Alice Munro: Ferne Verabredungen © Fischer Taschenbuch
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Die schönsten Erzählungen - Alice Munro: "Ferne Verabredungen"

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Mit dem Erscheinen der Erzählbandes "Dear Life" ("Liebes Leben") verkündete die kanadische Autorin Alice Munro im Jahr 2012 das Ende ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Als Alice Munro ein Jahr später der Literaturnobelpreis zugesprochen und sie als "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte" gepriesen wurde, schickte sie denn auch eine ihrer Töchter, um die Auszeichnung entgegenzunehmen. Zu ihrem 90. Geburtstag sind dem Titel "Ferne Verabredungen" ihre "schönsten Erzählungen" versammelt.

Ein ziemlich hoher Anspruch. Eine Herausgeberin bzw. einen Herausgeber gibt es nicht. Wer könnte überhaupt in der Lage sein, objektiv zu begründen und plausibel zu entscheiden, welche der vielen Erzählungen, die Alice Munro in ihrer Schriftstellerinnen-Karriere aufs Papier gezaubert hat, die "schönsten" sind?

Über 150 Stories, die Munro dem Leben abgerungen hat

Jeder, der zwei, drei Bände ihrer Erzählungen gelesen hat, wird seine ganz eigene Auswahl treffen, die ja schon deshalb schwer ist, weil ihre Stories fast immer makellos und perfekt sind und es mit Alice Munro, wie Jonathan Franzen zurecht anmerkte, "auf diesem Planeten allenfalls eine Handvoll Schriftsteller aufnehmen" können.

Über 150 Erzählungen: wenn man bedenkt, dass viele der Stories 50, 60, 70 Seiten umfassen, ein gigantisches Werk, das Alice Munro dem Leben abgerungen hat. Denn als sie anfing zu schreiben und zu veröffentlichen, hatte sie mit Anfang zwanzig gerade geheiratet, war ihrem damaligen Ehemann, James Munro, behilflich eine Buchhandlung aufzubauen (die es heute noch in Victoria auf Vancouver Island gibt), sie hatte drei Kinder geboren und nicht mal einen eigenen Schreibtisch zur Verfügung, sondern saß zum Schreiben in der Küche oder im Schlafzimmer. Aber beklagt hat sie sich nie, sondern wollte genau darüber schreiben: dass wir fast nie das bekommen, was wir vom Leben erwarten, sondern meistens etwas anderes, das wir erst noch begreifen und wert schätzen müssen.

Munro sucht die Essenz eines Gedankens, den Kern einer Handlung

Alice Munro ist in der Lage ist, das Schwierige leicht und das Komplexe einfach zu machen. Sie feilt unentwegt an ihren Sätzen, kürzt, verdichtet, sucht die Essenz eines Gedankens, den Kern einer Handlung, den Grund der menschlichen Existenz, will wissen, warum unsere Sehnsucht nach einem anderen Leben an der Wirklichkeit zerschellt, wir immer zu viel oder zu wenig wollen und nie das richtige Maß und das perfekte Glück finden.

Ihre Geschichten springen oft unmittelbar in eine Handlung hinein, enden irgendwann völlig offen, dazwischen ereignen sich abgründige, manchmal auch absurde Dinge. Die Erzählerin blickt nüchtern auf das Leben der anderen, sie wertet und erklärt nicht, sondern beschreibt, was sie sieht, hört, erinnert. Manchmal vergehen - von einem zum nächsten Satz - Jahrzehnte, Munro springt vor und zurück, nimmt einen neuen Blickwinkel ein, wechselt abrupt die Erzähl-Perspektive. Mit einem einzigen Wort fängt sie Stimmungen ein, die eine Familie oder eine Gesellschaft ausmachen.

Es geht immer um Liebe und Sex, Schmerz und Aufbruch, das Scheitern einer Ehe, die Flucht in eine neue Beziehung, das Leid, das wir bei anderen verursachen. Munro fragt, ob es sich lohnt, für unsere Träume alles aufzugeben, immer wieder bringt sie uns dazu, über unser Leben und unsere Angst vor dem Tod nachzudenken, distanziert und messerscharf: den Geschichten, die viel erzählen und noch mehr verschweigen, kann man nicht sich entziehen.

Acht Erzählungen jüngeren Datums

"Ferne Verabredungen" versammelt acht Erzählungen jüngeren Datums. Mit dabei ist die erfolgreich verfilmte abgründige Story "Der Bär kletterte über den Berg", die Geschichte des alten Ehepaares, dessen Leben und dessen Liebe sich allmählich auflöst, als die Frau an Demenz erkrankt und ins Heim gebracht wird, die verwirrte Frau ihren fürsorglichen Ehemann, der eine schlüpfrige Vergangenheit als notorischer Ehebrecher hinter sich hat, irgendwann nicht mehr erkennt, sich aber stattdessen in einen anderen kranken Heimbewohner verliebt.

Oder "Jakarta", die Geschichte einer jungen Ehefrau und Mutter, die heimlich raucht, Romane liest und sich für ihren Krawatte tragenden, konservativen Ehemann vor ihren Hippie-Freunden schämt. Plötzlich, alles hat sich verändert, niemand ist glücklich geworden, treffen wird nach einem brachialen Zeitsprung den inzwischen fast greisen Ehemann wieder treffen: Er besucht eine Freundin seiner damaligen Frau, dessen Ehemann plötzlich verschwand, der sich vielleicht nach Jakarta in ein neues Leben abgesetzt hat; die beiden reden aber aneinander vorbei und spekulieren in Blaue, warum alles so kam, wie es wohl kommen musste.

Eine großartige Story aus dem Jahr 1950

Und dann ist da diese eine großartige ältere Story aus dem Jahr 1950: die erste Erzählung, die die noch völlig unbekannte Alice Munro in einer Zeitschrift veröffentlichen konnte: "Die Dimension eines Schattens", 2013 ins Deutsche übersetzt und jetzt zum ersten Mal in deutscher Buchform.

Schon in dieser frühen Erzählung erweist sich Alice Munro als grandiose Erzählerin: Miss Abelhart, eine vom Leben enttäuschte, von erotischen Wünschen zermürbte Lehrerin, fantasiert sich in eine Liebesbeziehung zu einem ihrer Schüler hinein. Sie offenbart sich ihm nach dem Ende des Schuljahres, als sie ihn abends - in der Dunkelheit, auf dem Heimweg von der Kirche - trifft. Auch er offenbart ihr seine Liebe, bis sich alles in Luft auflöst, sein Körper nur Einbildung, seine Liebe nur ein Traum war und die vorbei laufenden Schülerinnen, die mit anhören, wie ihre Lehrerin mit einem Geist spricht, kichern, Miss Abelhart auslachen und verhöhnen. Eine traurige und zugleich wunderschöne Erzählung.

Der ganz normale Widersinn des Lebens eindringlich beschrieben

Jeder Leser hat seine eigne Lieblingsgeschichte: am schönsten finde ich die klug gebaute und schmerzliche Einsichten auf den bitteren Punkt bringende Storie "Die Kinder bleiben hier": eine junge Frau verlässt ihren Mann und ihre beiden kleinen Töchter, weil sie mit ihrem Leben unzufrieden ist und ihre sexuellen Bedürfnisse unbefriedigt sind. Sie glaubt, einen Künstler zu lieben, einen Tausendsassa, der die örtliche Theatergruppe leitet, die junge Frau mit seinem Gequassel verzaubert und sie mit sich in eine ungewisse Zukunft reißt.

Nach einem harten Schnitt - dreißig Jahre sind vergangen - wird Rückschau gehalten, Bilanz gezogen, der Künstler ist längst abserviert, die Frau hat ein anderes, unerwartetes Leben geführt: "Die Kinder", schreibt die gegen jede Gefühlsduselei gewappnete Erzählerin, "sind groß geworden. Sie hassen sie nicht. Dafür, dass sie fortgegangen oder fortgeblieben ist. Sie vergeben ihr auch nicht. Vielleicht hätten sie ihr ohnehin nicht vergeben, aber dann wegen etwas anderem."

Kann man den ganz normalen Widersinn des Lebens besser und eindringlicher beschreiben?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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