Richard David Precht: "Von der Pflicht" © Random House
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Eine Betrachtung - Richard David Precht: "Von der Pflicht"

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Hat ein Autor die Pflicht, in einer Publikation, die den Namen "Von der Pflicht" trägt, beim Thema zu bleiben? Muss er, wenn das Titelbild des Buches einen Mund-Nasen-Schutz zeigt, vor allem über Pflichten in Zeiten von Corona schreiben? Nein, natürlich nicht! Hätte es dafür eines weiteren Beweises bedurft, Richard David Precht liefert ihn.

Der Buchmarkt ist fundamental liberal, die Aussicht auf einen Verkaufserfolg kann und darf über inhaltlichen Erwägungen stehen; Titel und Titelbilder dürfen Mogel-Packungen sein. Hätte es dafür eines weiteren Beweises bedurft, Richard David Precht liefert ihn. In seiner "Betrachtung" wechselt er alle paar Seiten das Thema, ergeht sich Abschweifungen, hakt große Zusammenhänge in Checker-Manier ab – und produziert so eine Textsorte, man könnte auch sagen: einen Mischmasch, der für einen vorderen Platz in der "Spiegel"-Bestsellerliste taugt. Chapeau!

Verteidigung des Staates und seiner Corona-Politik

Zunächst liest sich das Buch wie eine biedere Verteidigung des Staates und seiner Corona-Politik gegen Corona-Leugner, Querdenker, Alu-Hüte, Verschwörungstheoretiker et al. Weil selbige teils niederschmetternd falsche, anmaßende und geschichtsvergessene Schein-Argumente vorbringen ("Corona-Dikatur"), wird Precht mit ihnen leicht fertig. Dass es jedoch auch zahlreiche rationale, wissenschaftlich fundierte Gründe gibt, so manche staatliche Maßnahme massiv zu kritisieren, räumt er kurz ein, weicht jedoch einer gründlichen Diskussion aus.

In den Glutkern des Problems, dass nämlich die Maßnahmen zugunsten des Lebens zugleich viele Lebenschancen kaputt machen, dringt er kaum vor. Stattdessen erklärt Precht im historischen Parforce-Ritt, wie der gegenwärtige liberal-demokratische Sozialstaat entstanden ist, wie dabei aus Hygiene-Maßnahmen "Biopolitik" (Foucault) wurde und warum es die moralische Pflicht jedes Bürgers ist, in der Pandemie den angeordneten Maßnahmen Folge zu leisten.

Precht hält selbige insgesamt für angemessen und leicht erträglich.

Eine Rüge in Sachen Klima- und Umweltpolitik

Bis dahin eignet sich das Buch ohne Weiteres als dankbare Rechtfertigungshilfe für Merkel und Wieler, Söder und Laschet, Baerbock und Lauterbach. Dass der Kurzschluss zwischen Politik und Epidemiologen/Virologen unter ständiger Herabsetzung vieler in der Pandemie ebenfalls relevanter Gesichtspunkte samt der entsprechenden Experten-Kreise hochgradig problematisch ist, übergeht Precht.

Er übersieht andererseits nicht, dass der Staat gegen die Pandemie so entschlossen agiert, wie er es in der Klima- und Umweltpolitik bislang nicht annähernd getan hat – und erteilt ihm deshalb eine Rüge. Allerdings erwartet Precht, dass es im Zeichen der Klima-Krise früher oder später zu Einschränkungen und Beschneidungen kommen dürfte, die das aktuelle Pandemie-Maß bei weitem übersteigen.

Gefällig abschweifend, wirft Precht einen kritischen Blick auf das digitale Medizin-Business und überhaupt den Big Data-Komplex. Auch sein Rückgriff auf antike Pflichtenlehren à la Cicero ist kaum nötig, um zu erläutern, dass in modernen liberalen Gesellschaften, die radikal individuelle Lebensentwürfe ermöglichen, ein anderer, subtilerer Pflichtbegriff gilt. Man könnte diesen als Aufforderung zur freiwilligen Selbstverpflichtung zugunsten allgemeiner Interesse ausformulieren.

Schließlich wird Precht selbst vom Kulturpessimismus ergriffen

Schließlich beschleunigt Precht noch einmal, es wird thematisch richtig wild. Erneut bekommen die Querdenker und der "radikale Liberalismus" ihr Fett weg. Precht verspottet die Political Correctness und sprachpolizeiliche Ambitionen als "Versuch, mit der Luftpumpe die Windrichtung zu ändern". Es folgt eine kurze Andacht zu dem berühmten Böckenförde-Zitat: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann."

Das Buch über die Pflicht wird plötzlich zu einem Traktat über die böse Fratze des Kapitalismus. Lebten wir anfangs noch in einer modo grosso prächtigen Demokratie, sind wir jetzt die übel Unterjochten des schnöden Geldes und der allgegenwärtigen Jagd nach ihm. Der Kulturpessimismus, gegen den sich Precht anfangs ausgesprochen hatte, ergreift ihn nun selbst.

Energische Selbstverteidigung

Aber! Precht hat ja schon vor einem Jahrzehnt vorgeschlagen, zur Stärkung des Gemeinsinns zwei Pflichtjahre für alle Bürger einzuführen – eines nach der Schule, eines vor dem endgültigen Eintritt ins Rentner-Dasein. Von dieser – durchaus spannenden – Idee ist Precht nach wie vor so überzeugt, dass er die letzten Seiten des Buches mit energischer Selbstverteidigung zubringt und sämtliche zwischenzeitlich aufgelaufenen Gegenargumente zu widerlegen versucht.

Essay über "Pandemie und Pflicht" auf Buch-Format gepimpt

Summa summarum: Vieles in diesem Buch ist irgendwie richtig, aber kaum etwas wird gründlich vertieft. Der vermeintlich rote Faden "Pflicht" reisst allzu häufig ab. Man wird den Verdacht kaum je los, dass hier ein kurzer Essay über "Pandemie und Pflicht" mittels Seitensprüngen (im Zettelkasten) auf Buch-Format gepimpt wurde.

Immerhin: In rhetorischen Kinkerlitzchen – wie zum Beispiel: "angemessenen Anstand und abgemessenen Abstand zu wahren..." – ergeht sich Precht nur anfangs. Von Friedrich Nietzsche, der für die längsten Sachverhalte oft die kürzestes Sätze fand, stammt die Einsicht: "Unsere Pflicht – das sind die Rechte anderer auf uns."

Ein Recht des Bestseller-Autors Precht auf unsere Lektüre seines neues Buches gibt es allerdings nicht. Fühlen Sie sich also nicht verpflichtet!

Arno Orzessek, rbbKultur

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