte der Bewohner*innen der demokratischen Länder an, ihre Stimme werde nie oder nur selten gehört. Shafak fragt:

"Wie viel höher muss der Prozentsatz erst in autoritären Regimen liegen, in denn es keine Transparenz gibt und jeder Form von Widerspruch im Keim erstickt wird?"

Doch das Gefühl, ausgestoßen zu sein, nicht gehört zu werden, niemandem seine Gedanken offenbaren, seine Geschichten erzählen und seine Hoffnungen mitteilen zu können, ist nur eine Seite der Medaille: die andere Seite ist, dass wir auch die Fähigkeit eingebüßt haben, anderen zuzuhören, dass wir uns nur noch in kommunikativen und sozialen Blasen aufhalten, in der realen und digitalen Welt nur noch Freunde und Bekannte treffen, die das gleiche denken wie wir, so wählen wie wir, die gleichen Bücher lesen und Webseiten besuchen und unsere Weltsicht bestätigen: "So setzt sich der Teufelskreis fort und verschlimmert alles mit jeder Umdrehung."

Eine hochgradig atomisierte Massengesellschaft

Das führt zu kommunikativer und sozialer Monotonie, erweitert nicht den Horizont, eröffnet keine neuen Spielräume für Veränderung, sondern öffnet Populisten und Nationalisten Tür und Tor. Nicht nur Individuen können narzisstisch sein, sich nur noch mit dem eigenen Siegelbild umgeben: auch ganze Gesellschaften können der Illusion anhängen, der Nabel der Welt zu sein, in Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit ihr Heil suchen, dem übersteigerten Irrglauben anhängen, etwas besonderes und wertvoller zu sein als andere.

Wer Theodor W. Adorno und Erich Fromm gelesen hat, weiß, wohin es führt, wenn persönliche Frustration mit gefährlichem Gruppennarzissmus kompensiert wird: in die faschistische Diktatur, die heute als digital-faschistische auftreten könnte. Shafak zeigt, wie sich Verunsicherung und Desillusionierung breit machen, die Kluft zwischen Stadt und Land, Arm und Reich immer größer wird, die Versprechungen einer besseren Zukunft und das Vertrauen in Politik und Wirtschaft bröckeln. Das Alte stirbt, aber das Neue ist noch nicht zur Welt zur Welt gekommen: Viele fühlen sind erschöpft, haben Angst, sind wütend, flüchten in Gruppennarzissmus und digitale Schutzräume, in denen die eigene Meinung bekräftigt und alle anderen Menschen als "Verräter" beschimpft werden.

Niemand redet miteinander, keiner hört dem anderen zu. Die Folgen: immer mehr Spaltung, Ausgrenzung, Rassismus, Diskrimierung, immer mehr Schmerz, Einsamkeit, Angst, Wut, immer mehr Verbitterung, Gefühllosigkeit, Teilnahmslosigkeit in einer, wie Hannah Arendt sagen würde, "hochgradig atomisierten Massengesellschaft."

Wir brauchen weniger Information, sondern mehr Wissen und Einsicht

Wir brauchen, sagt Shafak, eine "Mischung aus bewusstem Optimismus und kreativem Pessimismus", oder mit den Worten des italienischen Alt-Kommunisten Antonio Gramsci, "den Pessimismus des Verstands und den Optimismus des Willens."

Wir müssen den Spiegelsaal verlassen, in dem immer nur unser eigenes Bild reflektiert und nie ein Ausweg aufgezeigt wird; wir müssen dem Einfachen misstrauen und das Komplexe nicht fürchten, unterwegs sein und lernbegierig bleiben, mehr Zeit an den Rändern der Gesellschaft und nicht im Zentrum des Mainstreams verbringen. "Als Romanautorin", sagt sie, "glaube ich daran, dass Geschichten Dinge verändern können. Sie führen Menschen zusammen, erweitern den Horizont und erschließen behutsam unser wahres Potenzial an Empathie und Einsicht."

Angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit müssen wir die Wut nicht unterdrücken, sondern sie produktiv machen, uns mit anderen zusammenschießen und denen beistehen, die Leid erfahren haben; wir müssen unsere Vorurteile und Klischees überprüfen, engagiert sein, aber bei Verstand bleiben; und wir brauchen in der digitalen Kakophonie aus Hass und Lügen "definitiv weniger Information", aber "mehr Wissen und sehr viel mehr Einsicht."

Erzählt eure Geschichten, hört einander zu!

Der Essay ist eine kluge Kombination und literarische Melange aus Theorie und Praxis, Erlebnis und Erkenntnis. Wenn sie von Einsamkeit, Wut und Schmerz spricht, erzählt sie, wie sie vor vielen Jahren als junge Frau nach Istanbul zog, um sich dort als Schriftstellerin einen Namen zu machen, eine Wohnung am Taksim-Platz bezog und nachts vom Fenster aus eine "Transfrau" beobachtete, die als "Sexarbeiterin" ihr Geld verdiente, sich schlecht behandelt fühlte und laut pöbelnd und wütend durchs Viertel stolperte.

Shafak schämt sich noch heute dafür, dass sie reflexhaft vom Fenster zurückwich, als könnte die Traurigkeit und Einsamkeit der "Transfrau" auf sie abfärben und sie anstecken. Lange brauchte sie, um zu zu verstehen, dass die zornige, geschundene "Transfrau" eine wahre Kämpferin, sie selbst aber nur eine gut situierte und feige Beobachterin war.

Als die Pandemie ausbricht und das Coronavirus unzählige Menschen tötet, liest sie in einem Londoner Park Holzschilder. Auf einem steht: "Wie soll sich die Welt verändert haben, wenn all das vorbei ist?" Auf einem anderen: "Wenn all das vorbei ist, möchte ich in einer Welt leben, in der ich gehört werde."

Erzählt eure Geschichten, hört einander zu! Warum wir nur so aus dem ganzen Schlamassel herauskommen, davon erzählt Elif Shafak in ihrem - ziemlich idealistischen und blauäugigen, aber ungemein klugen und hoffnungsfrohen - Buch.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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