John Wray: "Madrigal" © Rowohlt
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Erzählungen - John Wray: "Madrigal"

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John Wray, 1971 in Washington D.C. geboren, hat einen amerikanischen Vater und eine österreichische Mutter. Das ist nicht ganz unwichtig bei diesem Autor. In den USA aufgewachsen, hatte er doch immer auch Beziehungen zum Herkunftsland seiner Mutter und zur deutschen Sprache, die er mit österreichischem Akzent spricht. Mit seinem Buch "Madrigal" legt Wray zum ersten Mal acht Erzählungen vor, die er auf Deutsch geschrieben hat.

Seine ersten fünf Bücher – Romane und Erzählungen – wurden aus dem Amerikanischen übersetzt, so auch der grandiose Roman "Gotteskind" (2019) über ein amerikanisches Mädchen, das sich, als Junge verkleidet, den Taliban in Afghanistan anschließt und dort in ein kompliziertes Liebesverhältnis mit einem Anführer gerät. Jetzt legt Wray mit seinem Buch "Madrigal" zum ersten Mal acht Erzählungen vor, die er auf Deutsch geschrieben hat.

Wahnwelten

Die Titelgeschichte trug er bereits 2017 beim Bachmannpreis-Wettlesen in Klagenfurt vor. Den Wechsel der Sprache bezeichnet Wray als Neuanfang, als alternative Option, indem er seinen Spielraum mit einer anderen Sprache erweitert.

Diese Erzählungen haben es in sich. Es sind konzentrierte Psychothriller, Innenansichten von Paranoia, Psychose und Perversion, aber so in sich verkapselt, so in sich verdreht, dass man als Leser zusammen mit den meist männlichen Protagonisten in diesen Wahnwelten verloren zu gehen droht.

Nur die Titelgeschichte "Madrigal" hat eine weibliche Hauptfigur, Maddy, die wohl gerne Schriftstellerin geworden wäre, unter dem Einfluss von Psychopharmaka jedoch nie über ein paar Sätze hinausgekommen ist. Ihr Bruder, mit dem sie telefoniert, ist dagegen ein einigermaßen bekannter Autor, der allerdings über nichts anderes als über erfolgreichere und beneidete Kollegen zu sprechen pflegt. Er macht sich Sorgen um Maddy, die ihre Medikamente abgesetzt hat, dadurch aber in der Lage ist, einen Roman zumindest zu skizzieren.

Dieser Roman spielt in einer zukünftigen Welt, die von der unseren nur durch Kleinigkeiten unterschieden ist, so vor allem dadurch, dass die Dinge sich in Richtung Ordnung statt Chaos bewegen und dass "Körper und Beziehungen und Pläne dazu tendieren, sich nicht in Scheiße zu verwandeln".

Offenbar gibt es in dieser Zukunft aber auch keine Vögel, denn die Protagonistin erlebt den Flug eines Rothalstauchers als wahres Wunder. Doch von da aus geraten die Gedanken der Erzählerin in einen immer schnelleren Strudel, bis das Geschehen wieder in das Anfangstelefonat mit dem Bruder mündet, mit genau denselben Worten, jetzt aber aus seiner Perspektive betrachtet. Der Text ist wie ein Möbiusband gebaut, so dass die Innenseite der Wahrnehmung am Ende als Außenseite wiederkehrt.

Eindrucksvoll und beängstigend

Diese Verkehrung der Perspektive ist symptomatisch für die beschriebenen Zustände. Eine andere Geschichte, die wie auch ihr Titel "Sieh das Licht" ausschließlich im Imperativ erzählt wird, beginnt mit der Wahrnehmung eines Säuglings in seinem Bettchen, der zwischen sich und der Welt noch nicht unterscheiden kann. Von da aus entwickelt sich eine Biografie voller Demütigungen, die schließlich damit endet, dass das mit Befehlen angesprochene Du eine Waffe kauft und zu einem Amoklauf in der Schule aufbricht. Der Amokläufer erlebt in diesem stimmigen literarischen Experiment seine Gedanken als Befehle und seine Tat als einen Versuch der Selbstauslöschung.

In weiteren eindrucksvollen Erzählungen geht es um einen Vater, der sich in seiner Altersdemenz oder auch nur Verschrobenheit einen merkwürdigen Turm im Garten baut, was seinen Sohn in eine schwere Krise treibt. Oder um einen Mann, der in eine Polizeikontrolle gerät und sich dabei aus einer tief empfundenen Schuld heraus als Kinderschänder imaginiert. "Im Bereich des Möglichen" heißt dieser beängstigende Text.

Erzählungen als "Menagerie toxischer Männlichkeit"

Wray selbst hat seine Erzählungen in einem Interview als "Menagerie toxischer Männlichkeit" bezeichnet. Auffallend, dass in diesen psychotischen Selbstverschlingungen immer wieder Schriftsteller vorkommen, so etwa der Autor in Neuengland, der sein Schreiben gegen das Familienleben zu verteidigen sucht, indem er am Beispiel eines kleinen Elefanten und eines Jägers im indonesischen Dschungel über Schicksal, Leben und Tod nachdenkt, und zugleich über die Allmacht und die Machtlosigkeit des Schriftstellers.

Dass der Schreibende selbst zu den labilen Figuren gehört, über die er schreibt, ist Teil der Diagnosen von John Wray. Diese bohrenden, abgründigen Texte gehen unter die Haut, weil die Schreibenden, die darin auftreten, nicht in der Lage sind, aus souveräner Distanz zu erzählen. Sie sind selber Teil des Geschehens, mittendrin.

Jörg Magenau, rbbKultur

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