Zeruya Shalev: Schicksal © Berlin Verlag
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Roman - Zeruya Shalev: "Schicksal"

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Über das Schicksal nachzudenken, heißt, darüber nachdenken, ob das Leben nicht auch ganz anders hätte verlaufen können. Es heißt, nach Fehlern zu suchen, die vermeidbar gewesen wären oder nach dem Punkt, an dem eine Umkehr möglich gewesen wäre. Oder ist Schicksal vielmehr die Unabwendbarkeit der Ereignisse, die sich so oder so ähnlich vollziehen, ob man will oder nicht? Das sind Fragen, über die Zeruya Shalev in ihrem neuen Roman "Schicksal" nachdenkt oder über die sie vielmehr die beiden Frauen nachdenken lässt, die einander dort im Israel der Gegenwart begegnen.

Da ist zunächst die über 90 Jahre alte Rachel, die in ihrer Jugend in der Untergrundbewegung Lechi mit Waffengewalt gegen die britischen Besatzer kämpfte. Meno, der Mann, den Rachel damals liebte und mit dem sie sogar verheiratet war, verließ sie jedoch so plötzlich, wie sie ihm begegnete. Gemeinsam überbrachten sie einer jungen Frau einen irrtümlich bei ihnen gelandeten Brief von deren kranker Mutter, der dazu führte, dass die Briefempfängerin am nächsten Tag einen Bus bestieg, in dem sie das Opfer eines arabischen Terroranschlags wurde. So hat das Schicksal Meno und Rachel die Rolle von Todesengeln zugedacht. Meno erträgt das nicht, zieht sich radikal von Rachel zurück, sie sehen sich nie wieder.

Alles hängt mit allem zusammen

Der Roman beginnt damit, dass die uralte, verhärtete Rachel Besuch erwartet. Atara hat sich angekündigt, Menos knapp 50-jährige Tochter aus zweiter Ehe, die nach dem Tod ihres Vaters endlich mehr wissen will über dessen erste Ehe, an die zu erinnern ihr streng verboten war.

Sie ist eine moderne, israelische Frau, Architektin, die auf Denkmalschutz spezialisiert ist. Rachel hat zunächst wenig Neigung, sich mit ihr auseinandersetzen zu müssen, erzählt ihr dann aber, dass Atara auch der Name der jungen Frau gewesen ist, die damals ums Leben kam. Doch Atara hört ihr gar nicht richtig zu: Ihr Mann Alex ist während ihres Besuchs bei Rachel ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Sorge um ihn überlagert nun die Neugier auf die Vergangenheit ihres Vaters, und doch hängt alles mit allem zusammen.

Gespaltenes Israel

Nicht nur über Meno, den spröden Geliebten von einst, den jähzornigen, unberechenbaren Vater, sind die beiden so unterschiedlichen Frauen aus zwei Generationen schicksalhaft miteinander verbunden. Auch Atara ist in zweiter Ehe verheiratet, hat eine Tochter aus erster Ehe, die in den USA studiert, einen Stiefsohn, den Alex in die Ehe mitbrachte und einen gemeinsamen Sohn, der gerade seinen Militärdienst absolviert hat und sich jetzt in seinem Zimmer vergräbt und über Selbstmord nachdenkt. Um Rachel kümmert sich deren jüngerer Sohn, der sich fürs orthodoxe Judentum entschieden hat, während ihr Ältester den Kontakt mit ihr meidet und in einer Sozialwohnung vor sich hin lebt.

So weitet sich der Blick über die Familien zur Gesellschaft von heute und zur Frage, warum Israel zwischen Orthodoxie und einem plumpen, konsumistischen Materialismus gespalten zu sein scheint.

Ein ganzes Leben

Shalev erzählt vom Leben der beiden Frauen kapitelweise im Wechsel und jeweils aus deren Perspektive. Sie ist ganz dicht an ihren Figuren, indem sie deren innere Stimmen, ihre Sorgen, ihre Verzweiflung, ihre Trauer, ihre Wut, ihre Liebe und die Bewegungen ihrer Gedanken mitstenographiert. Das verleiht diesem Roman eine ungeheure Dichte an Empfindungen und Einsichten und eine ergreifende Wärme.

Es sind nur wenige Tage, auf die sich die Romanhandlung konzentriert, und doch enthalten sie das ganze Leben.

Ein grandioser Roman

Schon in ihrer zum Welterfolg gewordenen Trilogie "Liebesleben", "Mann und Frau" und "Späte Familie" hat Shalev sich mit komplizierten Familien- und Liebesverhältnissen beschäftigt. "Schicksal" schließt daran an, nimmt aber stärkeren Bezug zur politischen Gegenwart und zur historischen Entwicklung Israels. "Schicksal" bedeutet für die Protagonistinnen dieses grandiosen Romans eben auch, die Eingebundenheit ihrer Lebensläufe in die Geschichte ihres Landes zu begreifen.

Jörg Magenau, rbbKultur

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