Zadie Smith: Grand Union © Kiepenheuer & Witsch
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Erzählungen - Zadie Smith: "Grand Union"

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Sie gehört zu den ganz Großen der zeitgenössischen Literatur - und wagt sich nun zum ersten Mal an etwas, das man so von ihr nicht kennt: die britische Schriftstellerin Zadie Smith hat mit "Grand Union" ihren ersten Erzählungsband veröffentlicht. Es sind 19 sehr unterschiedliche Short Stories, in denen sich die Autorin ausprobiert und in großer erzählerischer Dichte Themen wie Rassismus, Klassismus und Sexismus spürbar macht.

Was nach Schlagworten klingt, wird in Zadie Smith Geschichten mit Leben gefüllt. Zum Beispiel, wenn sie von Michael McRae erzählt, einem ehemaligen Polizisten in Boston. Nach einem Unfall bekam er starke Schmerzmittel, wurde abhängig und landete beim Heroin. Jetzt ist er clean, doch seine Frau, hat sich von ihm getrennt, die Kinder schämen sich für ihn und selbst die nette Lady von der Bibliothek für die er Jahre lang ehrenamtlich arbeitete, gibt ihm keine Chance mehr.

Klassismus, Rassismus, Fremdscham

Ein Mann, der einem leid tun kann. Nun ist er Chauffeur. Als er eine Architektin aus Uganda zu ihrem Vortrag in Harvard fährt, versucht er ihr zu gefallen. Er preist seine Vorliebe für schöne Gartenzäune - und seine Freude darüber, dass seine Söhne Freundinnen unterschiedlicher Ethnien hätten. Klassismus, Rassismus, Fremdscham - auf wenigen Seiten zusammengedrängt.

Die ganze Welt ist Text

Sehr unterschiedlich sind diese Geschichten. Sie spielen mal in den USA, mal in Großbritannien - den Orten, an denen die Autorin selbst lebt. Manche erzählen von der Vergangenheit, andere von einer düsteren Zukunft. Einige wenige leiden unter dem Experimentierdrang der Autorin, doch die meisten offenbaren ihren scharfen Blick. Den Impuls, die Welt mit Worten zu fassen zu bekommen. "Die ganze Welt ist Text" lautet ein zentraler Satz in diesem Band. Denn auch darum geht es in diesen Geschichten: um das Schreiben, um die Sprache selbst.

Ein "Mörder-Dichter"

Und so hat sie eine von ihnen "Kelsos Dekonstruktion" genannt. Zadie Smith erzählt darin vom letzten Tag im Leben Kelso Cochranes, einem Mann, der 1959 von Rassisten im Londoner Stadtteil Notting Hill ermordet wurde. Setze man die Aussage des Mörders linksbündig, wirkte sie wie ein Gedicht, heißt es. Worte ohne Reue. Ein Text voller Rassismus und Menschenverachtung. Die Erzählerin kommentiert:

"Das Gedicht verwendet alle gängigen Bezeichnungen - Schwarzer, Nigger, Farbiger - aber es kommt kein Mensch darin vor, der darauf Anspruch erhebt. Es sind keine Bezeichnungen für Kelso. Vielmehr bezeichnen sie eine ganz bestimmte Böswilligkeit im Kopf von Patrick Digby, dem Mörder-Dichter, dessen Name ihn wie alle Eigennamen, ganz genau umreißt.”

Mit Worten die Welt verändern

Menschen das Handeln abzusprechen, das Mensch sein, das ist ein Kern von Rassismus. Seine Quelle klar zu benennen ist eine Gegenstrategie: Der Fehler liegt im Denken der Mörder-Dichter. Und nur dort. Ein Gedanke, der stark an James Baldwin erinnert. "I am not your negro", dieser Satz stammt von ihm und meint: Ich lasse mich nicht zu eurer rassistischen Fantasie machen.

Eine Dekonstruktion, die weit mehr ist als Spielerei. Sie will mit Worten die Welt verändern.

Julia Riedhammer, rbbKultur

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