Patricio Pron: Morgen haben wir andere Namen © Rowohlt
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Roman - Patricio Pron: "Morgen haben wir andere Namen"

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Kann eine ganze Generation beziehungsunfähig sein? Das deutet der jüngste Roman des argentinischen Schriftstellers Patricio Pron zumindest an. "Morgen haben wir andere Namen" offenbart einen leicht dandyesken Blick auf die Liebe in Zeiten von Tinder.

Was ist schlimmer als eine Partnersuche in Zeiten von Tinder? Für Patricio Pron mag die Antwort lauten: eine Trennung in genau diesen Zeiten. In seinem 2019 in Spanien und jetzt zwei Jahre später auf Deutsch erschienenen Roman "Morgen haben wir andere Namen" entwirft der in Madrid lebende Schriftsteller zwei Protagonisten: einen Mann und eine Frau Ende 30. In ihrem Freundeskreis galten sie lange als das perfekte Paar, doch eines Tages macht sie unvermittelt Schluss.

Aufbäumen gegen die Gleichförmigkeit eines Pärchen-Alltags

Es gab keine Krise, sie waren im Grunde nicht einmal unglücklich. Das, was für den einen – ihn – das Ideal einer Beziehung ist, wird für sie plötzlich zum Grund für eine Trennung: Es ist ein plötzliches Aufbäumen gegen die Gleichförmigkeit eines Pärchen-Alltags und gegen die Vorstellung, dass es das jetzt gewesen sein könnte. Dass das Leben die kommenden Jahrzehnte unverändert so weitergehen könnte.

Pärchen als doppelgesichtige Monster ohne "Ich"

Gut, sie wünscht sich Kinder, er nicht. Auch das könnte der eigentliche Trennungsgrund gewesen sein, auch wenn ihr das erst nachträglich bewusst wird. Es ist diese merkwürdige neue Identitätsfindung, die ein Mensch durchläuft, wenn er sich von seinem langjährigen Partner trennt, die Patricio Pron mit treffenden Metaphern seziert – wenn er das Paar als "doppelgesichtiges Geschöpf", als "Monstrum" beschreibt, das nun wieder zerlegt werden muss, mit allem, was dazugehört: der Wohnung, den Möbeln, den Büchern, dem Freundeskreis. Wenn es kein "Wir" mehr gibt, sondern nur zwei "Ichs" auf der Suche nach dem, was sie ausmacht.

Liebesbeziehungen als Konsumgüter

Was bei Pron vordergründig nach der Geschichte eines Paares und seiner Trennung aussieht, ist eigentlich das Bild einer neurotischen Großstadtgesellschaft, in der Liebesbeziehungen wie Waren konsumiert werden. Es ist, als würden den beiden Protagonisten plötzlich die Augen geöffnet und als erwachten sie in einer Welt, die an ihnen in ihrer Pärchen-Blasen-Zeit fröhlich vorbeigegangen ist:

Die Dating-Regeln sind ganz andere als vorher, aber nicht nur das: Auch die Arten und Weisen, wie Beziehungen geführt werden können, in welchen Konstellationen, nach welchen Regeln… Diese ganze Welt an grenzenlosen Möglichkeiten und Alternativen zum klassischen Ideal der romantischen Liebe als monogamer Zweierbeziehung strömt plötzlich auf die beiden Figuren ein.

Dick Pics und Blogs über letzte Worte auf WhatsApp

Das lässt Pron abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählen, aus der von Ihm und von Ihr. Auch im Roman haben sie keine Namen, sie heißen einfach nur Sie und Er. Was erzählerisch ein schöner Griff sein könnte, um zwei komplett unterschiedliche Geschichten desselben Stoffes zu erzählen, ist letztendlich doch enttäuschend: Einzelne Details variieren zwar, aber es bleibt doch ein und dieselbe Erzählstimme: der Ton ist bei beiden ein ähnlich distanzierter, mit vielen Beobachtungen und Einschüben analysierender.

Ein klein bisschen geht es dann auch darum, wie es mit Ihm und Ihr weitergeht, aber im Grunde sind die beiden Figuren Ausgangspunkt für ganz viele Betrachtungen: Sie ist in einer WhatsApp-Gruppe mit Freundinnen, wo alle ihre Beziehungsprobleme, Dating-Reinfälle und Dick Pics teilen, die sie ungefragt zugesendet bekommen. Er – auch ein Schriftsteller – trifft sich vor allem mit seiner Lektorin, die immer den passenden Link für ihn parat hat: den Blog über letzte Chatnachrichten bei WhatsApp, das Museum der Zerbrochenen Beziehungen in Zagreb …

Blick eines Dandys auf die Millennials

Letztendlich liest sich der Roman wie ein Sammelsurium an Skurrilitäten eines modernen Liebeslebens. Die Leserin findet eher eine Anreihung von unter der Lupe betrachteten Phänomenen vor, die das Bild eines neurotischen Liebesnomadentums zeichnen, als dass sie auf ausdifferenzierte Figuren und singuläre Schicksale trifft. Dann kommen noch ein paar Betrachtungen über die Gentrifizierung hinzu, über prekäre Arbeitsbedingungen, über die Auswirkungen der Finanzkrise in Spanien, die gläserne Decke, an die Frauen stoßen … Was für eine Fülle!

Teilweise sind Prons essayistische Betrachtungen stimmig und überraschend. Zum Teil aber auch einfach nicht – wenn sich Pron allzu sehr bemüht, ein stimmiges Porträt einer Millennials-Generation zu zeichnen, aus der Perspektive eines 45-Jährigen, der zwar mit analytischer Lupe, aber doch nicht frei von dandyesker Larmoyanz auf diese Generation blickt.

Warum eigentlich kein Essay?

Das Essayistische ist in jedem Fall eine Stärke von "Morgen haben wir andere Namen", und natürlich verbirgt sich dahinter eine größere Kritik am Kapitalismus, der selbst in unser intimstes Liebesleben eindringt und Partner austauschbar macht, einem die unendliche Auswahl und Konsumierbarkeit vorgaukelt. Ein Punkt, der in einem Essaybuch sehr gut aufgehoben wäre.

Aber wofür brauchen wir die Quoten-polyamor-lebende Figur, die Bisexuelle, all die Figuren mit den offenen Beziehungen, die Beziehungsunfähigen, der Familienvater, der leidenschaftlicher Hausmann ist, während seine Frau Karriere macht? Zur Demonstration, dass es all das gibt? Echt jetzt?

In dieser Häufung erschleicht einen eher das Gefühl, dass hier Romanfiguren nur dafür geschaffen wurden, eine Idee zu transportieren, Beispiele zu liefern für die vielen Arten des Liebens in Zeiten von Tinder. Aber ein Roman als Verkleidung für eine Kulturkritik wird der Idee eines Romans einfach nicht gerecht. Auch wenn die spanische Jury das anders gesehen hat, als sie Patricio Pron für "Morgen haben wir andere Namen" den Premio Alfaguara de Novela – den wichtigsten Romanpreis Spaniens – verliehen hat. Ein Essaypreis hätte womöglich besser gepasst.

Sarah Murrenhoff, rbbKultur

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