Bernhard Schlink: 20. Juli. Ein Zeitstück © Diogenes
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Ein Zeitstück - Bernhard Schlink: "20. Juli"

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Bernhard Schlink ist Jurist und Autor. Er hat Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie gelehrt und sich - quasi im Nebenberuf - als Schriftsteller ausprobiert. Mit "Der Vorleser" landete er 1995 einen fulminanten Weltbesteller, der in über 50 Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt wurde. Zuletzt brillierte er mit "Abschiedsfarben", einer Sammlung von Erzählungen. Jetzt versucht sich der inzwischen 77-Jährige als Theaterautor: "20. Juli. Ein Zeitstück" heißt sein Drama.

Schlink will nicht das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 rekonstruieren, sondern zielt auf die Gegenwart und die Frage, welche Lehren wir aus dem gescheiterten Widerstand von damals für heutiges Handeln ziehen könnten, vielleicht sogar müssten.

Ob und wann ist ein Attentat legitim, um späteres Unrecht zu verhindern?

Das historische Datum ist Anlass, um juristisch, politisch, moralisch zu diskutieren, ob und wann ein Attentat legitim und ein "präventiver Tyrannen-Mord" durch das Grundrecht auf Widerstand und das Völkerrecht gedeckt sein könnte, weil durch vorausschauendes Handeln späteres Unrecht verhindert werden kann. Nur am Rande wird erklärt, warum das Attentat schlampig geplant wurde und eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Schlink und seine Bühnen-Protagonisten konstatieren knapp und klar, dass der Widerstand viel zu spät kam, dass man Hitler viel früher hätte beseitigen müssen: am besten bereits am 20. Juli 1931, als man noch viel leichter an den Demagogen herankam, er noch ziemlich ungeschützt durch deutsche Lande reiste und seine populistischen, antisemitischen und rassistischen Phrasen verbreiten konnte. Schon damals, das ist die These, war ersichtlich, wohin alles führen würde: Hitler hatte ja alles in "Mein Kampf" aufgeschrieben, seine Partei bekam immer mehr Zulauf; dass Hitler die Macht ergreifen, eine Diktatur errichten, einen Krieg und die Vernichtung der europäischen Juden anzetteln würde, zeichnete sich bereits am Horizont ab.

Wäre es also richtig und legitim gewesen, Hitler rechtzeitig zu töten, und wäre es auch heute richtig und legitim, den Anführer einer neuen Rechtspartei zu töten, um absehbares späteres Unheil zu verhindern?

Düsteres Szenario

Die Protagonisten des Dramas sehen schwarz und malen ein düsteres Szenario: die sogenannte "Deutsche Aktion" (DA) hat soeben bei einer Landtagswahl 37 Prozent der Stimmen bekommen, bei der nächsten Bundestagswahl wird sie vielleicht stärkste Kraft sein und den Kanzler stellen. Die Bewegung hat in Rudolf Peters einen charismatischen Führer, der wie ein neuer attraktiver junger Kennedy auftritt, modische Kleidung trägt, smart lächelt, die Leute mit seinen populistischen Phrasen um den Finger wickelt und den uralten politischen Wein in neuen Schläuchen verkauft.

Seine politischen Wahlverwandten heißen Trump, Orbán und Kaczyński, er wettert gegen das internationale Finanzkapital, die Systemparteien und die Brüssler Bürokraten, er faselt von Überfremdung und "Umvolkung", will Deutschland den Deutschen zurück geben und alle Flüchtlinge in ihre Heimat zurückschicken. Alles, was Neo-Nazis heute verquast absondern, bringt Rudolf Peters mit zuckersüßer Stimme auf den gefährlichen Punkt - und auf die Bühne.

Peters gehört nicht zum Kern-Personal, ist aber die ganze Zeit als böser Unruhestifter anwesend, immer wenn über ihn geredet, vor ihm gewarnt und darüber diskutiert wird, ob man ihn nicht "präventiv" beseitigen sollte, tritt er aus dem Hintergrund, lächelte aasig und hält im Rampenlicht eine seiner verführerischen Reden, bevor er sich wieder siegessicher ins Dunkle zurückzieht.

Diskussion über einen "präventiven" Mord

Eine Gruppe von Abiturienten, es ist der 20. Juli, hat ihren letzten Schultag, ihre letzte Schulstunde bei Geschichtslehrer Ulrich Gertz. Sie debattieren ein letztes Mal über das gescheiterte Attentat und ob die Lichtgestalten des Widerstands für sie Ansporn und Vorbild sein können. Noch theoretisieren sie nur, fragen den Lehrer, ob er den Mut gehabt hätte, "präventiv" zu schießen. Sie entlarven ihn als schöngeistigen Weltverbesserer, der allenfalls bereit ist, den Müll zu trennen und Stolpersteine zu setzen, aber kleinlaut ist, wenn es brenzlig wird und das eigene Leben auf dem Spiel steht.

Die Jugendlichen werden sich abends noch einmal zu einer Abschiedsfete treffen, auch da ist wieder Lehrer Gertz dabei und wird wieder über den "präventiven" Mord gesprochen, doch diesmal wird es ernst, denn einige der Abiturienten beschließen, aus Worten Taten werden zu lassen, sich eine Waffe zu besorgen, sich an die Fersen von Rudolf Peters zu heften, ihn auszuspionieren und herauszufinden, wann und wo ein Attentat gelingen könnte.

Neunmalkluges Geplapper von vermeintlichen Jugendlichen

Aus dem Debattierclub wird aber leider kein Schauspiel. Alles bleibt bloßes Gerede, aufgesagt von politischen Pappkameraden, die ihre auswendig gelernten Statements abgeben und ihre aus juristischen und politischen Fachbüchern ausgeborgten Erkenntnisse aufsagen, die - wenn sie witzig sein wollen - Plattitüden herunterbeten wie: "Wer zu spät schießt, den bestraft das Leben", oder - wenn ihnen Schlink zeitgeistigen Jargon in den Mund legt - Blödsinn quasseln wie: "Manchmal komme ich mir selbst fake vor".

Fürchterlicher intellektueller Quark kommt zustande, wenn ein Schüler salbadert: "Wenn das politische Attentat aus Ehrgeiz oder Eifersucht geschieht, ist es unsauber. Sauber ist es nur, wenn es als Aufgabe stimmt und nichts sonst eine Rolle spielt, erst recht nichts Persönliches."

Das ist neunmalkluges Geplapper von vermeintlichen Jugendlichen, die Schlink sich aus einem Oberseminar für Juristen und angehende Professoren ausgeliehen hat. Dramatik kommt dabei nicht auf, auch nicht, wenn eine Abiturientin beichtet, dass sie eine Affäre mit ihrem Lehrer hat und von ihm ein Kind erwartet, oder wenn ein alter Mann wie der Geist von Hamlets Vater durchs Theorie-lastige Gelaber stolpert und ein paar Weisheiten ausplaudert.

Ein dramatisch schlechtes "Zeitstück"

Zum Schluss nimmt die hölzerne Theater-Austreibung eine unerwartete Wende: Trotzdem ist das einzig dramatische an dem "Zeitstück" die Tatsache, dass es dramatisch schlecht ist. Großer Murks. Die Schauspieler, die das auf die Bühne bringen, und die Zuschauer, die das ertragen müssen, sind wahrlich nicht zu beneiden.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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