Christoph Hein: Guldenberg © Suhrkamp
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Roman - Christoph Hein: "Guldenberg"

Bewertung:

Seinen neuen Roman lässt Christoph Hein in Guldenberg spielen, einer nach der Wende ordentlich renovierten Kleinstadt. In Guldenberg geht alles seinen Gang - bis Flüchtling aus Syrien und Afghanistan im leerstehenden Seglerheim untergebracht werden. Alltagsrassismus ist also ein roter Faden der Geschichte. Ein anderer ist das Hauen und Stechen um ein altes, frisch renoviertes, mit großen Ambitionen eröffnetes Kulturhaus.

Eine Anekdote vorab. Zwei Freunde, denen der Rezensent unabhängig voneinander ein paar Worte über "Guldenberg" erzählt hat, äußerten den gleichen Eindruck: "Das klingt so ähnlich wie Julie Zehs 'Unter Leuten'."

Der Rezensent sah sich zur Klarstellung genötigt. Denn durch "Unter Leuten" weht der Zeitgeist, der in "Guldenberg" in einer Flaute steckt. "Unter Leuten" entfaltet im dörflichen Setting ein Gesellschafts-Panorama, "Guldenberg" bleibt Guldenberg treu. Und so weiter ...

Stammtischpolitik

Aber nun. Guldenberg ist eine nach der Wende ordentlich renovierte Kleinstadt, deren Verwandte im echten Leben am ehesten Bad Düben ist, wo Christoph Hein einst aufwuchs. In Guldenberg geht alles seinen Gang, eigentlich immer schon. Nicht ohne Verwerfungen, aber insgesamt betulich-gemütlich. Bis am Anfang des Romans Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan im leerstehenden Seglerheim untergebracht werden. Das regt viele auf. Am meisten einen Stammtisch, an dem in politisch unkorrekter Sprache über Zigeuner und Sozialschnorrer gerichtet wird.

Und so ist schnell absehbar, auf wen sich der Verdacht richtet, als eine junge Frau ihre Vergewaltigung anzeigt.

Viel Personal, viel Alltag

Alltagsrassismus ist also ein roter Faden der Geschichte. Ein anderer ist das Hauen und Stechen um ein altes, frisch renoviertes, mit großen Ambitionen eröffnetes Kulturhaus. Wir lernen erfolgreiche, gescheiterte und scheiternde Unternehmer kennen, die Korrumpierbarkeit städtischer Angestellter, die Sorgen der ausgedünnten Polizei und auch einiges über die DDR-Vergangenheit einiger Guldenberger.

Christoph Hein spart nicht an Personal, um viel Alltag ins Buch zu holen. Da sind die untereinander verfeindeten Syrer und Afghanen, der gestresste Bürgermeister, der überforderte, aber doch ganz liebe Pfarrer, die junge Schwangere und die wunderliche Oma, die den Wind und die Toten sprechen hört und auch sonst sehr patent ist. Was genauso für Marikke Brummig gilt, die Flüchtlings-Betreuerin, die im Seglerheim für erdige Menschlichkeit und manche Feel-good-Szene sorgt.

Preis der Biederkeit

Auf Hochspannung und Dramatik zielt der Dramatiker Hein nicht ab. Obwohl sich einige Motive anbieten, spitzt er die Verwicklungen nie maximal zu. Das Ganze hat etwas Getragenes, selbst da, wo es um Rassismus geht, den XL-Aufreger dieser Tage.

Man würde dem Verzicht auf grelle Kniffe allerdings mehr abgewinnen, wenn er nicht um den Preis der Biederkeit erkauft wäre. Und wo man auch sucht, ob in den Zeilen oder dazwischen: Es findet sich nirgends eine überzeugender Beweis dafür, dass die Biederkeit hier ein reflektiertes Stilmittel ist.

Der bekannte Vorbehalt, dass funkelnde Prosa Heins Fach nicht ist, bestätigt sich in "Guldenberg". Die Komposition ist hölzern-solide, die Syntax entwickelt keinen Rhythmus, die Wortwahl kreist um eine, nun ja, biedere Mittellage. Und in "Guldenberg" wird, weiß Gott, viel geredet. Man sieht das Theaterstück durchschimmern, das sich aus dem Roman mit wenigen Handgriffen herstellen ließe (immerhin eine Abwechslung zu den unzähligen Romanen, die den Film bereits in sich tragen wie Hochschwangere das Ungeborene).

Ein handwerklicher Fehler muss erwähnt werden: Vorzüglich beim Stammtisch-Geblubber bläst Hein die wörtliche Rede mit Informationen auf, die dort bei Bier und Korn so nie ausgetauscht würden. Weil alle ohnehin alles wissen – oder zumindest das meiste. Die Informationen über diverse Vorkommnisse in Guldenberg richten sich in Wahrheit an das Lese-Publikum – und haben in der wörtlichen Rede nichts verloren.

Weder originell noch tiefschürfend

Ist das Buch langweilig? Nein! Spannend ist es aber auch nicht. Greift es wichtige Themen auf? Ja! Aber ihre Behandlung ist weder originell noch tiefschürfend. Sieht es in ostdeutschen Kleinstädten so aus wie in Guldenberg? Wahrscheinlich in so mancher. Neue Aspekte allerdings fehlen. Immerhin, der Rezensent hat ein paar Mal gelacht. Aus Vergnügen, nicht aus Häme! Hat er etwas gegen das Buch? Nein! Aber er hätte weit mehr Raffinesse gut vertragen.

Arno Orzessek, rbbKultur

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