Lorenza Foschini: Und der Wind weht durch unsere Seelen © Nagel & Kimche
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Eine Geschichte von Liebe und Freundschaft - Lorenza Foschini: "Und der Wind weht durch unsere Seelen. Marcel Proust und Reynaldo Hahn"

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Marcel Proust und Reynaldo Hahn. Der eine ist mit seinem Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" längst einer der wichtigsten Schriftsteller überhaupt, der andere heute nahezu vergessen, abgesehen vielleicht von einigen wenigen Liedern. Beide verband eine lebenslange Liebe und Freundschaft, der sich Lorenza Foschini in zahllosen Rückblenden und Schlaglichtern annimmt.

Als sich beide zum ersten Mal trafen, war Reynaldo Hahn noch der Bekanntere von beiden – Marcel Proust noch lange nicht mal auf dem erkennbaren Weg, der bedeutende Schriftsteller zu werden. Zwei Jahre war es zwischen beide eine intensive Liebe, und dann geschah das, was Proust mit seinen Liebhabern immer machte: Er überzog sie mit "Verdächtigungen, Eifersucht, peinlichen Befragungen, Nachforschungen".

Auch diese Liebe ging auseinander, aber dann wurde daraus eine lebenslange Freundschaft, fast mehr als das: Beide korrespondierten weiter intensiv und intim, teilweise sogar in einer Geheimsprache, so dass Hahn bis zum Tod von Proust trotz aller Krisen letztlich weiterhin dessen wichtigste Bezugsperson blieb.

Schlaglichter

Lorenza Foschini verklammert diese Thematik durch den Tod von Marcel Proust. Dieser war nahezu sein Leben lang gesundheitlich labil, hat sich aber von niemandem wirklich helfen lassen wollen. Dazwischen erfahren wir in knapp fünfzig kleinen Kapiteln die Liebesgeschichte der beiden als chronologische Rückblenden in vielen Schlaglichtern.

Die Autorin hat eifrig die zur Verfügung stehenden Quellen studiert, vorwiegend Briefwechsel und Biografien, und zusammengetragen, was möglich war. Sie weist darüber hinaus darauf hin, dass auch viel Material unwiederbringlich verloren ist. Nach dem Tod beider haben die Erben viel von deren Korrespondenz vernichtet. Der Grund liegt auf der Hand: Homosexualität war damals in Frankreich zwar nicht mehr verboten, aber doch gesellschaftlich alles andere als akzeptiert.

Das hätte ein kundiges Sachbuch werden können. Allerdings verfällt Lorenza Foschini immer wieder in eine merkwürdig gefühlige Sprache, die ziemlich romanhaft, mitunter sogar gefühlig anmutet. So bleibt man ratlos zurück, weil es methodisch unbefriedigend bleibt. Hier ein bisschen Zeitgeschichte, dort eher erzählende Elemente, dann wieder Materialdiskussion und Analyse. Schließlich auch ein paar Aspekte, inwieweit diese Beziehung in Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" verarbeitet wurde.

Es ist von allem ein bisschen – und somit leider insgesamt zu wenig.

Andreas Göbel, rbbKultur

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Es ist der längste und bedeutendste Roman der französischen Literatur: ein Zyklus aus sieben Bänden und mehreren tausend Seiten. rbbKultur startet mit einem echten Mammutprojekt ins neue Jahr: Marcels Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". In insgesamt 329 Folgen begeben wir uns gemeinsam mit den Hörer*innen von rbbKultur auf die Suche nach der verlorenen Zeit.

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