Sylvie Schenk: Roman d'amour; Montage: rbbKultur
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Roman - Sylvie Schenk: "Roman d'amour"

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Jede Schriftstellerin kennt die Szene: Am Nachmittag vor der abendlichen Lesung in irgendeiner Provinzbibliothek hat eine Journalistin um ein Interview für einen lokalen Radiosender gebeten. Den Verkaufszahlen zuliebe lässt sich das kaum vermeiden. Also trifft man sich im Hotelfoyer, trinkt einen Kaffee, und dann folgt unweigerlich die Frage nach dem autobiografischen Gehalt des Romans.

Obwohl beide, Interviewerin und Interviewte, wissen, dass die möglichen Antworten darauf nie ganz ehrlich sind, ist die Frage unvermeidlich, denn sie zielt auf ein mögliches biografisches Geheimnis, das jeder Medienvertreter berufsbedingt enthüllen möchte – oder zumindest auf den realen Anlass dessen, was im Roman zur literarischen Fiktion geworden ist.

Ein erbittertes Duell zweier Frauen

Um exakt so eine Begegnung geht es in Sylvie Schenks raffiniert gebautem "Roman d’amour". Doch Schenk macht daraus ein Drama, ja ein erbittertes Duell zweier Frauen und spiegelt die Frage nach dem Autobiografischen auf hochintelligente Weise gleich auf mehreren Ebenen.

Die Schriftstellerin Charlotte Moire, Ich-Erzählerin der Geschichte, ist ungefähr so alt wie die Autorin Sylvie Schenk, Jahrgang 1944, und schreibt wie sie auf Deutsch, obwohl sie französischer Herkunft ist. Sie ist auf eine Nordseeinsel gereist, wo ihr der "Kaskade"-Literaturpreis verliehen werden soll, der für besonders waghalsige literarische Manöver vergeben wird. Ein zweitklassiger Preis, aber immerhin.

Sprung aus dem Biografischen ins Literarische

Eine "Kaskade" ist ein halsbrecherischer Sprung auf dem Drahtseil oder ein vorgetäuschter Absturz. Charlotte weiß nicht so recht, wieso ihr "Roman d’amour" diese Auszeichnung verdient. Doch der Sprung ist eben der aus dem Autobiografischen ins Literarische oder aus der Erinnerung in die Fiktion und wieder zurück.

Sie hat über ihre rund 25 Jahre zurückliegende, tragisch endende Liebesgeschichte mit einem verheirateten Mann geschrieben, indem sie ihre Erinnerungen ihrer Romanfigur Klara mitgegeben hat. Klara ist ihr so nahe, dass sie sie schreibend in der Du-Form anspricht, die manchmal sogar in ein "Wir" umschlägt, so sehr sind Autorin und Figur miteinander "verschweißt", wie Charlotte das nennt. Du – das ist sie selbst als eine andere. Du ist aber auch der verlorene Geliebte als ein Seelenverwandter, in dem das französische doux, sanft, mitschwingt.

Zwei parallele Geschichten

Auch die Differenz zwischen dem damaligen Geliebten Ludo und der Romanfigur Lew, zwischen dessen Ehefrau Marie und der Romanfigur Marlies ist nicht allzu groß. Nähe entsteht nicht allein durch äußere Daten, Ereignisse und Orte, sondern mehr noch durch die Empfindungen und die Erfahrungen: eine große Liebe, eine gemeinsame Reise nach Irland und eine radikale Trennung, weil der Geliebte im Roman sich schließlich für die Ehefrau entscheidet, während der reale, Ludo, nicht darüber hinwegkommt, dass seine Frau spurlos verschwindet.

Sylvie Schenk führt auf diese Weise zwei Geschichten parallel: die ihrer Figur Charlotte und die von Charlottes Figur Klara, deren Geschichte als Roman im Roman den "Roman d’amour" ergibt. So bewährt sich Literatur als Durchspielen alternativer Möglichkeiten, als Erzählen im Konjunktiv, das aber immer an das Geschehene gebunden bleibt. Das Mögliche ist ja nicht irreal, sondern eine andere Wirklichkeit.

Dafür, aber mehr noch für die Geheimnisse der Liebe, interessiert sich die Journalistin mit dem schönen Namen Frau Sittich, die das Gespräch gleich mit einer Verwechslung beginnt, indem sie die Autorin mit dem Namen ihrer Romanfigur als Klara anspricht. Frau Sittich steckt selbst in einer Umbruchsituation, telefoniert zwischendurch mit ihrem neuen Lebensgefährten, dem Bibliothekar der Insel. Charlottes Buch bietet ihr den willkommenen Anlass für ein radikales Gespräch über die Liebe, die damit nicht nur Gegenstand des "Roman d’amour", sondern zugleich auch der Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen ist.

Liebes- und Lebensfragen

Frau Sittich ist alles andere als eine normale Journalistin, auch wenn sie anfangs auf professionelle Weise nervt. Wenn Charlotte sie "meine Kritikerin" nennt, meint sie weniger die Kritikerin oder vielmehr Ausdeuterin des Romans, als die Kritikerin in Liebes- und Lebensfragen, um die es zwischen den beiden auf dem Umweg über die Literatur geht.

Hätte Klara – also Charlotte – sich nicht viel mehr Gedanken um Lews – also Ludos – Ehefrau machen müssen? Welche Rechte haben Liebende? Was rechtfertigt sie – und was lieben sie überhaupt aneinander?

Frau Sittich sucht nach dem "wahren Wesen" des geliebten Menschen, von dem Charlotte weiß, dass es das nicht gibt, in der Liebe vielleicht sogar am allerwenigsten, weil zu lieben bedeutet, sich und den anderen zu verändern und aufzubrechen. Der Wandel macht die Liebe aus und nicht ein feststehendes "Wesen" oder gar ein "fester Kern".

Wechselspiel zwischen fiktiver und realer Welt

All diese Fragen werden im Lauf des Gesprächs leichthändig, gewitzt und doch mit tiefem Ernst verhandelt, während Charlotte sich ihrer Geschichte mit Ludo versichert und Frau Sittich mehr und mehr aus dem "Roman d’amour" zitiert oder Charlotte daraus vorlesen lässt. Auch die Frage nach dem autobiografischen Gehalt wird nebenbei beantwortet, so wie Autoren das gerne tun: Sie sind nicht nur in einer, sondern in allen Figuren enthalten, ob männlich oder weiblich.

Sylvie Schenk weiß natürlich, dass diese Sätze ihrer Romanfigur auch für sie selbst und ihren "Roman d’amour" gelten, dass das Wechselspiel zwischen fiktiver und realer Welt, das hier erzählt wird, auf sie selbst als Autorin zurückverweist. So hat sie ihre französische Herkunft – und die der Autorin Charlotte – im Roman der Ehefrau von Lew überlassen, die ihrerseits vermutet, er liebe sie deshalb nicht mehr, weil sie zu sehr Deutsche geworden sei und zu wenig der Französin entspreche, die er einst begehrte.

Über die Liebe schreiben, bevor es zu spät ist

Grundsätzlich aber sind die Frauen bei Sylvie Schenk das starke Geschlecht. Sie sind diejenigen, die die Entscheidungen treffen, die den Männern den Laufpass geben oder sie an sich zu binden verstehen, indem sie sich entziehen. Sie sind aber auch diejenigen, die stärker leiden an den jeweiligen Dreieckskonstellationen. Liebe ist in diesem Gefüge niemals nur die Sache eines isolierten Paares, es geht immer um komplexere Beziehungen, wo jede neue Bindung sich zu anderen, bestehenden ins Verhältnis setzen muss.

Es ist brillant, wie Sylvie Schenk die verschiedenen Ebenen miteinander verknüpft. Auch einige Überraschungsmomente hat sie zu bieten und eine subtile Spannung, die, da das Ende der Liebesgeschichten von vorn herein klar ist, vor allem aus der unklaren Gesprächssituation zwischen Journalistin und Autorin entsteht.

"Roman d’amour" ist ein weises, sehr kluges, unaufdringliches Buch, das vermutlich nur von einer älteren Frau geschrieben werden konnte, die von sich selbst sagt, sie wollte noch einmal über die Liebe schreiben, bevor es dafür zu spät ist. Diese Frau ist Charlotte, ist Sylvie Schenk. Die tapfere Journalistin aber widerspricht ihr auch da, wenn sie sagt: dafür ist es niemals zu spät.

Jörg Magenau, rbbKultur

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