Donna Leon: Flüchtiges Begehren © Diogenes
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Commissario Brunettis 30. Fall - Donna Leon: "Flüchtiges Begehren"

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Mit der Erfindung ihres Commissario Brunetti, der sich schlafwandlerisch durch das labyrinthische Venedig bewegt, seine Familie abgöttisch liebt und sich bei der Lektüre der alten Klassiker entspannt, landete Donna Leon einen literarischen Coup. Mit "Venezianisches Finale" startete sie die Serie der Brunetti-Romane, die in unzählige Sprachen übersetzt werden und ihr Konto mit Geld füllt. Jetzt erscheint "Flüchtiges Begehren", der 30. Fall für den sympathischen Kommissar.

Sie war Reiseleiterin in Rom, Werbetexterin in London und Lehrerin in der Schweiz, im Iran, in China und in Saudi-Arabien. Dann zog die US-Amerikanerin Donna Leon nach Venedig und beschloss, Schriftstellerin zu werden. Der Erfolg ist vorprogrammiert, und eigentlich müssen wir uns Donna Leon als glücklichen Menschen vorstellen. Sie verdient genug, um ihren Leidenschaften zu frönen, barocke Musik-Ensembles zu alimentieren und den geliebten Klängen von Georg Friedrich Händel zu lauschen, wo immer sie zur Aufführung kommen.

Die Mühen der Routine nagen an der Autorin und an Brunetti

Die Romane schreiben sich von selbst, basieren auf einer speziellen Melange aus venezianischem Flair, sanfter Ironie und einem Setting mit dem immer gleichen Personal: die kluge Gattin Paola, die engagierte Tochter Chiara, der rebellische Sohn Raffi, der beharrliche Mitarbeiter Vianello, die Internet-affine Vertraute Elettra, der eitle und arrogante Vorgesetzte Patta. Das waren bisher die Garanten des Erfolgs. Aber die Plagen des Alters, die Mühen der Routine und die Wut über die Auflösung ihres venezianischen Traums nagen an der Autorin und an Brunetti.

Abschied liegt in der Luft

Der Zerstörung durch Massentourismus und Immobilienspekulationen, korrupte Politiker und ökologischer Raubbau: all das treibt Donna Leon und ihr literarisches Sprachrohr Brunetti seit Jahren in den Wahnsinn. Doch während Brunetti nur mit dem Gedanken spielt, in den Ruhestand zu gehen und Venedig zu verlassen, hat es Donna Leon bereits getan, ihren Wohnsitz nach Graubünden verlegt und die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen: Nach Venedig kommt sie nur noch selten.

Warum sollte sie auch? Sie kennt ja ohnehin jede Gasse und jedes Geheimnis der Serenissima, weiß, wie eng Macht und Mafia verknüpft sind und warum Verbrechen aus Neid und Gier, Liebe und Hass begangen werden.

Aber der Autorin geht jetzt die Puste aus, sie ist Venedig und ihres Kommissars überdrüssig: "Flüchtiges Begehren" ist zutiefst angekränkelt von Trübsal und Trauer: Abschied liegt in der Luft, das Ende scheint nahe.

Mörderischer Abgrund

Brunetti schleppt sich nur noch träge ins Büro, blättert lustlos in den Zeitungen. Der Herbst hält Einzug, Nebel liegt über Venedig, Acqua Alta, das jährliche Hochwasser überflutet die Stadt. Er verdöst die Tage und wartet auf den Dienstschluss. Dass sich unter seinen Augen etwas menschlich Fehlbares und moralisch Widerwärtiges ereignet, das sich zu einem verbrecherischen Sumpf und mörderischen Abgrund ausweiten wird, merkt Brunetti erst, als ihn seine neue Mitarbeiterin, Claudia Griffoni, darauf hinweist. Sie ist von Neapel nach Venedig versetzt worden und sorgt für Frauen-Power.

Die kriminalistischen Verwicklungen beginnen ganz harmlos: Zwei venezianische Burschen flirten auf dem Campo Santa Margherita mit zwei jungen amerikanische Touristinnen, unternehmen mit dem Boot eine Spritztour durch die Lagune. In der Dunkelheit rammen sie einen Pfahl, stürzen wild durcheinander und verletzten sich dabei schwer. Die verängstigten Männer legen die bewusstlosen Frauen auf einem Steg des Hospitals ab und suchen das Weite. Entdeckt werden die Frauen nur, weil ein Mitarbeiter des Krankenhauses auf dem Steg eine Zigarettenpause macht.

Die beiden Flüchtigen sind schnell ermittelt. Doch ein Rätsel bleibt, was hinter dem Unfall und dem befremdlichen Verhalten der Männer steckt? Was verschweigen die beiden? Wovor haben sie Angst?

Viele triste Buchseiten bis zur Lüftung des Geheimnisses

Brunetti, tief in seine Melancholie verstrickt, wird von Claudia Griffoni zum Jagen getragen und gedrängt, das Leben der beiden jungen Männer zu durchleuchten, die mehr als nur kumpelhafte Freundschaft füreinander empfinden. Der eine, Berto Duso, ist angehender Jurist, der andere, Marcello Vio, arbeitet als Handlanger seines Onkels, Pietro Borgato, der ein paar Boote besitzt, mit ihnen Waren durch die Lagune schippert und schon öfter die Aufmerksamkeit der Hafenpolizei erregt hat. Doch bisher konnte man dem gewalttätigen Borgato nicht nachweisen, dass er Kontakte zur Mafia unterhält und sich als Schmuggler betätigt.

Bis Brunetti das Geheimnis von Berto und Marcello lüften kann und herausfindet, warum sich die beiden vor Borgato fürchten, in welche schändlichen Verbrechen die Beteiligten verwickelt sind, vergehen Tage und Wochen und viele triste Buchseiten.

Kurzes und tödliches Finale

Um die Lebensgeister ihres trübsinnigen Commissario zu wecken und den Leser:innen ein Happy End zu schenken, fehlen der Autorin Kraft und Lust. Sie ist spürbar angeekelt von der menschlichen Niedertracht, die ihr Paradies in eine Hölle verwandelt hat. Und Brunetti verzettelt sich in endlose Gespräche mit den beiden verschreckten jungen Männern, führt umständliche Ermittlungen und langwierige Besprechungen mit der Küstenwache und den Carabinieri auf den vorgelagerten Inseln.

Er weiß nicht, wem er noch trauen kann, wer frei ist von Mafia-Kontakten und verbrecherischen Verstrickungen: Es ist ein Buch des Grübelns und Zweifelns. Lange bewegt sich fast gar nichts. Auf einen langen, rasenden Stillstand folgt dann aber plötzlich ein kurzes und tödliches Finale. Wer darin verwickelt ist und sein Leben lassen muss, worum es eigentlich bei den nächtlichen Schiffsausflügen wirklich geht, soll nicht verraten werden.

Zurück bleibt Brunetti

Zurück bleibt, wenn alles vorbei ist, Brunetti, der den Stein wieder den Berg hinauf rollen muss, ein trauriger Sisyphos, der kurz davor ist, seinen aussichtslosen Kampf gegen das Böse aufzugeben und für immer seinen Abschied zu nehmen. Es wäre ihm gegönnt.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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