Julia Cimafiejeva: Minsk. Tagebuch © edition.fotoTAPETA
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Chronik - Julia Cimafiejeva: "MINSK. Tagebuch"

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In weißen Kleidern, mit Blumen und weißrotweißen Fahnen protestierten die Belarusen vor knapp einem Jahr gegen die vom Regime Lukaschenka massiv gefälschten Wahlen im August 2020. Damals hoffte die Opposition noch auf einen friedlichen Wandel. Doch Präsident Lukaschenka, mittlerweile 27 Jahre an der Macht, setzt auf Staatsterror. Wie haben Belarusinnen und Belarusen dieses Jahr erlebt? Das Tagebuch der Lyrikerin und Übersetzerin Julia Cimafiejeva gibt Einblick in das Leben und Denken der demokratisch orientierten Belarusinnen und Belarusen.

Julia Cimafiejeva wurde 1982 geboren, sie hat drei Gedichtbände geschrieben und unter anderem Charles Bukowski, Edgar Allen Poe, Walt Whitman und Allen Ginsberg ins Belarusische übersetzt. Ihr Mann ist ein renommierter Schriftsteller in Belarus, Alhierd Bacharevic. Die beiden gehören zur Intelligenzia des Landes, die durch ihre Sprache – sie schreiben in Belarusisch, veröffentlichen in kleinen, widerständigen Verlagen – Unabhängigkeit suchen.

Hoffnung auf Wandel

"Ich habe mich an Niederlagen gewöhnt, wie wir alle", sagt sie über die langen Jahre der Lukaschenka-Diktatur – und sie schreibt von der plötzlichen Hoffnung auf Wandel, die das Land vor den Wahlen im August 2020 ergriffen hat. Der Song "Peremen" (Wandel) des Singer-Songwriters Viktor Tsoj, die Hymne der antisowjetischen Jugend von 1986, ist heute in Minsk wie in Moskau der Sound der friedlichen Demonstrationen.

"Ich habe noch nie in meinem Leben so lange Tage voller Angst und Hoffnung durchlebt", so Cimafiejeva, die in diesen schlaflosen Tagen und Nächten keine Gedichte schreiben kann. Wer etwa die Umbrüche 1989 in der DDR erlebt hat, erinnert sich an die Erregung, die alle ergreift, wenn plötzlich die Möglichkeit demokratischer Freiheit sichtbar wird.

Angst und Hilflosigkeit

Das Tagebuch ist in drei Teile gegliedert: August, Oktober, März. Drei Zeitfenster und Stufen von der Hoffnung zu Angst und Hilflosigkeit. Die Texte im ersten Teil sind von Erlebnissen rund um die Präsidentschaftswahlen geprägt: wie Cimafiejeva und ihre Freunde ihre Wahlzettel fotografieren, um festzuhalten, dass sie für die Oppositionspolitikern Swetlana Tichanowskaja abgestimmt haben; dann das erschütternde offizielle Ergebnis von 80 % für Lukaschenka und knapp 10 % für Tichanowskaja.

Zentral sind die Demonstrationen und Streiks, alles ganz neu und fast unvorstellbar seit 1990. Cimafiejeva schockiert die Polizeigewalt, die immer brutaler wird und das Bild im Oktober 2020 dominiert: "Mittlerweile werden täglich Freunde von mir verhaftet", schreibt sie. Es ist eine Frage der Willkür, wen es wie trifft, wer plötzlich verhaftet wird, in der Haft gefoltert wird oder nicht. "Leute gehen ins Gefängnis, weil sie Socken in der falschen Farbe tragen!" - nämlich in weiß-rot-weiß, den Farben der kurzlebigen belarusischen Republik.

Im dritten Teil, beginnend im März dieses Jahres, ist das Autorenpaar Cimafiejeva und Bacharevic mit einem "Writers in Exile"-Stipendium in Graz. Wie so viele Landsleute sind sie aus ihrem Land geflohen und empfinden vor allem Schuld darüber, unversehrt geblieben und weggegangen zu sein.

Ausweglosigkeit

Das Tagebuch ist ein Zeugnis der Ausweglosigkeit, wenn man mitdenkt, dass die belarusische Regierung nicht davor zurückschreckt, in den internationalen Luftverkehr einzugreifen, um einen Aktivisten wie Raman Pratassewitsch und seine Partnerin Sofia Sapega festzunehmen. Cimafiejevas Aufzeichnungen halten fest, dass die so brutal niedergeschlagene Revolution in Belarus in Zeiten von COVID stattfand und stattfindet; dass die Angst vor dem Staatsterror mit der Angst vor dem Virus verbunden ist. Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig soziale Medien, vor allem der Kanal Telegram, für die Kommunikation unter den Lukaschenka-Gegnern ist.

Die Lyrikerin Cimafiejeva rechtfertigt auch, dass der Präsident und seine Polizei-Truppen von den Aktivisten als Faschisten und Nazis bezeichnet werden: Ihre Generation ist mit Erzählungen von Gestapo-Methoden als Schulstoff aufgewachsen. Das Regime, im "Krieg gegen das eigene Volk", so Cimafiejeva, pervertiert das eigene Menschenbild.

Man kann dem Verlag fotoTapeta nur dankbar sein für seine Editionen mit verschiedenen Stimmen aus Belarus. Stimmen, die verdeutlichen, dass der Westen, insbesondere die EU, die belarusische Oppositionsbewegung nicht allein lassen darf.

Natascha Freundel, rbbKultur

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