Peter Handke: Mein Tag im anderen Land © Suhrkamp
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Eine Dämonengeschichte - Peter Handke: "Mein Tag im anderen Land"

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Sein erster Roman, "Die Hornissen", erschien 1966. Im selben Jahr wurde auch sein inzwischen legendäres Theaterstück, „Die Publikumsbeschimpfung“, uraufgeführt. Jetzt hat Handke eine Erzählung mit dem Titel "Mein Tag im anderen Land" veröffentlicht.

Sein erster Roman, "Die Hornissen", erschien 1966. Im selben Jahr wurde auch sein inzwischen legendäres Theaterstück, "Die Publikumsbeschimpfung", uraufgeführt. Seitdem hat er unzählige Stücke, Romane, Gedichte und Erzählungen veröffentlicht. Sein Buch über die "Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" brachte ihm den Vorwurf ein, er würde die Verbrechen im jugoslawischen Bürgerkrieg verharmlosen und einseitig Partei für Serbien ergreifen. Die Rede ist, natürlich, von Peter Handke, der es nicht versäumt, in jedes politisch-kulturelle Fettnäpfchen zu treten und einen Aufschrei der Empörung hervorrief, als ihm 2019 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde. Jetzt hat Handke eine Erzählung mit dem Titel "Mein Tag im anderen Land" veröffentlicht.

Erzähler ist, wie fast immer, der Autor selbst, natürlich verfremdet, aber doch an der filigranen Sprache und an den krausen Gedanken und kruden Gefühlen als Handke erkennbar. Handke, der seit Jahrzehnten in Chaville bei Paris in einem verwunschen Haus und einem verwilderten Garten lebt, sich an seinen Apfelbäumen erfreut und in einem seiner letzten Romane von seinem Anwesen aus einer "Obstdiebin" hinterher gereist ist, verkleidet sich diesmal als "Obstgärtner", der eine Episode aus einem Leben erzählt. Er nennt es eine „Dämonengeschichte“, man könnte es auch als eine Erzählung über "Erweckung", "Erleuchtung" und "Erlösung" bezeichnen. Lange Zeit hat sich der "Obstgärtner" um seine alten Apfelsorten gekümmert, "Jonathan", "Boskoop", "Ontario", "Gravensteiner". Doch dann wird er plötzlich von "Dämonen" heimgesucht, verfällt in einen lallenden Singsang, pöbelt alle und jeden grundlos an, brabbelt unverständliches Zeug und spricht in Zungen. Von Wahn und Raserei gepackt stapft er umher, macht sich überall Feinde und wird von allen gehasst. Abends kehrt er, müde und zerschlagen, zurück auf den Friedhof, auf dem er sein Zelt aufgeschlagen hat und die Nächte mit Alpträumen verbringt. "Zuletzt", erzählt der wie durch ein Wunder plötzlich Geläuterte, "bestand ich, vom Morgen bis in die Nacht, nur noch aus Geschrei. Es war das freilich ein Schreien, das nicht aus mir herauskonnte (…), statt Aufschreie "Inschreie", und zwar in einem fort, ohne ein Absetzen. Und niemand, der mich hörte, oder mir zuhörte."

Eines Tages steht er auf seinen dämonischen Wanderungen am Ufer eines Sees und sieht, wie ein paar Männer ein Fischerboot aus dem Wasser ziehen und einen Halbkreis bilden: in der Mitte ein Mann, der sanft auf den „Dämon“ blickt. Der Erzähler nennt ihn den "Guten Zuschauer": Sein "Zuschauen" ist zugleich ein „Hinschauen“ und ein "Hinhören": "Da bist du ja wieder, mein Freund!" begrüßt der "Gute Zuschauer" den schlagartig von Wahn und Raserei befreiten Erzähler, der sich gern einreihen in den "Chor der Seefischer" und dem "Guten Zuschauer" als Bruder folgen würde. Aber: "Nein", antwortet ihm der biblische Zirkel apostolischer Menschenfischer: "Du gehörst nicht zu uns, Freund. Du hast hier nichts zu suchen. Weg mit dir. Und auf der Stelle, dalli-dalli. Hinüber ins Land hinterm See mit dir, Nachbar. Und dort drüben wirst du erzählen und den Leuten (…) weitergeben, was dir geschehen ist, verstanden?"

Der Erzähler hat es vielleicht "verstanden", der Leser aber wohl nur schwer. Man könnte die wundersame, mit Bibel-Motiven und Heilands-Erlebnissen gezwirbelte Erzählung, die mit altväterlichem Gemurmel gewürzt ist, vielleicht als eine verkappte Selbstbiografie lesen, als ein ironisches literarisches Spiel. Wer beim pöbelnden Dämon an den frechen Jungspund denkt, der seinen arrivierten Schriftsteller-Kollegen der "Gruppe 47" "Beschreibungs-Impotenz" attestierte und mit seiner „Publikumsbeschimpfung“ das Theater aufmischte, liegt nicht verkehrt. Wer auf die beiläufig eingestreuten Signalworte achtet, wird Hinweise auf Handkes "Versuch über die Jukebox" finden, auf "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", "Die Geschichte des Bleistifts", den "Versuch über die Müdigkeit", "Die Hornissen", "Die Obstdiebin", "Die Unvernünftigen sterben aus", "Der kurze Brief zum langen Abschied", "Mein Jahr in der Niemandsbucht".

Man könnte das Buch als Geschichte einer Selbstbefreiung lesen, als einen Bericht über die Sünden der Jugend und die Erkenntnisse des Alters, als den Wunsch, Ballast abzuwerfen, ein anderer zu werden und - in einem anderen Land, und sei es nur für einen einzigen Tag - noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen. Lange scheint es so, als würde der von seinen Dämonen befreite "Obstgärtner", der „im anderen Land“ die Liebe findet, ein Kind zeugt und von den Menschen fröhlich gegrüßt wird, zur Ruhe kommen, seine Versäumnisse beichten und seine Verfehlungen bereuen. "Einzig zählte: Ich bin woanders", "Nur jetzt nicht heim. Nie mehr nachhause!", wünscht sich der Erzähler im Namen von Handke, der einst seiner alpenländischen Heimat entfloh, in einem Vorort von Paris sein verzaubertes Paradies fand und, wenn er nicht gerade eine Welt aus Worten erfindet, im seinem Garten Äpfel sammelt und schält. Im Traum kehrt er noch einmal zurück nach Hause und ist zutiefst erschüttert: Im Spiegel erblickt er einen müden Mann, der (Zitat) "so gar nichts von glühenden Augen, gesträubten Haaren, geblähten Nüstern" mehr hat. Doch sogleich macht sich der Erzähler Mut und uns Bange: Denn das „unausrottbar Widerständische“ lebt noch, "ohne es WIRD nichts", ist "nichts als Dasein, und Dortsein, und ewig seelenloses Sein." Lasst uns "Luftschlösser" bauen und "Salz" streuen ins Buch des Lebens, ruft er aus, verwandelt sich in einen vorlauten Kaperle und fragt schelmisch: "Seid ihr alle da?" Ja, natürlich sind wir alle da!, möchte man antworten und Handke fragen: Aber wo und wer bist eigentlich Du? Wir wissen es nicht und werden es wohl nie erfahren.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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